Von guter Gentechnik und bösen Ökos – eine Analyse

Das Urteil des EuGH gegen mithilfe der Genschere CRISPR erzeugte GMO (woxx 1486) hat zahlreiche Reaktionen in den deutschen Zeitungen hervorgerufen. Eine kritische Analyse von David Everard. (Seine eigene Sicht auf die Landwirtschaft ist unter „Die Natur als Partnerin“ nachzulesen.)

Bild-Serie: Das Leben, mit den Augen der Gentechniker betrachtet.
(Quelle: Rfam / RNA family database)

Der Europäische Gerichtshof hat entschieden, dass auch Gemüse, Obst oder Getreide, das mit der Genschere CRISPR verändert wurde, als gentechnisch veränderte Lebensmittel gekennzeichnet werden müssen. Das mutet Ihnen logisch an? Und doch scheint es, dass es auch bei den Pressestimmen hierzu eine ziemlich weit auseinander reichende Schere gibt. Blieb die Berichterstattung hierzulande eher sachlich, so war das Bild bei unseren deutschen Nachbarn uneins. Aber sehen Sie selbst:

Die Frankfurter Rundschau gibt am 26. Juli moderat und dennoch latent urteilend zu bedenken, dass es wohl kaum ein Gebiet der modernen Wissenschaft (gebe), das mit derart vielen Vorurteilen und irrationalen Ängsten behaftet (sei) wie die moderne Gentechnik. Dabei würden in ihr enorme Potenziale stecken, etwa um widerstandsfähiges Getreide, Obst oder Gemüse zu züchten.

Irrationale Ängste?

Gleichzeitig wird auch auf die potenziell unkontrollierbaren Gefahren der Technik hingewiesen und geschlussfolgert, dass die Entscheidung der Richter die Richtige war. Somit liegt die Frankfurter Rundschau auf einer Linie mit der Hannoverschen Allgemeinen, die das Urteil als juristisch sauber aber im Grunde als veraltet ansieht, da die Luxemburger Richter europäische Richtlinien anwenden mussten, die älter als die Techniken seien über die geurteilt werden musste. Hier fordert die Hannoversche intelligentere Gesetze.

Die Aufgabe des Gesetzgebers ist es, Texte zu formulieren, die es intelligenten Richtern ermöglichen über Probleme zu urteilen. Da ist es ziemlich anmaßend andere Gesetze zu fordern, wenn einem das Urteil nicht gefällt. Auch der Kommentar der Frankfurter Rundschau, in dem bedauert wird, dass dieser modernen Wissenschaft irrationale Ängste anhingen und sie durch Vorurteile benachteiligt werde, gibt als Verteidigungsgrund lediglich das enorme Potenzial der Gentechnik an. Seit wann reicht denn ein Potenzial, um über Risiken hinwegzusehen?

Wie läuft denn gerade die Diskussion über Neonicotinoide ab? Man könne nicht von deren Nutzung absehen, nur weil ein Schädigungspotenzial bestehe. Außerdem sei noch nicht wissenschaftlich belegt, dass diese „Pflanzenschutzmittel“ (ein schreckliches Wort, das die eigentliche Funktion dieser Gifte weichzeichnet) wirklich krebserregend oder Schuld am Insektensterben seien. Doch wenn es um das Wohl einer riesigen Industrie geht, sollen der Frankfurter Rundschau zufolge die Richter doch bitte eine andere Denkschiene fahren.

Überzogener Verbraucherschutz?

Die Süddeutsche Zeitung wiederum nennt das Urteil ein Fehlurteil. Die neuen Gentechnik-Methoden würden größtenteils nur Änderungen im Erbgut bewirken, die auch in der Natur vorkommen könnten, und wären somit nicht gefährlicher als alte Kartoffelsorten. Das Urteil habe nicht nur der Angst vor dem Neuen nachgegeben, es habe wichtige Chancen pulverisiert. Auch hier wieder das Argument der potenziell verpassten Chancen.

