„The Ends of the Humanities“
: Orientierungswissen für 
die Gesellschaft


Von Sonntag bis Mittwoch findet in Luxemburg eine internationale Konferenz zum Thema „The Ends of the Humanities“ statt. In über 70 Vorträgen werden WissenchaftlerInnen aus mehreren Kontinenten die Krise der Geistes- und Sozialwissenschaften diskutieren. Die woxx sprach mit dem Organisator Georg Mein, Dekan der humanwissenschaftlichen Fakultät der Universität Luxemburg.

(Foto: woxx)

woxx: Die von Ihnen organisierte Konferenz will ausloten, wie die „Humanities“ ihre Bringschuld gegenüber der Gesellschaft einlösen können. Wieso ein so defensiver Ansatz?


Georg Mein: Der Begriff Bringschuld wird hier etwas polemisch verwendet. Heutzutage ist vielfach die Rede von Nützlichkeitserwägungen, wenn es um Studieninhalte und die Organisation der Universität geht. Es stehen Kompetenzfloskeln im Vordergrund, die für die spätere Karriere und für den „return on investment“ entscheidend sein sollen. Sollte man nicht nur solche Fächer studieren, die später eine vermeintlich sichere Karriere offerieren? Wenn wir also von einer Bringschuld reden, wollen wir dieses utilitaristische Denken umwenden und fragen: Was ist die Relevanz der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fächer für die Gesellschaft? Die grundsätzliche Frage, zu welchem Zweck diese Universität hier in Luxemburg existiert, wird immer noch kontrovers diskutiert. Das ist auch gut so, und als Dekan der geistes- und sozialwissenschaftlichen Fakultät will ich hier in Richtung der Politik einen Impuls geben. Wovon sprechen wir, wenn wir von der Universität reden? Es handelt sich eben nicht um eine Erfüllungsgehilfin für ökonomische oder politische Zwecke, sondern um eine Institution, die sich der Bildung, und nicht nur der Ausbildung, verschrieben hat.

„Die Universität ist keine Erfüllungsgehilfin für ökonomische oder politische Zwecke.“

Diese Infragestellung gilt ja auch für naturwissenschaftliche Grundlagenforschung, die sich auch nicht auf unmittelbare Nützlichkeit verpflichten lassen kann. Da scheint es aber weniger Bedenken zu geben?


Das liegt daran, dass die Naturwissenschaften einen ganz anderen Nimbus haben. Jeder kann etwas zu Literatur, Geschichte, Psychologie oder Kultur sagen. Es gibt eine Art Impuls der nicht-akademischen Öffentlichkeit, der eine gewisse Nähe zu den Themen setzt, die die Humanities abdecken. Nehmen wird als Beispiel die Erziehungswissenschaften: Jeder redet beim Thema Schule mit, weil jeder schon einmal selbst in die Schule gegangen ist. Wenn wir aber über den zweiten Hauptsatz der Thermodynamik sprechen, über mathematische Formeln oder das, was im Innersten einer Zelle abläuft, dann ist das ein Spezialistenwissen, das sich nicht so ohne Weiteres im alltäglichen Diskurs widerfindet. Und es wird vielleicht gerade deshalb als relevant empfunden, weil es nur von wenigen Experten verstanden wird. Dahinter scheint natürlich die alte Trennung zwischen den natur- und den geisteswissenschaftlichen Fächern durch. Die lässt sich aber heute so nicht mehr aufrechterhalten.

Die Trennung existiert aber auch institutionell, in der Organisation der Fakultäten …


Ja, aber die eigentliche Frage ist, was verbinde ich mit diesen beiden Wissenschaftskulturen. Die Geistes- und Sozialwissenschaften zielen auf eine andere Wissensformation ab als die Naturwissenschaften. Der Wissenschaftstheoretiker Jürgen Mittelstraß hat das einmal so formuliert: Die Naturwissenschaften produzieren ein Verfügungswissen, wohingegen die Geisteswissenschaften ein Orientierungswissen schaffen – beides ist für die Gesellschaft unverzichtbar.

