Theater: Von Glanz und Abstieg


In „Ich, Feuerbach“ versucht ein Schauspieler ein Comeback auf die Bühne und scheitert. Eine beeindruckende Solo-Performance, die zeigt, wie schnell der Stern eines Menschen sinken kann und er seinen Marktwert verliert.

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Wie im richtigen Leben? Tausendsassa Jean-Paul Maes als Feuerbach.

Nackte Torsos, verstaubte Koffer und andere Requisiten liegen verstreut auf der in neongrünes Licht getauchten Bühne. (Post)modern und geradezu hipp mutet die Bühne an – verglichen mit dem irgendwie gestrig wirkenden Feuerbach, einem einst bekannten Schauspieler, der nach sieben Jahren in der Psychiatrie auf die Bühne zurückkehrt und feststellen muss, dass die Welt sich auch ohne ihn weitergedreht hat.

Voller Eifer betritt Jean-Paul Maes als Feuerbach in der nur 90 Minuten währenden Inszenierung Florian Burgs die Bühne des Bettemburger Schlosses und verlangt: „Licht!“. Doch statt das erwarteten Theater-Intendanten Lettau ist nur ein blasierter Regie-Assistent (Timo Wagner) da. Um sich die Zeit zu vertreiben, stakst, Feuerbach verloren zwischen den Requisiten herum und wärmt sich gewissermaßen auf. Die Figuren und Zustände, die er einstudiert „ein Beichtstuhl, Exekution …“ zeigen bereits, dass hier ein ambitionierter Schauspieler agiert, der sein Metier beherrscht. Und doch ist er geplagt von Selbstzweifeln. Die siebenjährige Pause hat dazu geführt, dass kaum jemand ihn mehr kennt, und Lettau, der Intendant, bei dem er für eine Rolle vorsprechen soll, lässt sich partout nicht blicken. So kann der Zuschauer 90 Minuten lang der Performance eines Schauspielers folgen, der in der Hoffnung auf (s)eine letzte Chance um Anerkennung ringt. Jean-Paul Maes vermag die zerbrechliche Figur nuanciert zu verkörpern. Vor den – leider – nur dünnbesetzten Reihen im Bettemburger Schloss wirkt sein Spiel nur umso glaubwürdiger. Das Theater im Theater ist dank der Konzeption Tankred Dorsts ein wirkungsvolles (Stil)Mittel, um den Existenzkampf der Person Feuerbach (be)greifbar zu machen. Die Bühnenperformance des einst berühmten Schauspielers ist ein stetes Ringen um Anerkennung. Mit schwindender Zeit schmilzt auch sein Selbstwertgefühl dahin. So lässt er sich durch ein Telefonat des Regie-Assistenten verunsichern, sieht darin einen Affront und wittert, dünnhäutig geworden, sofort Verrat. „Mit wem haben Sie telefoniert? Sie melden wohl den Befund?“, verlangt er zu wissen, immer noch in der Hoffnung, dass der Intendant doch noch erscheint. Seine wechselnden Monologe und abrupten Reaktionen, die in den berühmten Monolog Torquato Tassos, eines auf sich selbst zurückgeworfenen verkannten Genies, münden, sind Ausdruck seiner Verzweiflung. Wie nah Ruhm und Abstieg beieinander liegen, weiß Jean-Paul Maes in der Gestalt des Feuerbach eindrucksvoll zu vermitteln. Sieben Jahre Abwesenheit von der Bühne sind eben eine zu lange Zeit, um wieder da anzuknüpfen, wo er einst stand. Selbst ein ausgestopfter Hund wird auf der Bühne nötiger gebraucht als er, der irgendwann nur noch verhöhnt und wie in einer Schulklasse von den Bühnenbildnern mit Papier-Flugzeugen beschossen wird. Unter dem mitleidigen Blick des jungen Assistenten beharrt Feuerbach bis zuletzt darauf, dass er eine Vision hat, wird schließlich kleiner und kleiner, bis er am Ende, völlig zum Nervenbündel geworden, förmlich in sich zusammensackt. „Armer Irrer! Ein Mensch zerbricht“, kommentiert Timo Wagner als Regie-Assistent lakonisch das Geschehen. Wagner bleibt in dieser Aufführung jedoch, gemessen an seinen Rollen in „Draußen vor der Tür“ oder „Vollmondbetrachtungen“, hinter seinen Fähigkeiten zurück. Jean-Paul Maes dagegen glänzt in der quasi Solo-Performance als Feuerbach dadurch, dass er den Kampf eines jeden Schauspielers gegen die Zeit überzeugend in Bühnensprache übersetzt. Ein Wettlauf, der nur verloren werden kann. Und das ist ganz großes Theater!

Am 20. und 21. November um 20h im Bettemburger Schloss und am 10. Dezember um 20h im Escher Theater.

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