Die Allgemeine Zeitung aus Mainz versteht das Urteil als eine völlig überzogene Form des Verbraucherschutzes, wenn gleichzeitig zugelassen werde, dass sich eine Mehrzahl von Menschen fast ausschließlich von völlig überzuckerten Fertigprodukten ernähre. Dies sei eine schizophrene Entwicklung.

Ich freue mich, dass dem Autor dieses Artikels die Schizophrenie unseres Systems schleichend bewusst wird. Doch Schizophrenie und Scheinheiligkeit sind feste Bestandteile unserer Gesellschaft und sind und bleiben unantastbar. Doch wehe, ein Gerichtshof entscheidet urplötzlich im Sinne des Bürgers und nicht im Sinne des Profits. Dann gibt es einen Aufschrei der (liberalen?) Presse.

CRISPR überall?

Verwunderlich ist, dass ein renommiertes Blatt so schwache Argumentationen durchlässt, immerhin sind total überzuckerte Fertigprodukte als solche gekennzeichnet und der „mündige“ Kunde kann dies in den Inhaltsstoffen nachlesen. Im Falle von CRISPR-Technologie wäre dies nicht der Fall gewesen, wie wir jetzt sehen werden.

Es gab auch Stimmen, die aufzeigten, was eine gegenteilige Entscheidung des EuGH bedeutet hätte: Die Tageszeitung wies darauf hin, dass eine gegenteilige Entscheidung ein Aus für gentechnikfrei arbeitende Betriebe bedeutet hätte. Ein Übergreifen gentechnisch veränderten Pollens aus benachbarten Feldern hätte nicht mehr verhindert werden können. Da auch keine Informationen über die genetischen Veränderungen bekannt seien, noch nicht einmal bei den Behörden, könnten diese auch nicht nachgewiesen werden. Produkte mit gentechnisch veränderten Inhaltsstoffen hätten dann sogar mit dem Label ‚gentechnikfrei‘ verkauft werden dürfen.

Wie lesen sich die Kommentare der Frankfurter Rundschau, der Hannoverschen Allgemeinen und der Allgemeinen Zeitung denn nun, angesichts dieser Faktenlage? Ist es nicht die absolute Priorität einer EU, in der das Prinzip des vorbeugenden Schutzes der Bürger gilt, so zu entscheiden, dass es dem Konsumenten immer möglich ist zu entscheiden, was er kaufen will?

Gentech gegen Glyphosat?

Die Welt, diese vermeintlich seriösere BILD-Zeitung, ist der Meinung, dass gerade in Wochen wie diesen, da Landwirte aufgrund der andauernden Dürre um ihre Ernten und ihr Vieh zitterten, ökologisch denkende Menschen offen sein müssten für neue Methoden der Wissenschaft. Wenn die Genschere helfe Pflanzen und Gemüse resistenter gegen Trockenheit und Schädlinge zu machen, könne dies die Erträge sichern. Im besten Fall verhelfe die Genschere Pflanzen zu einem Vorteil gegenüber Unkräutern, dann brauche man weniger Glyphosat.

Ist diese Argumentation nicht einfach wunderbar? Ökologisch denkende Menschen werden hier aufgefordert, Gentechnik zu unterstützen, da Landwirte aufgrund der Dürre um ihre Ernte und ihr Vieh zittern müssten. Wenn sie dies nicht täten, seien sie, so Die Welt zwischen den Zeilen, keine ökologisch denkenden Menschen.

Und wieder das Argument des Potenzials, das in der Technik stecken könnte: Was, wenn die Genschere Pflanzen einen Vorteil gegenüber Unkräutern verschaffte? Ja was? Dann, so Die Welt, bräuchte man weniger Glyphosat. Ist es nicht das, was ihr, Kritiker der Gentechnik, wollt? Weniger Glyphosat? Nun: CRISPR wäre euer Heiland gewesen, nur wolltet ihr ihn nicht anerkennen und frohlockt nun, da die Richter ihn kreuzigen.

