Verhütung
: Es ist noch Luft nach oben


In Luxemburg besteht Handlungsbedarf bezüglich Informationen und Zugang zu Verhütungsmethoden. Besonders Frauen in prekären Lebenslagen sind benachteiligt.

In Luxemburg erhalten Frauen eine 80-prozentige Rückerstattung der „Pille“ nur bis zum 25. Lebensalter. (Foto: Pixabay)

„La prise en charge s’étendra de manière ciblée à d’autres moyens de contraception que ceux actuellement visés“, heißt es im Regierungsprogramm. Auch Maßnahmen zur Verbesserung des Informationsangebots und zur Sensibilisierung sind im Text vorgesehen. Für die Präsidentin des Planning Familial, Ainhoa Achutegui, ist es völlig unverständlich, weshalb die Umsetzung dieser Vorhaben so lange auf sich warten lässt. Dass es durchaus noch konkreten Handlungsbedarf gibt, wird nun auch in dem am 14. Februar vom Europäischen Parlamentarischen Forum für Bevölkerung und Entwicklung in Zusammenarbeit mit Third-i veröffentlichten „Contraception Atlas“ deutlich. In der Studie wurden 45 europäische Länder gemäß zweier Kriterien – Vorhandensein von Internet-Informationen sowie Zugang und Beratungsangebote bezüglich moderner Kontrazeptiva – in eine Rangordnung gebracht. Luxemburg nimmt dabei mit 60,9% den 13. Platz ein. Frankreich und Großbritannien schneiden mit 90,1% bzw. 87,6% am besten ab, Griechenland (38,2) und Russland (37,5%) bilden die Schlusslichter.

Fragwürdige Beschränkung

Während 34 der untersuchten Länder keine besonderen Angebote für Jugendliche bereithalten, werden in Luxemburg Frauen bis zum 25. Lebensalter die Ausgaben für die „Pille“, den Vaginalring sowie das Verhütungspflaster zu 80% rückerstattet. Dies allerdings nur, wenn sie bei der Caisse nationale de la santé (CNS) krankenversichert sind. Verhütungsmethoden, die einen medizinischen Eingriff erfordern, wie beispielsweise die Spirale, sind von dieser Vergütung ausgenommen. Doch ist hormonelle Geburtenkontrolle wie Pille, Ring und Pflaster bekanntlich mit einem erhöhten Risiko für Thrombose, Schlaganfälle, Depressionen und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verbunden. Die Kupferspirale dagegen ist nicht nur gesundheitsschonender und praktischer, sondern hat auch eine Wirkungsdauer von bis zu fünf Jahren. Es gibt aber noch weitere Gründe, diese Verhütungsmethode in das Rückerstattungssystem aufzunehmen. Bei vielen Frauen lasse sich die Pille nicht problemfrei in den Alltag integrieren, so Ainhoa Achutegui. Schichtdienst oder Drogenabhängigkeit zum Beispiel machten eine pünktliche Einnahme schwierig. Das Argument, die Langzeit-Verhütung sei kostspieliger als die kurzzeitige, sei nicht haltbar, so die Präsidentin. Darüber hinaus kritisiert sie auch die willkürlich gesetzte Altersgrenze von 25 Jahren. Möglicherweise sei man davon ausgegangen, dass ab diesem Alter der Bedarf nach Empfängnisverhütung geringer wird. Dabei liege das Durchschnittsalter der Frauen, die eine Schwangerschaft abbrechen, bei 27 Jahren. „Es herrscht das Vorurteil, dass die meisten Schwangerschaftsabbrüche von 17-Jährigen verlangt werden, das entspricht aber nicht der Realität.“ Davon abgesehen hätten die meisten Frauen, die eine Schwangerschaft beenden, bereits mindestens ein Kind.

Wie der „Contraception Atlas“ ferner zeigt, gibt es hierzulande im Gegensatz zu Ländern wie Armenien oder Belgien keine Rückerstattungs-Angebote für verletzliche Bevölkerungsgruppen, wie Arbeitslose oder NiedrigverdienerInnen. Dabei lasse sich an klaren Indizien erkennen, wann sich eine Person in einer prekären Lage befindet, so Achutegui. „Wir brauchen uns nicht zu wundern, wenn eine Frau ihr fünftes Kind erwartet, weil sie sich die Pille nicht leisten kann. So etwas darf einfach nicht passieren.“ Sowohl für Minderjährige als auch für geringverdienende und nicht-versicherte Frauen stellt das Planning Familial deshalb gratis Kondome, die „Pille“ sowie die Notfallpille, die sogenannte „Pille danach“, zur Verfügung. Eine Erweiterung des Angebots von Seiten der Regierung ist trotzdem dringend erforderlich.

Regierung zu passiv

Überdurchschnittlich schneidet Luxemburg beim Umfang der zur Verfügung stehenden Verhütungsmitteln sowie bei bezahlbaren Beratungsangeboten ab. Ferner ist, anders als in Ungarn, Russland und Albanien, die „Pille danach“ in Luxemburg rezeptfrei. Sie kann bis zu 72 Stunden nach dem Sexualverkehr eingenommen werden. Ein den Wirkstoff Ulipristalacetat enthaltendes Medikament (Handelsnamen Ella und EllaOne), das seit 2015 ebenfalls ohne Rezept erhältlich ist, kann sogar bis zu fünf Tage danach eingenommen werden. Während diese Pille in der Apotheke 24,29€ kostet, ist sie im Planning Familial kostenfrei.

