Tierrechte
: Veganer Mikrokosmos

Alljährlich gibt die internationale Animal Rights Conference Interessierten die Möglichkeit, sich über Tierrechte, Veganismus und Aktivismus zu informieren und miteinander auszutauschen. Auch in diesem Jahr vermittelten Erfahrungsberichte, theoretische Ausführungen und Filme wieder einen vielseitigen Einblick in die Bewegung.

Auch in diesem Jahr war die internationale Tierrechts-Konferenz in der Kufa wieder gut besucht. (© Martin Smedjeback)

Bereits zum siebten Mal fand vergangene Woche die internationale Animal Rights Konferenz in Luxemburg statt. Als 2011 nach einem geeigneten Tagungsort gesucht wurde, fiel die Wahl auf das multikulturelle und mehrsprachiche Großherzogtum. Auch dieses Jahr war die Konferenz wieder gut besucht: Insgesamt nahmen 400 Gäste aus über 40 verschiedenen Ländern sowie rund 60 Vortragende teil.

Als Standort eignet sich die Escher Kulturfabrik (Kufa) ideal für ein solches Event. Drei Räume standen für Vorträge, Workshops, Diskussionsrunden und Informationsstände zur Verfügung, während im Kinosch Dokumentarfilme gezeigt wurden. Im Innenhof gab es für wenig Geld etwas zu essen: Hamburger, Fajitas, Kuchen und Torten – alles vegan natürlich. Auch der symbolische Wert dieser Location ist nicht zu unterschätzen, handelt es sich bei ihm doch um ein stillgelegtes Schlachthaus.

Das Programm deckte ein breites Themenspektrum ab. Wie bei einem Tierrechts-Kongress nicht anders zu erwarten, mangelte es nicht an Vorträgen über Massentierhaltung, Fischindustrie, Fellhandel, Hetzjagd u.ä. So berichtete die britische Aktivistin Cassie James zum Beispiel von ihren Erfahrungen bei der Hunt Saboteurs Association. In Großbritannien ist die Fuchsjagd mit Hundemeute zwar seit 13 Jahren gesetzlich weitgehend verboten, wird aber immer noch praktiziert. Klagen würden in den meisten Fällen, trotz ausreichenden Beweismaterials, wieder fallengelassen, so die Vortragende. Die Mittel, die zur Behinderung der Jagdveranstaltungen eingesetzt werden, reichen von der Geruchüberdeckung bis hin zu Menschenblockaden. Bei ihrer Präsentation zeigte James Videoaufnahmen, auf denen zu sehen war, wie AktivistInnen von JagdteilnehmerInnen körperlich angegriffen werden. „Man braucht keine besonderen Fähigkeiten, um bei uns mitzumachen. Man muss nur mutig sein“, so James.

Neben solchen konfrontativen Strategien wurde aber auch unternehmensartigen, positiven Ansätzen ausreichender Raum gewährt. Berichtet wurde hier beispielsweise über den Betrieb von Tierheimen und über biologisch-vegane Landwirtschaft. Auch die Wirksamkeit von Dokumentationen wurde in den zahlreichen Filmvorführungen deutlich. Mit eindrucksvollen Bildern vermittelte etwa der Film „Kangaroo“ der RegisseurInnen Kate und Mike McIntyre die Problematik der Massentötung wilder Kängurus in Australien. Nur auf den ersten Blick scheint dieses Thema nur wenig mit uns zu tun zu haben. Doch der Großteil der Känguru-Produkte wird als Importware in Europa konsumiert. Und das trotz der Tatsache, dass Kängurufleisch, wie im Film gezeigt, eine hohe Konzentration an Salmonellen und E-Coli aufweist.