Zukunft in Händen der Konzerne?

Als ökologisch denkender Mensch ist Die Welt sowieso nur schwer zu lesen, zu offensichtlich sind die Einflussnahmen der Lobbyisten. Also richtet sich die Argumentation klar an die ihr angestammte Leserschaft, die mit diesem Kommentar einen Sündenbock für das juristisch korrekte (cf.: Hannoversche Allgemeine) Urteil serviert bekommt: Die bösen Ökos, die die Wirtschaft kaputt machen.

Doch bei keinem Kommentar wird einem so mulmig wie bei dem der Mitteldeutschen Zeitung. Sie bezieht klar Position für eine Befreiung der Gentechnologie. Europäische und deutsche Gesetzgeber, aber auch die Gesellschaft, brauchten keine Debatte, wie weit Gentechnik gehen dürfe, sondern welche Veränderungen an Flora und Fauna sie zu akzeptieren bereit seien. Diese Diskussion habe auch eine zutiefst moralische Komponente: „Darf man mit Hinweis auf eigene, ethische Grundsätze das Entstehen von Pflanzen bremsen, die die Hungersnöte in den trockenen Gebieten der Entwicklungsländer bremsen könnten? Die Vorstellung einer Chemiebranche, die über den Schlüssel für die Zukunft der Menschheit herrscht, mag für viele beängstigend sein aber für sehr viele bleibt sie ein Hoffnungsschimmer.“

Überproduktion statt Insekten?

Atemberaubend. Sind ethische Grundsätze nicht grundsätzlich? Ist es nicht eine Wertegesellschaft in der wir leben? Ist in einer Demokratie nicht das Volk der Machthaber, der die Verwaltung an gewählte und abwählbare Vertreter gibt? Wenn die Mehrheit der Bevölkerung gegen einen zu großen Einfluss der Gentechnik ist, dann tut sie das aus dem einfachen Grund, dass die Risiken – und da sind sich auch die Befürworter der Technik einig – nicht kalkulierbar und potenziell fatal sind. In keinem Fall kann der Schlüssel für die menschliche Zukunft in Händen einer Chemiebranche sein. Es handelt sich hier um börsennotierte Unternehmen, deren einziges Ziel die Gewinnmaximierung ist.

Lassen Sie uns nicht vergessen, dass auf dem Börsenparkett auf Dürre, Überschwemmungen und Ernteausfälle gewettet wird. Dass Lebensmittelpreise künstlich hochgetrieben und Menschen verhungern gelassen werden, nur um einen Gewinn einzustreichen. Dass die Lebensmittelindustrie den Regenwald rodet, um Sojabohnen anzupflanzen, die hierzulande an unser Mastvieh verfüttert werden. Dass ein anderer Regenwald den Palmöl-Plantagen zum Opfer fällt, nur damit hier der Nuss-Nougat-Aufstrich billig bleibt. Dass große Lebensmittelfirmen Afrika trockenlegen, damit wir an jedem Tankstellenshop abgefülltes Wasser im Sonderangebot kaufen können.

Dass die Chemiebranche sehr wohl für das Insektensterben und die inakzeptable Abhängigkeit unserer Bauern an das getunte Saatgut und die damit verbundene obligate Nutzung von Pestiziden, Fungiziden und Herbiziden verantwortlich ist. Dass wir in Europa eine 400 prozentige Überproduktion haben, nur damit in den überdimensionierten Kaufhäusern eine perverse Auswahl an immergleichen und mit utopischen Mindesthaltbarkeitsdaten versehenen Produkten stehen kann, die dann lastzugweise vernichtet werden.

David Everard
Autor und wilder Gärtner
De Wëlle Gaart

 

Zwischentitel und Habillage: woxx
Was David Evrard an der industriellen Landwirtschaft kritisiert und welche Alternativen er sieht, ist im Beitrag „Die Natur als Partnerin“ (erschienen in der Papierausgabe der woxx Nr 1487) nachzulesen.

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