Theater: Das bessere Leben 
ist Anderswo

In seiner Inszenierung von Aristophanes’ „Die Vögel“ im Kasemattentheater hat Stefan Maurer den antiken Stoff in die Gegenwart verlegt. Drei Schauspieler glänzen auf der Bühne und scheitern auf der Suche nach Utopia.

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Ausschau nach dem Ort, an dem alles besser ist … (Foto: Ricardo Vaz Palma)

Ist am Ende der Himmel die Hölle auf Erden? Den Traum von einem besseren Leben in einem utopischen Idealstaat träumten die Bürger Athens schon vor über 2.500 Jahren. In Aristophanes’ Komödie „Die Vögel“ (414 v. Chr. uraufgeführt) haben die zwei Hauptpersonen, die Athener Peithetairos und Euelpides, irgendwann die Nase voll von der attischen Demokratie und ziehen auf der Suche nach einem besseren Ort von dannen. Im Reich der Vögel begegnen sie Wiedehopf (dem einstigen König Tereus) und gewinnen ihn für den Plan, eine Stadt zu gründen, in der die Gesellschaft noch tugendhaft und frei ist. Mit der Unterstützung des Königs gründen sie nun voller Idealismus jene Vogelstadt zwischen Himmel und Erde, das Wolkenkuckucksheim.

Stefan Maurer hat die antike Komödie kompromisslos ins Heute gezogen. Rollkoffer hinter sich herziehend, stolpern Germain Wagner als Peithetairos und Nora König als Euelpides auf die Bühne; und lassen sich vom Navigationssystems ihres Smartphones leiten. An einem Mülleimer, dem einzigen Requisit auf der Bühne, bleiben sie irgendwann stehen und versenken genervt das Handy, das zwar quäkende Geräusche von sich gibt, den beiden jedoch nicht den richtigen Weg weist. Aber gibt es den überhaupt? „Sie haben ihr Ziel erreicht“, tönt es aus dem Abfalleimer, nachdem sie das Mobiltelefon darin versenkt haben. Was soll’s? Bei der Suche nach Utopia kann eben auch ein Navi nichts ausrichten. Und so ziehen die beiden weiter, bis sie auf eine sinistre Gestalt treffen, die zombiehaft aus dem Dunkel hervortritt. Catherine Janke spielt wunderbar den zerrupften Wiedehopf, eher misanthropisch als aufgeschlossen und der Welt zugewandt. Auf seine Frage, wie sie sich den perfekten Ort vorstellen, wissen die beiden nichts Rechtes zu antworten. Irgendwas wie Dubai oder Kuba schwebt ihnen vor Augen … Nur nicht so kapitalistisch, naja, und gerne egalitär, aber dann „doch nicht für jeden!“ platzt Peithetairos heraus. Die Dialoge führen ins Absurde, und doch sind sie es, die das eineinhalbstündige Stück tragen. Doch Maurer weiß in seiner Inszenierung nicht nur Ton und Wortwitz miteinander zu verbinden, sondern hat mit den drei kauzigen Schauspielern auch die perfekte Wahl getroffen, um das Publikum mit Niveau – und nie klamaukig – zu unterhalten. Nur an wenigen Stellen, wenn er versucht, die Handlung mit politischer Gegenwart zu verbinden, geht seine Ironie daneben. So etwa, wenn es heißt: „Wenn du so versessen darauf bist, dich zu schlagen, dann geh doch nach Syrien!“ Ein bisschen Slapstick ist auch dabei, wenn zum Beispiel eine Wurst mit lieben Grüßen aus der Heimat auf die Bühne fliegt. Aber es überwiegt doch das gekonnte Spiel der drei auf der schlichten Bühne, die, nach wilden Tänzen zu elektronischen mitreißenden Tönen, irgendwann wie eine Müllkippe aussieht. Kein Wunder, denn die Wegwerfgesellschaft ist überall. Und auch der Ort, an dem alles besser sein sollte, Wolkenkuckucksheim oder eben Luxemburg, das doch gerade mit seinem Reichtum die besten Voraussetzungen böte, um ein Paradies zu sein, erweist sich natürlich als nicht frei von Neid und Korruption. Die Vögel betreiben auch hier Politik, sind getrieben von Geltungssucht.

Immer wieder ertönt ein laut schnatternder Vogelchor auf Luxemburgisch. Das Publikum bekommt in dieser subversiven Vogelsprache mitgeteilt, „dass der Mensch nun mal hinterfotzig angelegt ist“. Und wer durch die moderne Inszenierung den Faden zum Stück verliert, wird von einem verschmitzten Peithetairos belehrt: „Ihr habt wohl nicht den Aristophanes gelesen!“ Doch irgendwann gibt man es auf, der zerfaserten Handlung folgen zu wollen und genießt einfach nur noch die Szenen- und Personenwechsel des Stücks, das gegen Ende immer mehr abdreht. Catherine Janke schlüpft in die Rollen eines Agenten, eines Botschafters, der Göttin Iris, schließlich in die Rolle Poseidons. Nora König tippt beflissen als Wahrsagerin auf ihrem I-Pad herum und empfiehlt by the way die Web-Seite „Seitensprung.lu“ mit Vögeln. Und Peithetairos flieht schließlich vor einer aufdringlichen Vertreterin, die ihm die optimale Versicherung aufschwatzen will. Als Architekt Methon will Nora König die Luft vermessen, als von der EU entsandte Juristin die im irdischen Europa geltenden Normen und Standards auch in Wolkenkuckucksheim durchsetzen. Die Kunde vom Krieg ist mit einem Mal in aller Munde, als der Vogel-König Wiedehopf gegen eine Wand prallt. Geplatzt scheint mit diesem Aufprall auch der Traum von einem besseren Leben.

Als Prometheus sich schließlich vermummt und undercover auf die Bühne schleicht und gesteht, dass er die Götter hasst, ist schon alles verloren. Denn ja, auch die Götter sind bestechlich! Gegen den inzwischen durch Macht und Einfluss korrumpierten Peithetairos sind selbst die von den Göttern geschickten Schlichter, Poseidon und Herakles, machtlos. Und so rät der ständig ans Essen denkende Herakles dem Poseidon, die Dinge doch einfach so zu lassen, wie sie sind. Der despotische Peithetairos behält also die Fäden in der Hand, gibt ein Fest und serviert zum Festmahl gebratene Vögel. Die Moral des Stücks liegt auf der Hand: Die Massen sind beeinflussbar und bestechlich, und den besseren Ort gibt es nicht! „Ihr seid genauso beschissen wie die da unten!“ skandiert Euelpides, bevor die Bühne im Müll zu ersticken droht und sich die drei plötzlich des Komödiencharakters des Stücks besinnen und das Publikum ein lustiges Happy-End mimend in den Abend entlassen.

Am 1. 3. 4. und 8. Dezember um 20 Uhr im Kasemattentheater.

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