Bunte Themenvielfalt

Manche Vorträge behandelten allgemeinere Themen, wie beispielsweise den evidenten Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Klimawandel. Eine ungewöhnliche Perspektive nahm die Ökofeministin Lisa Kemmerer ein, indem sie Überschneidungen zwischen „Speziesismus“ – Diskriminierung aufgrund von Spezies-Eigenschaften – und Sexismus unter die Lupe nahm. Diese sah sie beispielsweise darin gegeben, dass Tiere in der Werbung in sexualisierten Posen oder mit weiblichen Accessoires wie Bikinis inszeniert werden. Auch die zahlreichen Tiernamen, die für Frauen eingesetzt werden – chick, bitch, cow, fox – deuten Kemmerer zufolge auf diese Tatsache hin. Für Männer würden im Vergleich dazu im englischsprachigen Raum nur „stud“ und „dog“ benutzt. Kemmerers Erklärung dafür, dass wesentlich mehr Frauen sich für Tiere einsetzen als Männer: Erstere hätten einen viel direkteren Bezug zu Unterdrückung als letztere.

Solche psychologischen Aspekte waren ein immer wiederkehrendes Thema bei der Konferenz. Wie kommt es, dass wir Hunde lieben, Rinder aber essen? Wieso verzichten manche VeganerInnen auf jedes Tierprodukt außer Honig? In seinem Vortrag umschrieb Simon Gerlach dieses Phänomen mit dem Begriff „moral inconsisteny“. Eine mögliche Erklärung: „Familiarity bias“ – Menschen fühlen mit denjenigen Lebewesen am meisten mit, die ihnen am ähnlichsten sind.

Das Thema Veganismus wurde vielfach angesprochen. Die Soziologin und Aktivistin Kadri Aavik beispielsweise sprach in ihrem Vortrag über die Stigmatisierung von VeganerInnen in Zeitungsartikeln. Vegane Eltern, vor allem Mütter, kämen bei Darstellungen am schlechtesten weg. Zahlreiche Vortragende betonten, dass man unmöglich zu 100 Prozent vegan leben könne, weshalb es verfehlt sei, sich gegenseitig vorzuwerfen, kein „richtiger“ Veganer zu sein. „AktivistInnen sollten Veganismus als möglichst schmackhaft, sozial, gesund und bequem darstellen“, riet Gerlach seinen ZuhörerInnen. „Es ist wichtig, nicht nach Perfektion zu streben, das führt nur dazu, dass man das Gefühl hat, zu versagen“. Genutzt wurde die Konferenz aber auch, um für vegane Konzerne zu werben. So stellten Laurie Collon und Kristina (wie die Vortragende genannt werden möchte) beispielsweise das Netzwerk VegOresto vor, das unter anderem mittels einer App dabei hilft, vegan-freundliche Restaurants in Frankreich ausfindig zu machen.

(@ Facebook-Event der International Animal Rights Conference 2017)

Effizienter Aktivismus

Bei Vorträgen, die Tierrechts-Aktivismus selbst zum Thema hatten, standen Fragen wie Planung, Finanzierung, Effizienz und self-care im Mittelpunkt. Lisa Kemmerer zum Beispiel sprach in ihrem Vortrag sexistische Tendenzen in der Tierrechts-Bewegung an. Diese seien zwar allseits bekannt, jedoch nicht ausreichend erforscht. Diese Lücke zu schließen will Kemmerer nun in Angriff nehmen (https://msubillings.co1.qualtrics.com/jfe/form/SV_6zdTXfxgmiltXsV).

Wie ein roter Faden zogen sich Berichte von gelungener Kommunikation zwischen VeganerInnen und Nicht-VeganerInnen durch die Konferenz. In ihrer Präsentation sprach die US-amerikanische Sozialpsychologin Melanie Joy über Schwierigkeiten, denen VeganerInnen und VegetarierInnen in ihren Beziehungen und Freundschaften häufig begegnen. Viele würden sich unsichtbar fühlen. „Der Aspekt unseres Lebens, der uns am wichtigsten ist, uns stolz macht und gleichzeitig am meisten belastet, wird von den Menschen um uns herum nicht ernstgenommen. Wir sind gezwungen, diesen wesentlichen Teil von uns selbst zu verbergen.“ Dabei hätten alle Menschen das Bedürfnis, dass ihr Innerstes gesehen und verstanden wird. Joys Ausführungen und Tipps waren vor allem deshalb von besonderer Relevanz, weil sie sich auf eine Vielfalt von Situationen anwenden lassen, nämlich auf all jene, in denen Menschen mit unterschiedlichen Standpunkten und Interessen aufeinandertreffen. So sollte bei Gesprächen unter keinen Umständen dem Gegenüber ein schlechtes Gewissen gemacht oder die eigene Sichtweise als die einzig richtige hingestellt werden. „Defining reality“ nannte Joy eine solche kontraproduktive Taktik.