Als Auftakt wird Hans Ulrich Gumbrecht von der Stanford University fragen, ob eine Neudefinition unter dem Leitbegriff der „Kontemplation“ helfen könnte, die Rolle und die Funktionen der Geisteswissenschaften neu zu bestimmen. Was kann man sich darunter vorstellen?


Was er genau damit meint, werden wir am Abend des Vortrags – den ich so noch nicht kenne – hören. Aber ich kann mir gut vorstellen, was er im Kopf hat. Die Humanities bringen ein Wissen der Selbstreflexion hervor, durch das dasjenige, was wir Kultur oder Gesellschaft nennen, erst wirklich entsteht. Diese Form von Selbstwahrnehmung und Selbstbewusstsein wird durch historisches Wissen, durch das Wissen der Psychologie, der Philosophie, durch ethische Reflexion, usw. – kurzum durch alles das, wir als die Kultur begreifen – erst produziert. Es ist nicht nur ein Wissen, das über etwas nachdenkt, sondern das dieses Etwas, über das es nachdenkt, ständig mitentwickelt, mit-konstituiert.

„Die Humanities bringen ein Wissen der Selbstreflexion hervor, durch das dasjenige, was wir Kultur oder Gesellschaft nennen, erst wirklich entsteht.“

Wie lässt sich ein solcher Ansatz auf die Luxemburger Verhältnisse übertragen, wo das Nützlichkeitsdenken in Bezug auf die Rolle der Universität doch sehr ausgeprägt ist?

Ich bin seit elf Jahren in Luxemburg tätig und kenne die Genese der Universität ziemlich genau. Zum einen gab es das Iserp mit der Lehrerausbildung, zum anderen aber auch den Centre universitaire mit unter anderem sehr guten Historikern. Es gibt überhaupt in Luxemburg eine sehr ausgeprägte Tradition der Geistes- und Humanwissenschaften – ich denke da beispielsweise an Institute wie das Literaturzentrum in Mersch. Es gab eine sehr ausgedehnte psychologische Forschung usw. Das hat sich in den letzten 15 Jahren zu einer Fakultät zusammengezogen. Und es kam noch sehr viel Expertise aus andern Ländern hinzu, mit einer sehr internationalen Professorenschaft. Anders formuliert: Die schon vorhandene Expertise hat sich mit den neu berufenen Kollegen positiv amalgamiert. Die Konferenz ist deshalb auch eine Konferenz der gesamten Fakultät. Wir versuchen, alle Bereiche in Interaktion miteinander zu bringen. Hierbei hat Luxemburg ohne Zweifel eine Chance. Es gibt jetzt diesen einen auratischen Ort, also die Universität, wo so etwas organisiert werden kann. Das ist wirklich etwas Einmaliges.

„Das Diktat an die Wissenschaft, nützlich zu sein, vernichtet diese.“

Ihr Optimismus in Ehren, aber die jüngsten Entwicklungen zeigen doch eher, dass die Politik nicht unbedingt einsieht, weshalb auch eine humanwissenschaftliche Fakultät Forschungsgelder braucht …


Das ist sicherlich richtig. Wenn wir uns die europäischen Förderrichtlinien ansehen, aber auch die national geltenden, dann gibt es deutlich mehr Programme für die naturwissenschaftlichen Bereiche als für die Geistes- und Sozialwissenschaften. Wir sind von zwei Seiten unter Druck. Es gibt diese Förderpolitik, und es gibt einen nie enden wollenden Legitimationsdruck, der von uns verlangt, „nützlich“ zu sein. Schon Humboldt wusste, dass das Diktat an die Wissenschaft, nützlich zu sein, diese vernichtet. Das heißt aber nicht im Umkehrschluss, dass Wissenschaft unnütz ein muss. Aber sie muss frei sein, im Sinne von Autonomie. Wenn die Politik immer ganz emphatisch von Mündigkeit, Demokratie und Freiheit redet, muss sie sich auch bewusst sein, dass diese drei Begriffe Konstrukte der Geisteswissenschaften sind. Wer die Bedrohung durch den Populismus beschwört oder sich über die Inkompetenz eines offensichtlich illiteraten Politikers wie Donald Trump beschwert, zugleich aber dem geistes- und sozialwissenschaftlichen Diskurs die Relevanz abspricht, bei dem ist etwas aus dem Lot geraten.


