Tanztheater
: Neue Bühnensprache?

„Dem Gina seng nei Welt“ ist ein Tanztheaterstück der APEMH, basierend auf einer Choreographie Sylvia Camardas. Ein Stück, das Beklemmung hinterlässt und einen zu dem Schluss bringen könnte: Inklusion auf der Bühne sei nicht möglich.

1326_Event_Inklusives_Theater

Es ist schon ein Ärgernis mit der allseits beschworenen „Inklusion“. Der Modebegriff will uns weismachen, dass alle Menschen trotz aller Unterschiede und Einschränkungen in dieser Gesellschaft harmonisch zusammenleben können. Bei diesem seligen Miteinander soll jeder dazugehören, die liberale Chancengleichheit ist das imaginierte Ziel. Doch die Inklusionsbotschaft mag auf Weihnachtskärtchen ihre Wirkung tun – im wahren Leben erweist sie sich meist doch nur als Wunschtraum und muss offenbar gerade deshalb zwanghaft beschworen werden. Bisweilen sehnt man sich nach dem Zorn der „Krüppelbewegung“, der Behindertenrechtsbewegung der 1970er Jahre, die noch für ihre Rechte aufstand. Denn Inklusion ist auf den meisten Veranstaltungen längst zum Label für Wohlfühlveranstaltungen geworden. Der Stempel „inklusiv“ wird so auch allen Kulturveranstaltungen aufgedrückt, die, in welcher Weise auch immer, Behindertenfreundlichkeit für sich reklamieren. Handelt es sich um Schauspiel, so werden die Darsteller als besonders „süß“ bezeichnet und damit reduziert auf ihr Anderssein. Dabei müsste „Inklusion“ gerade auf der Bühne funktionieren, dem Ort, wo etwas Künstliches entsteht, Illusionen kreiert und schnell wieder gebrochen werden.

Die Idee, Darsteller mit einer sichtbaren Behinderung auf die Bühne zu bringen, ist so neu nicht. Suchte Christoph Schlingensief mit „Freakstars 3000“ noch bewusst die Provokation, indem er Menschen mit Down-Syndrom einsetzte, ihre Authentizität beschwor und mit ihnen Fernsehshows parodierte, so gibt es heute zahlreiche inklusive Theatergruppen, die den Hinweis „inklusives Projekt“ (statt „Behindertentheater“) wie einen Qualitätsvermerk, ganz wie das Prädikat „gut“ der Stiftung Warentest, tragen.

Menschen mit Behinderung auf die Bühne zu zerren, hat heute aber durchaus immer noch einen ähnlichen „Vorführeffekt“ wie einst im Zirkus, wo Kleinwüchsige oder Schwarze als „exotisch“ ausgestellt wurden. Der Blick auf Personen mit einer Behinderung wechselt dabei noch immer zwischen dem auf den „Wunderknaben“, der besondere Emotionen auslöst, und dem auf das „Sorgenkind“, das des Schutzes bedarf. Aus diesem Muster auszubrechen, haben aber doch einige Theatergruppen – auch in Luxemburg – geschafft. Ähnlich wie dem Hamburger Theater-Ensemble „Meine Damen und Herren“ ist es etwa dem Collectif Dadofonic der Ligue HMC unter der Leitung von Dagmar Weitze und Claude Englebert gelungen, inklusive Stücke auf die Bühne zu bringen, die man ernstnimmt. Vielleicht gerade deshalb, weil die Beteiligten als Künstler behandelt und nicht als „arme Behinderte“ abgestempelt werden, die der Fürsorge oder des Schutzes bedürfen.

Ganz anders verhält es sich mit der jüngsten Produktion von Sylvia Camarda, die mit dem Tanztheaterstück „Dem Gina seng nei Welt“ einer knapp einstündigen Choreographie für rund ein Dutzend Jugendliche mit und ohne Behinderung in Kooperation mit Schauspielern der APEMH geschaffen hat.

Das Stück ist als „eine Art Märchen“ konzipiert: Gina bekommt Besuch von verschiedenen Märchenfiguren, die sie mitnehmen auf eine Reise. Die Musik hat Frank Hemmerlé komponiert. Percussion bildet den musikalischen Hintergrund und untermalt die Emotionen des Stücks. Das Bühnenbild ist schlicht, lediglich ein paar Stühle dienen als Kulisse.

Zentrales Anliegen der Choreographin ist die Zusammenarbeit: Es geht darum, „zu lernen, miteinander umzugehen“. Respekt ist sehr wichtig, unterstreicht Camarda. Die Produktion sei ein durch und durch „menschliches Stück“, indem „die normalen“ Schauspieler auf „die Behinderten“ aufpassen und so Verantwortung übernehmen. Für einige der TeilnehmerInnen ist es die erste Bühnenerfahrung.

Camarda hat sich unter anderem durch eine bekannte englische Tanzkompanie, die auch mit Menschen mit Behinderung arbeitet, inspirieren lassen. Sie begreift die Behinderung der Schauspieler als neuen Wortschatz. „Wir haben eine Sprache miteinander gefunden“, ihre Schauspieler nennt Camarda „meine Behinderten“ oder „meine warriors“.

Über das Stück erzählt sie: „Wir haben ein ‚normales’ Mädchen, das gewohnt ist, gerade, freundlich und ordentlich zu sein, und die sich nicht auf den Boden setzen und in ihrem Zimmer tanzen darf. Sie bekommt Besuch von verschiedenen Peter Pans und wird verzaubert von den Feen, die ihr eine neue Welt zeigen, in der alles möglich ist“. Und die Leute, die sie besuchen, nehmen sie in „Dem Gina seng nei Welt“ mit auf eine Reise.

„Die Geschichte, die wir hier erzählen, ist ein bisschen das, was jeder oder jede hier gelernt hat, denn alle haben sich öffnen müssen. Beim letzten Mal hat ein Mädchen in die Hose gemacht, und ein anderes hat darauf gesagt: „Das ist normal – das kommt bei jedem mal vor!“ Camarda: „Dann sag ich ‚toll!’. Sie nehmen die Probleme der anderen an und lernen mit ihnen umzugehen, und ich glaube, das ist die Geschichte, die wir hier auf der Bühne erzählen.“

Entstanden ist ein Stück, dessen musikalische Untermalung einen mitzureißen vermag. In der Mitte der Bühne steht das Mädchen Céline lieblich im kurzen Röckchen, schaut verschüchtert, verträumt oder verängstigt in die Welt und beginnt unvermittelt zu singen. Die Berührungsängste hat sie irgendwann überwunden. Die Schauspieler treten auf die Bühne und drehen Pirouetten, breiten die Arme zu Flugzeugflügeln aus oder jonglieren in einem Tanz mit den Stühlen. Zwischendrin wird ein Mädchen im Rollstuhl auf die Bühne geschoben und schaut interessiert auf die bunte Truppe. Ein Junge übt sich im Schattenboxen und nimmt dann wieder eine Frau mit einer Lernschwäche in den Arm, beschützt sie, führt sie an der Hand.

So ist im Endeffekt genau das herausgekommen, was mit etwas Gespür hätte verhindert werden können: Jugendliche mit Behinderung werden auf die Bühne gestellt, vorgeführt. Was bleibt, ist ein beklemmendes Gefühl und der Eindruck, gutgemeintem Betroffenheitstheater beigewohnt zu haben.

Am 4. Juli 2015 um 19.30h in der Kufa 
in Esch

Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.