An der auf contraceptioninfo.eu veröffentlichten Ergebnistabelle lässt sich ablesen, dass es in Luxemburg, anders als in elf der untersuchten Länder, keine von der Regierung unterstützte Internetseite gibt, die über Empfängnisverhütung informiert. Daneben wurden sowohl das finanzielle als auch das logistische Informationsangebot in Luxemburg im europäischen Vergleich als unzureichend eingestuft. Diesen Missstand illustriert Achutegui am Beispiel der Notfallpille, über die ihrer Meinung nach von den zuständigen Ministerien nur unzureichend informiert wurde. Bislang seien Informationen hauptsächlich über die sozialen Netzwerke und durch Mundpropaganda verbreitet worden.

Weil sich die Regierung also zu sehr im Hintergrund hält, stellt das Planning Familial in Luxemburg die erste Anlaufstelle bei Informationsbedarf zur Empfängnisverhütung dar. „Das Hauptziel besteht darin, so gut aufgeklärt zu sein, dass Schwangerschaftsabbrüche reduziert werden können“, fasst Achutegui das Anliegen der staatlich finanzierten Institution zusammen. Daneben bietet das Planning auch zweistündige Schulbesuche an, bei denen die SchülerInnen – in Abwesenheit der Lehrkräfte – von spezifisch ausgebildeten SexologInnen eine ihrem Alter entsprechende sexuelle und affektive Aufklärung erfahren. Dieses Angebot sei kein Ersatz für den Biologieunterricht, sondern ergänze ihn, unterstreicht Achutegui. Besonderes Augenmerk gelte den affektiven Aspekten, doch werde mit den Kindern und Jugendlichen auch über Themen wie Pornographie oder einvernehmlichen Sex gesprochen. Vorteilhaft sei, so Achutegui, wenn den Schulklassen die Möglichkeit gegeben wird, für einen ganzen Vormittag ins Planning zu kommen: „Hier stehen Bücher zur Verfügung, die bei der Beantwortung spezifischer Fragen herangezogen werden können.“

Die Angebote des Planning Familial werden allerdings längst nicht von allen Schulen genutzt. „Diese Aufklärung sollte eigentlich flächendeckend stattfinden“, so die Präsidentin. Ihrer Meinung nach wäre eine politische Entscheidung erforderlich, dass Kindern und Jugendlichen jeder Altersstufe eine spezifische sexuelle und affektive Erziehung zusteht. Momentan sei es leider noch so, dass ein junger Mensch Glück haben müsse, um auch nur ein einziges Mal in den Genuss eines solchen Aufklärungsunterrichts zu kommen. Der Planning, so Achutegui, verfüge gegenwärtig nicht über die notwendigen Ressourcen für eine Erweiterung des Angebots. Auf Landesebene seien die finanziellen Mittel zwar vorhanden, doch würden sie anderweitig eingesetzt. Das vor kurzem von vier Ministerien eingeführte Centre national de Référence pour la promotion de la santé affective et sexuelle sei bereits ein Fortschritt, es gebe jedoch noch Handlungsbedarf.


Alternativen zur „Pille“

Hormonelle Verhütungsmethoden

Vaginalring: Biegsamer Kunststoff, der einmal im Monat in den Vaginalkanal eingeführt wird und durch Absonderung von Hormonen den Eisprung sowie das Vordringen von Spermien in die Gebärmutter verhindert.
Verhütungspflaster: Pflaster, das einmal wöchentlich gewechselt werden muss. Da die Hormone über die Haut in den Körper gelangen, ist diese Methode, im Gegensatz zur „Pille“, auch für Frauen mit Magen-Darm-Problemen geeignet.
Depot-Spritze: Alle drei Monate in die Muskeln gespritztes, gestagenhaltiges Präparat, das den Eisprung unterdrückt und den Schleim im Gebärmutterhals für Spermien undurchdringlich macht.
Hormonimplantat: Kleines Kunststoffstäbchen, das von einem Arzt oder einer Ärztin an der Innenseite des Arms eingesetzt wird. Verhindert den Eisprung sowie die Wanderung der Spermien.


Barrieremethoden

Kondom: Über den erigierten Penis gestülptes Präservativ, das sowohl vor einer ungewollten Schwangerschaft als auch vor Geschlechtskrankheiten schützt. Hat Nebenwirkungen nur bei Vorliegen einer Latexallergie – für diesen Fall gibt es auch latexfreie Präservative.
Frauenkondom: Schlauch aus Polyurethan oder Latex, der vor dem Geschlechtsverkehr in den Vaginalkanal eingeführt wird. Bildet dort eine Art zweiter Haut und schützt sowohl vor Schwangerschaft als auch vor Geschlechtskrankheiten.
Kupferspirale: Die Kupferspirale besteht aus einem 
T-förmigen, 3 – 4 cm langen Kunststoffstäbchen, das am Schaft mit Kupferdraht ummantelt ist. Sie wird von einem Arzt oder einer Ärztin in die Gebärmutter eingesetzt und schützt bis zu einer Dauer von fünf Jahren. Die Spirale bewirkt, dass Spermien nur schwer zur Eizelle gelangen und diese, falls sie dennoch befruchtet wird, sich nicht in der Gebärmutter einnisten kann.
Diaphragma: Gewölbte, dehnbare Membran aus Silikon mit elastischem Ring. Wird so eingesetzt, dass es den Muttermund verschließt und dadurch das Eindringen von Spermien in die Gebärmutter verhindert.


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