Zur Person

Georg Mein, Jahrgang 1970, hat Germanistik, Philosophie und Erziehungswissenschaften studiert und ist seit 2006 Professor für Neuere deutsche Literaturwissenschaft an der Universität Luxemburg. Seine Forschungsschwerpunkte sind deutsche Literatur vom 18. bis 21. Jahrhundert, Kultur- und Medientheorie, Literatursoziologie und Literalitätsforschung. Seit 2013 ist er Dekan der „Faculté des lettres, des sciences humaines, des arts et des sciences de l’éducation“. 
Bevor er nach Luxemburg kam, lehrte er an der Universität Bielefeld, wo er 2006 habilitierte. Seinen Doktortitel erhielt er 1999 an der Universität Bonn. Zuvor hatte er eine Ausbildung als Sekundarlehrer für die Fächer Deutsch und Philosophie abgeschlossen.


„The Ends of the Humanities“ (10. – 13.9.2017)

Als Auftakt zur Konferenz lädt die Universität in Zusammenarbeit mit dem Institut Pierre Werner an diesem Sonntag dem 10. September um 17 Uhr in die Abtei Neumünster ein. Unter dem Titel „Contemplation – As an End of the Humanities“ wird Hans Ulrich Gumbrecht (Stanford University) die prekäre Situation der heutigen Geisteswissenschaften skizzieren und fragen, ob eine Neudefinition unter dem Leitbegriff der „Kontemplation“ helfen könnte, ihre Rolle und ihre Funktionen neu zu bestimmen. Der Vortrag findet in englischer Sprache statt. An der anschließenden Podiumsdiskussion nehmen Ludwig Neyses (Rektor i.V. der Universität Luxemburg), Christophe Langenbrink (Luxemburger Wort) und Michel Margue (Professor für Geschichte des Mittelalters) teil. Sie wird von Georg Mein moderiert. Der Eintritt ist frei.

Ab Montag 9 Uhr bis Mittwoch 17 Uhr wird die Diskussion in der Maison du Savoir auf Esch Belval in mehr als 70 Vorträgen und vier weiteren Keynotes vertieft: Claudine Moulin (Trier) – Das Digitale und die geisteswissenschaftlichen Forschungskulturen – Montag 12 Uhr; Jürgen Fohrmann (Bonn) – Das Gespinst der Geisteswissenschaften – Montag 17h30; Cary Wolfe (Houston) – Posthumanism and Interdisciplinarity – Dienstag 12 Uhr; Dirk Baecker (Witten/Herdecke) – Der Geist in der Flasche – Mittwoch 12 Uhr.

Die WissenschaftlerInnen loten dabei aus, wie die Humanities ihre Bringschuld gegenüber der Gesellschaft bedienen können: Welche sozialen Funktionen haben sie in der Vergangenheit konkret erfüllt, welche werden sie in Zukunft zu erfüllen haben, und wie lassen sich die neuen und alten Funktionen der Humanities in Forschungsprogramme und Lehrkonzepte umsetzen? Ausgangspunkt der Konferenz ist die Überzeugung, dass die Humanities letzten Endes die Generalzuständigkeit für den Erhalt eines Großteils der Kulturtechniken haben, auf die sich unsere Gesellschaft stützt.

Das komplette Programm kann unter endsofthehumanities.com eingesehen werden.


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