Zu einer hitzigen Auseinandersetzung kam es im Anschluss an den Vortrag der US-amerikanischen Aktivistin und Autorin Jenny Brown. Diese hatte als eine zentrale Bedingung für effizienten Aktivismus „normales“ Aussehen genannt. Es bestehe das Klischee vom Veganer mit Piercings, Tattoos und Dreadlocks. Diesem gelte es entgegenzuwirken, um möglichst viele Menschen anzusprechen. Kritische Äußerungen aus dem Publikum ließen nicht lange auf sich warten. „Was ist wahrscheinlicher – dass ich einen Trump-Wähler von meiner veganen Lebensweise überzeuge oder jemanden, der aussieht wie ich?“, lautete eine der wenigen sachlich gefassten Wortmeldungen. Irgendwann brach Brown die Fragerunde ab: „Ich werde nicht hier stehenbleiben und mich attackieren lassen.“

Es war einer der wenigen Augenblicke, in denen divergente Meinungen deutlich wurden. Ansonsten herrschte auf der Konferenz überwiegend Konsens. Bei aller Vielfalt der Methoden ist das Ziel, das als Schlussfolgerung zahlreicher Vorträge herausgestrichen wurde, doch klar: Die ganze Menschheit soll vegan leben. In Publikumsmeldungen wurde dies manchmal kritisch mit der Formulierung „vegane Utopie“ aufgegriffen. Konkret ergibt sich aus dieser allerdings schon die simple Frage, was im Fall ihrer Realisierung mit den eingesperrten Tieren geschehen soll. Hauskaninchen zum Beispiel könnten niemals in freier Wildbahn überleben. Wie diese Schwierigkeit zu handhaben sei, fragte jemand im Publikum während der Gruppendiskussion „Re-wildering rescued animals“.

Die Tierrechts-Konferenz offenbarte nichts, was nicht ohnehin schon klar war: Es gibt noch viel zu tun, und viele Fragen lassen sich höchstens spekulativ beantworten. Das Hauptziel der Konferenz aber konnte auf jeden Fall erreicht werden: Einerseits bot sie eine Plattform für Menschen, die sich in irgendeiner Weise für Tierrechte interessieren und/oder einsetzen. Andererseits lieferte sie aber auch eine Präsentation dessen, was bisher schon getan wurde und jeden Tag von vielen Menschen geleistet wird – indem sie ein Tierheim betreiben, Restaurants beraten oder sich selbst vegan ernähren.

Auch wenn eine vegane Welt nur ein fernes Ziel ist, so gibt es doch etwas – das immer wieder zur Sprache kam –, das die Welt hier und heute schon ein wenig besser machen kann: Empathie. Empathie für Tiere, für VeganerInnen und TierrechtlerInnen, aber auch für Karnivoren. Die Konferenz in der Kufa verdeutlichte jedenfalls, dass das Vorurteil, TierrechtsaktivistInnen seien weltfremde UtopistInnen, mit denen sich nicht diskutieren lässt, eben genau das ist: ein Vorurteil.

Angesichts dessen läge es eigentlich im Interesse der OrganisatorInnen und Vortragenden, die Zielgruppe künftig nicht mehr ganz so eng zu fassen, wie es bisher der Fall war. Strategien, die auf Ausgrenzung setzen, können letzten Endes nur wenig bewirken. Das fängt schon beim Sprachgebrauch an. Den Publikumsraum nicht mit „wir Veganer“ oder „wir Aktivisten“ anzusprechen, wäre schon ein kleiner, aber wichtiger Schritt in diese Richtung. Die Veranstaltung in der Kufa ist weder AktivistInnentreff noch Tierbefreierkongress; sie ist eine Konferenz über Tierrechte, und dafür interessiert sich potenziell jede_r.


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