Verkehrspolitik verkehrt: Zurück zum Auto!

Die alternative Verkehrspolitik hat manches erreicht. Doch Busspuren und Fahrradwege sind nur dann attraktiv, wenn sie ein zügiges Vorankommen ermöglichen. Zurzeit leider Fehlanzeige.

Chinesische Verhältnisse? Fußgänger und Radfahrer im Stau. (Foto: lm)

Chinesische Verhältnisse? Fußgänger und Radfahrer im Stau. (Foto: lm)

Niemand mag Baustellen. Sie lärmen, sie stinken und vor allem: Sie behindern den Verkehr. Mittelfristig sollen die Arbeiten, die in diesen Monaten die Hauptstadt lahmlegen, mit dazu dienen, die Lebensqualität zu verbessern. Aber aktuell sind sie ein gräßlicher Störfaktor: die Vorbereitungen für die Tramtrasse von Kirchberg zum Hauptbahnhof, die Umgestaltung des ehemaligen Busbahnhofs Centre Hamilius etc. Nun würde man eigentlich erwarten, dass die Unannehmlichkeiten, die solche Baustellen den Autofahrern bereiten, viele veranlassen, auf öffentliche Verkehrsmittel umzusteigen oder sich per Rad oder zu Fuß zur Arbeit zu begeben. Das wäre zumindest im Sinne einer alternativen Verkehrspolitik, wie sie insbesondere von der grünen Partei seit Jahrzehnten gefordert wird.

Doch – obwohl Déi Gréng sowohl an der Regierung als an der hauptstädtischen Gemeindeführung beteiligt sind – ist das Gegenteil der Fall. Wie die Autos stehen auch die Busse im Stau, kommen nur im Schritttempo voran. Das führt zu sich akkumulierenden Verspätungen in den Stoßzeiten, zu überfüllten Fahrzeugen und annullierten Fahrten. Auch das Bus-Informationssystem, das es den Passagieren erleichtern könnte, auf die Beeinträchtigungen zu reagieren, ist Jahre nach seiner Einführung noch immer nicht zuverlässig.

Radfahrer ihrerseits müssen damit rechnen, dass ihre Wege von einem Tag auf den anderen von einer neuen Baustelle versperrt werden. Auch Fußgänger müssen Umwege in Kauf nehmen. Der Stop-and-Go-Verkehr verleitet Auto- und Busfahrer dazu, noch schnell bei Rot über die Kreuzung zu fahren oder auf Fußgängerstreifen zu halten und sie bei Grün zu blockieren – letzteres ist nicht nur ärgerlich, sondern auch gefährlich. So kommt es, dass die Autofahrer sich über den Stau ärgern, die anderen Verkehrsteilnehmer sich aber regelrecht veralbert fühlen. Und dass so mancher überlegt, ob man auf dem so oder so verlängerten Weg zur Arbeit im eigenen Wagen nicht besser aufgehoben wäre, bequem sitzend, mit Heizung und Radio. Unterm Strich steigen derzeit wohl mehr Passagiere, Radfahrer und Fußgänger aufs Auto um als umgekehrt.

Dass dies gerade zu einer Zeit passiert, in der die alternative Verkehrspolitik durchaus Fortschritte vermelden kann, ist tragisch. Das hauptstädtische Bussystem wurde über Jahre hinweg optimiert, es gibt so viele Radwege wie nie zuvor, und sogar für die Sorgen der Fußgänger haben manche Verantwortlichen inzwischen ein offenes Ohr. Doch die jetzt entstandenen Großbaustellen engen den Spielraum ein. Wo wenig Platz bleibt, wird im Zweifelsfall dann doch eher zugunsten des Autoverkehrs entschieden.

Warum sieht werktags an der Baustelle die Welt anders aus als in den umweltfreundlichen Sonntagsreden?

In Sonntagsreden umweltfreundlicher Politiker wird häufig den alternativen Verkehrsmitteln Priorität eingeräumt. Warum sieht werktags an der Baustelle die Welt anders aus? Fehlt es an politischer Überzeugung? Scheitert das Prioritäts-Prinzip an der Mitarbeit der Verwaltungen? Am Veto der politischen Partner? Gibt die Angst vor der wohl immer noch autofreundlichen Wählermehrheit den Ausschlag?

Was gewiss ist: Die Tram-Großbaustellen stehen uns erst noch bevor. Sollte die Baustellen-Lawine der nächsten fünf bis zehn Jahre wirklich weiter auf Kosten der Fußgänger, Radfahrer und Buspassagiere gehen, so wäre dies fatal. Umsteuern tut not – wenn nämlich bis zur Eröffnung der Tram alle auf das Privatauto umgestiegen sind, gibt’s zur Jungfernfahrt nur Fotos von leeren Tramwagen. Besser wäre es, wenn möglichst viele Autofahrer ermutigt würden, mal alternative Verkehrsmittel auszuprobieren. Das Risiko, dass am Ende die Tram überfüllt sein könnte, sollte niemandem Angst machen.


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