Theater: Knisterne Grissini-Momente

Mit „Die Torte“, der letzten Produktion dieser Spielzeit im Kasemattentheater, erkunden drei Schauspieler sowohl ihre eigenen Grenzen wie auch die der Bühne. Ein kreatives Experiment …

1325_Event_Die_Torte_GUTEs sind lautlose Szenen, die den Blick des Betrachters ganz auf die Mimik der Schauspieler lenken, aber im Nu umschlagen in stürmische, leidenschaftliche Aktion, in die man wie in einen Strudel hineingezogen wird. Ein junges Paar feiert im Restaurant seine langjährige Beziehung, aber kennen die beiden sich überhaupt? Haben sie sich je getroffen, oder leben sie am Ende zwar miteinander, aber doch aneinander vorbei?
„Die Torte“ ist eine Collage, basierend auf Texten von Ionesco, Campbell und Tucholsky, und am Ende doch ein Schauspieler-Stück. Es ist als „work in progress entstanden“, erklärt Thierry Mousset, der zumindest teilweise Regisseur ist, diese Rolle jedoch weit von sich weist. Denn die Aneinanderreihung szenischer Situationen ist für die Schauspieler ein Selbst-Experiment. Der „Spaßfaktor“ spiele eine große Rolle, sind sich die drei, die Luxemburger Eugénie Anselin und Thierry Mousset und der Schweizer Jonas Götzinger, einig. So sind die Szenen in stetigem Ausprobieren entstanden und haben sich in den letzten Wochen beständig fortentwickelt. Ein humoristisches Moment werde aufgenommen und weitergesponnen. In welche Richtung es dabei geht, entscheiden die Schauspieler aus der Situation heraus. Wie an einem „cadavre exquis“ haben sie so in kreativem Brainstorming ein Stück gesponnen und schaffen (Schein-)Wahrheiten, die sich als Farce entlarven – Seifenblasen gleich, die durch Pusten entstehen und sogleich wieder zerplatzen.
Anselin und Götzinger sind Absolventen der Zürcher Hochschule der Künste. „Die Torte“ inszenierten sie bereits in einer Fassung von 28 Minuten im letzten Jahr beim Zürcher Theater-Festival „Theater in allen Räumen“, bei dem 80 Produktionen, von 5 Minuten bis zu einer halben Stunde Dauer, zu sehen waren.
Freilich funktioniert die Sache nicht ganz ohne Struktur. So ist der Raum ein Fixpunkt, und es gibt einen Tisch und eine Torte als Bezugspunkte für die Zuschauer. Die Speisen eines Dinners geben den Rhythmus vor, untermalt einmal von sanfter Jazz-Musik, dann stürmisch von Vivaldi. Das Paar Anselin und Götzinger spielt mit den Erwartungen der Zuschauer – ohne selbst genau zu wissen, wo es hingeht.
So tauschen sie scheinbar zusammenhanglose Gedanken aus. Da ist die Rede von Solo-Synchron-Schwimmen, Tomatenpreisen im Supermarkt, von der Feststellung, dass Geburtstage feiern alt macht, oder von einem Fußballspiel-Weltrekord in Madagaskar. Und sie jonglieren gekonnt mit der Sprache wie mit Bällen und drehen sich gegenseitig das Wort im Munde herum. „Sein oder nicht sein?“- „Das ist ja Shakespeare!“ – „Ich mag kein Bier!“ So fliegen einem die surrealen Text-Fragmente sausend um die Ohren und werden ad absurdum geführt. Bei dem Tête-à-Tête wird das Knabbern an Grissini-Gebäck zum Statement, kann das Tempo, in dem man die Stäbchen an- und abknabbert – mal lasziv, mal gefrässig -, schnell zu einer Aussage über Leidenschaft, Langeweile oder Hass werden. Und es wird klar: Es ist ein stetiges Kräfte-Ausloten zwischen Mann und Frau, wie zugleich zwischen zwei ebenbürtigen Schauspielern, die am Ende ihrer Ausbildung nach neuen Herausforderungen suchen.
Für Eugénie Anselin ist „Die Torte“ damit auch eine Art (Selbst)-findung, die Suche nach dem Weg, den sie einschlagen will. Scheitern sei hier (noch) erlaubt, nach dem Motto: „Mach Fehler, aber mach sie schnell!“ Und es ist ein Weg, sich selbst noch weiter zu entfalten, bevor es gewissermaßen richtig losgeht – denn sei man einmal von einem großen Schauspielhaus verpflichtet worden, hänge man drin in der Mühle und werde festgelegt auf Rollen, die einem möglicherweise ein Leben lang anhaften. „Auch wenn wir das Theater damit nicht neu erfinden, so ist es doch ein ständiges Ausprobieren“, meint Jonas Götzinger. Das Gute an dem Experiment: Es muss nicht funktionieren, denn wenn etwas nicht funktioniert, ist es auch nicht schlimm!
Die Schauspieler erkunden mit dem Stück, der letzten Produktion des Kasemattentheaters in dieser Spielzeit, damit ihre eigenen Grenzen, wie auch die der Bühne. „Ich glaube nicht, dass wir absurdes Theater spielen“ meint Thierry Mousset: „Hier geht es darum, mit der Bühne zu experimentieren“. Man probiere immer wieder ins Leere hinein, und gerade dabei entstünden stetig neue Ideen. Mitunter bewegen sich die Schauspieler wie freie Radikale im Raum. Das gesamte Konzept entspricht also der Vision des Gründers des Kasemattentheaters, Tun Deutsch. Die Herausforderung besteht in der Loslösung von allen Regeln der Schauspielkunst. Dada läßt grüßen!

Am 30. Juni und 1. Juli um 20h im Kasemattentheater.

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