Theaterfestival
: Was ist Hass?


2016 war wahrlich kein Sommer der Liebe. Da kommt das „Festival Hate“ des Neimënster gerade recht, um die Saison wieder einzuläuten.

1387event

In „Hate Radio“ wird der Genozid in Ruanda stellvertretend für andere Konflikt als Experiment des Hasses vorgeführt. (Fotos: Neimënster)

„Nein, das Thema hat sicherlich nichts mit der Kandidatur der Stadt Esch als europäische Kulturhauptstadt 2022 (deren provisorisches Thema die Liebe ist) zu tun“, schmunzelt Ainoa Achutegui, die Direktorin des Neimënster, „es ist eher so, dass der Hass ein Thema ist, zu dem wir schon lange etwas machen wollen – und das europaweit auch auf den Bühnen omnipräsent ist. Wir haben lange über der Auswahl der Stücke und Performances gebrütet, denn es wird gerade sehr viel darüber gearbeitet“.

Das Festival, das vom 1. bis zum 5. September in der alten Abtei stattfindet, bemüht sich, alle Facetten dieses Gesellschaftsphänomens auf möglichst vielfältige Art anzugehen. Von der Tanzperformance („A Separation“ – über den Mord eines weißen Mannes an einem Schwarzen, das in England Furore machte, aber leider schon am 1. September aufgeführt wurde), über die lokalbezogene Performance bis zum preisgekrönten Theaterstück ist alles dabei.

„Es ging uns vor allem darum, die Frage zu erörtern, ob Hass ein gänzlich neues Phänomen ist – oder ob wir in einer neuen Periode des Hasses sind“, erklärt Achutegui. Die Antwort darauf kann „Hate Radio“ liefern, das Herzstück des Festivals. Das Theaterstück des Schweizer Regisseurs und Essayisten Milo Rau beschäftigt sich mit dem Völkermord in Ruanda. Als dort im Jahre 1995 eine Million Menschen – hauptsächlich Angehörige der Tutsi – einen grausamen Tod fanden, stand die Welt vor einem Rätsel. Es war schwer zu verstehen, wie eine Ethnie plötzlich mörderisch auf eine andere losgehen kann. „Hate Radio“ erzählt, wie es zu dem Blutrausch kam. Und geht besonders – und das ist auch die Verbindung zu den heutigen Zeiten – auf die Rolle der Medien ein, die damals wie heute in der Verantwortung stehen und viel zu oft über Vorurteile Hass schüren. Deshalb ist auch der Titel des Stücks eine direkte Anspielung auf das berüchtigte „Radio Mille Collines“, das den Hass, der schließlich zum Genozid führte, über Jahre hinweg anstachelte. „Aber sicherlich gab es auch schon vor Ruanda Medien, die zum Hass aufriefen, man denke nur an die deutsche Presse in den 1930er Jahren und die Konsequenzen“, ergänzt Achutegui.

Einen anderen Aspekt bemüht der luxemburgische Slam-Poet und begnadete Selbstdarsteller Luc Spada in seiner Performance „Hate Fuck, but sweet?“. Eine Auftragsarbeit der Festivalleitung, für die Spada zahllose Interviews führte mit Prostituierten, Freiern, PornodarstellerInnen, SelbstverstümmlerInnen. „Einfach jeden, der sich mit Hass und Körper auseinandersetzt“, so die Direktorin. Achutegui zufolge habe sich Spada resolut über die Grenzen dessen, was sie für machbar hielt in Luxemburg, hinweggesetzt.

1387event_telexxAber auch der pädagogische Aspekt darf nicht fehlen. So animiert Spada auch einen Workshop für Jugendliche unter dem Titel „Hate Speech, Love Speech“ – bei dem er besonders auf die Problematik der sozialen Netzwerke eingeht, also zum Beispiel das Cybermobbing und das sogenannte „Sexting“, das bei Heranwachsenden sehr im Trend ist.

Abschließend veranstaltet das Neimënster am Montagabend noch eine Konferenz zum Thema Hassreden im Internet, mitorganisiert von „Bee Secure“, der staatlichen Anlaufstelle für Sicherheit im Netz. Teilnehmer sind Experten und daneben auch Justizminister Felix Braz, dem, der Direktorin zufolge, „das Thema sehr am Herzen liegt“.

„Zu guter Letzt“, meint Ainoa Achutegui, gehe es darum, darauf hinzuweisen, „dass man, wenn man mit Hass umgeht, sehr schnell Opfer werden kann, aber auch gerade so schnell zum Täter. Man kann sogar beides abwechselnd sein“. Auf jeden Fall eine gute Methode, sich und anderen die Augen zu öffnen.

www.neimenster.lu

Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.