Theater: Eitel geht die Welt zugrunde

In Theresia Walsers Bühnenstück konkurrieren drei exzentrische Ex-Diktatoren-Gattinnen um die Überbleibsel ihres Ruhms.

(Foto: Bohumil Kostohryz)

(Foto: Bohumil Kostohryz)

Fast lapidar mutet der Titel des Stücks an: „Ich bin wie ihr, ich liebe Äpfel“ heißt das 2013 uraufgeführte Stück, mit dem Walser abermals „das Böse“ auf der Bühne darzustellen versucht. Drei exzentrische Gattinnen von Ex-Diktatoren treffen auf einer Pressekonferenz aufeinander; was sie eint, ist der Traum von der Verfilmung ihres Lebens: Leila Ben-Ali, von 1992 bis 2011 First Lady Tunesiens, von der es heißt, sie habe nach dem Sturz des Regimes 1,5 Tonnen Gold von der Staatsbank in ihr Exil nach Dubai transferieren lassen, Margot Honecker, von 1963 bis 1989 Ministerin für Volksbildung der DDR, die für viele die meistgehasste Person der DDR war und heute in Chile lebt, sowie die ehemalige Schönheitskönigin Imelda Marcos, Ehefrau des 10. philippinischen Präsidenten, die durch ihre Verschwendungssucht und einzigartige Schuhsammlung Berühmtheit erlangte.

In Heike M. Goetzes Inszenierung, einer Ko-Produktion mit dem Staatstheater Mainz, flanieren die drei Frauen vor der geradezu barocken (rüschigen!) Kulisse auf der Bühne des Kapuzinertheaters, auf der angesichts der bevorstehenden Pressekonferenz ein geschäftiges Gewusel herrscht. Aus dem Off erklingen Regieanweisungen. Das Spiel des Theaters im Theater, bereitet den Akteuren sichtliches Vergnügen.

Der Übersetzer Gottfried (Luc Feit) nimmt seinen Job, als (Ver-)Mittler zwischen den Sprach- und kulturellen Barierren ernst. „Ein guter Dolmetscher ist immer einen Satz voraus“, erklärt er selbstsicher, die angeberischen Sätze der Frauen wiedergebend. Doch sein Verständnis bei der Simultan-
übersetzung reicht nicht sehr weit, wie sich schnell herausstellt. Selbstkritisch räumt er ein, er verstehe zwar, was sie sagen, doch verstehe er nichts davon. Oder will er es nicht verstehen? Dabei erscheinen die Sätze der eigenwilligen Damen nicht gerade komplex: „Ich ekle mich vor Menschenopfern“, verkündet Leila Ben-Ali mit mephistogleich geschwungenen Augenbrauen und spitzem Mund, während Frau Imelda Blumen verlangt und Frau Margot davon schwärmt, wie Fidel Castro sie einst über die kubanische Insel kutschierte.

Es sind exaltierte Wortschwälle, aufgebauschte Klatschgeschichten, die von der eigenen Bedeutung erzählen, vorgetragen mit enervierender Egozentrik. „Wenn Macht ein Produkt des erotischen Kapitals ist, kann es zwischen denen, die sich um den Trostpreis reißen, nunmal keine Solidarität geben“, hat die britische Feministin Laurie Penny dieses Phänomen beschrieben. Doch um des lieben Friedens willen ersetzt Gottfried im Stück manche Wörter, nimmt scharfen Aussagen die Spitze. Er erweist sich damit als Schlüsselfigur, denn er steuert und manipuliert so die Gespräche der Damen. Als sein Stern zu sinken beginnt, flüchtet er sich in die Übersetzerkabine. Über eine Video-Projektion sieht man seine verzerrte Fratze – ein gelungenes Detail in dem rüschig-exaltierten Treiben!

Sommer für Sommer habe das französische Präsidentenpaar sich an den tunesischen Stränden „gewälzt“, lamentiert Ben-Ali, doch jetzt dürfe sie, Leila, nicht mehr französischen Boden betreten. Honeckers Witwe hat dafür nur Verachtung; sie grenzt sich dezidiert von den beiden anderen Frauen ab und beharrt dogmatisch darauf, „für eine Idee zu stehen“.

Doch diese Idee kennt Gottfried, selbst DDR-Kind, nur zu gut, und so verweigert er die Übersetzung und greift zum ersten Mal in das Geschehen ein, denn „der SED-Staat und dessen Sprache wirken in ihm nach“ heißt es im begleitenden Programmheft. Margots Lobpreisungen der DDR bleiben unübersetzt; die Damen reden weiter ungestört aneinander vorbei. Und doch verstehen sie einander. Denn an ihren Monologen der Vergangenheitsverherrlichung und Selbstrechtfertigung zeigt sich, so Theresia Walser: „Die Sprache der Diktatur ist überall die gleiche“.

Am Ende machen sich die exzentrischen Gattinnen gegenseitig ihre Revolutionen abspenstig, und der Dolmetscher wird als wahrer Kriegstreiber gebrandmarkt. Gottfried, den Luc Feit mit Verve verkörpert, erweist sich in Walsers Bühnenstück als tragischer Held. Als Dolmetscher verkörpert er die Wirkungsmacht der Sprache und zeigt, genau wie in Javier Marías Roman „Mein Herz so weiß“, dass Dolmetscher in ihrer Arbeit beschränkt sind und sich die Wahrheit oft nicht übersetzen lässt. Doch entlarvt Walser in ihrem Stück eine Kalte-Krieg-Denkweise. Regime gleich welcher politischen Couleur verschwimmen bei ihr zu einem uniformen Brei. So plätschert das eigentlich urkomische Stück politisch an der Oberfläche. Allein Margot Honecker wird als politische, doch „verblendete“ Frau inszeniert. „Ich bin noch nie im Leben von links nach rechts gegangen!“ verkündet sie am Anfang wie am Ende des Stücks, während die anderen sich nur an ihren Privilegien festklammern. Doch in Heike M. Goetzes Inszenierung liegt die Stärke in der schrill-überdrehten Komik. Und das muss man dem gut einstündigen Spektakel lassen: Es ist Kabarett im wahrsten Sinne des Wortes!

Nächste Aufführung im Kapuzinertheater: am 21. Oktober, 20h. Die Premiere am Mainzer Staatstheater ist am 24. Oktober.

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