Von Asteroiden und Weltraumkapitalismus

Die Bücherserie „The Expanse“ veranschaulicht gleich mehrere Konsequenzen der kommerziellen Nutzung des Weltraumes.

Foto: Szene aus der Netflix-Serie „The Expanse“

Wenn Weltraumminister Étienne Schneiders Pläne zur kommerziellen Nutzung von Weltraumressourcen verwirklicht sind, wird dies weitreichende Konsequenzen für das soziale, ökonomische und politische Gefüge der Welt haben. Wie eine Zukunft aussehen könnte, in der Space Mining mehr als nur Teil einer Strategie zur wirtschaftlichen Diversifizierung ist, wird in der Buchserie „The Expanse“  von James S. A. Corey anschaulich dargestellt. Der Name ist übrigens ein Pseudonym, hinter dem sich ein Autorenduo versteckt, das neben mehreren Kurzgeschichten schon sieben Bände einer auf neun Teile angelegten Serie veröffentlicht hat. Die ersten beiden Bücher wurden auch als TV-Serie adaptiert, die auf Netflix zu sehen ist.

Kein Star Trek

„The Expanse“ wird gemeinhin als Hard-Science-Fiction bezeichnet, eine Form der Science-Fiction, die auf Wundertechnologie und Aliens verzichtet und stattdessen versucht, eine möglichst realistische und erklärbare Zukunft zu schaffen. Anstelle von Warp-Triebwerken oder Hyperdrives, die in vielen Zukunftsvisionen Reisen mit Lichtgeschwindigkeit ermöglichen, erkundet die Menschheit in „The Expanse“ das All mit (vergleichsweise) langsamen Fusionstriebwerken. Dies ist kein Ding der Unmöglichkeit, denn schon heute wird an fusionsgetriebenen Antriebsarten geforscht. Besonders interessant an jener Zukunftsvision ist, dass die Menschheit in der fernen Zukunft ihre hauseigenen Probleme längst nicht gelöst hat, sondern sie mit ins All exportiert.

Im  Jahre 2350 befinden sich die vereinigte Erde, unter der Führung der UN, und ihre abtrünnige Kolonie, die Republik Mars, in einem regelrechten Kalten Krieg und bedrohen sich gegenseitig mit nuklearer Vernichtung. Hauptstreitpunkt ist die Kontrolle des ressourcenreichen Asteroidengürtels zwischen Mars und Jupiter. Beide Seiten benötigen die seltenen Metalle für einen Rüstungswettlauf, der auf dem Rücken der sogenannten „Gürtler“ ausgetragen wird. So heißen die Nachkommen der Pioniere, die vor mehr als vier Generationen den Zwergplaneten Ceres und andere Asteroiden im Gürtel zwecks Bergbaus besiedelten. Wasser und Sauerstoff sind dort wertvoller als Gold. Die Beziehungen zwischen den Bewohnern der „Inneren Planeten“, Erde und Mars, und den Gürtlern ist von Rassismus geprägt, zumal  die Gürtler sich nach mehreren Generationen in niedriger Schwerkraft, auch physisch vom Rest der Menschheit unterscheiden. Es wird auch schnell ersichtlich, dass die Megakonzerne die Gürtler als rechtlose Untermenschen ansehen. Dies führt dazu, dass viele Gürtler eine Befreiungsorganisation namens OPA unterstützen, die sich für ein Ende der Ausbeutung  und für die Unabhängigkeit des Gürtels einsetzt. Indem diese sowohl als Parastaat im Gürtel auftritt, als auch politischer Druck durch Terror auf Erde und Mars ausübt, ähnelt jene stark den Befreiungsorganisationen unserer Zeit wie etwa PLO, ETA und PKK.

Kein Utopia

Auch sonst erscheinen die Geschehnisse von „The Expanse“ als Weiterentwicklung bestehender Tendenzen. Obschon Geschlecht, Ethnie oder Religion kaum mehr eine Rolle spielen, belastet doch Xenophobie auf Basis von kulturellen Differenzen die Beziehungen zwischen Mars, Erde und dem Gürtel. Auch wurde das bedingungslose Grundeinkommen weltweit eingeführt, da es für den größten Teil der 30 Milliarden Erdenmenschen schlicht nicht genug Arbeit gibt. Des Weiteren hat die Umweltverschmutzung ihre schlimmste mögliche Wendung genommen. Die Polkappen sind geschmolzen, die meisten Rohstoffe erschöpft, kurz, „das Paradies wurde zubetoniert“, wie der UN-Botschafter in der Republik Mars zynisch bemerkt. Die Marsianer eint hingegen der Traum, Mars in das grüne Paradies zu verwandeln, das die Erde einst war. Auch haben Stereotypen im Jahre 2350 noch nicht ausgedient, der Kollektivismus der tüchtigen Siedler wird bewusst auf der Erde als faschistoid dargestellt, während Mars die Erdenbewohner als dekadente Individualisten zeichnet. Die Wahrheit ist natürlich differenzierter.

Coreys Romane zeigen also, dass auch wenn Schneiders Space-Mining-Projekt sein soziales Versprechen, nämlich Handys für jedermann, erfüllen könnte, doch auf lange Sicht eine ganze Reihe an Konflikten mit ins All exportiert werden. Fraglich ist auch, ob die wirtschaftliche Erschließung des Weltraums dem Wohl der gesamten Menschheit zugutekommt oder ob nur mehr gesellschaftliche und politische Spannungen entstehen werden. “Does trickle down theory apply in zero gravity conditions?“ fragte A. A. Abrahamian in ihrem Guardian-Essay über Luxemburgs Weltraumressourcen-Initiative. „The Expanse“ beantwortet dies mit einem klaren Nein.


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