Weimarer Republik
: Bann der Gewalt


Die erste deutsche Demokratie beruht auf einem Akt exzessiver Gründungsgewalt: Der irische Historiker Mark Jones über den Verlauf der Novemberrevolution von 1918.

Antirepublikanische „Verteidiger“ der Republik: Mitglieder eines Freikorpsverbands 1919 in Berlin. (Bildquelle: Wikimedia)

Der Kampf gegen die rätekommunistischen Anhänger der Revolution von 1918/19 in Deutschland wurde nicht zuletzt mit dem Mittel der Propaganda geführt. Als zu jeder Schandtat fähig sollten die Gegner gebrandmarkt werden. So schrieb die „Frankfurter Zeitung“ nach dem Ende der Besetzung des Berliner Stadtschlosses, bei dessen gescheiterter Erstürmung durch Regierungstruppen bereits Ende Dezember 1918 zahlreiche Menschen getötet worden waren, die Besetzer der aufständischen Volksmarinedivision hätten dort gehaust wie die „Barbaren“.

Das „Escher Tageblatt“ begnügte sich damals hinsichtlich der Vorgänge in Deutschland zwar meist mit der distanzierten Wiedergabe von Berichten aus Zeitungen von jenseits der Mosel. Doch unter Verweis auf den zitierten Artikel erlaubte man sich am 24. Januar 1919 doch einmal einen galligen Kommentar: „Die ‚Frankfurter Zeitung‘ sagt hier nicht mehr und nicht weniger, was schon über das Auftreten der deutschen Armee in Frankreich und Belgien von anderen Blättern und Schriften gesagt worden ist. Ich weiß nicht, weshalb die Marinedivision schlimmer sein soll als andere Divisionen. Wer das aber früher sagte, […] konnte sich auf 6 Monate Haft gefasst machen. Die Luxemburger wissen darüber ein Lied zu singen!“

Der Luxemburger Kommentar mag symptomatisch für den distanzierten Blick gewesen sein, mit dem das Gerangel verschiedener politischer Fraktionen des einstigen Besatzers beobachtet wurde. In Deutschland dagegen war man gegen solche Propaganda weniger immun. Vielmehr haben Gerüchte über revolutionäre Gräueltaten nicht unwesentlich dazu beigetragen, den staatlich sanktionierten Gewaltexzess im Zuge der Novemberrevolution auch gesellschaftlich zu legitimieren. Das legt zumindest die Studie des irischen Historikers Mark Jones nahe, die nun in einer inhaltlich überarbeiteten Form auf Deutsch erschienen ist.

Der Titel der deutschen Ausgabe des Buches, „Am Anfang war Gewalt“, korrespondiert mit jenem der englischen Version: „Founding Weimar“, denn Jones will zeigen, dass der Gründungsakt der Weimarer Republik, deren politische Konsolidierung unter der Führung der Mehrheits-Sozialdemokratie von Friedrich Ebert, ein Akt der Gewalt war, der zudem vielfach die Grenze zum Verbrechen überschritt. „In den Winter- und Frühjahrsmonaten 1918/19 hielten Formen von Gewalt Einzug, die bis dahin auf dem Boden des Deutschen Reiches niemals vorgekommen waren, und das in einer nie dagewesenen Größenordnung“, schreibt Jones.

Selbst in liberalen Medien wurden die Revolutionäre vielfach als „Barbaren“ bezeichnet, wie vom Escher Tageblatt polemisch aufgegriffen.

Mark Jones beginnt seine Erzählung mit der sich abzeichnenden Kriegsniederlage der Deutschen. Ende Oktober 1918 planten die Befehlshaber der Marine eine Kamikaze-Aktion, bei der die gesamte kaiserliche Flotte in einer finalen Seeschlacht mit der britischen Royal Navy geopfert werden sollte. Denn dieser „Endkampf“ hatte keine Erfolgsaussichten, außer deutschen Tugenden wie „Tapferkeit“ Genüge zu tun. Die Matrosen der Kriegsmarine in Kiel hatten genug von solchem Opfergeist und schritten zur Revolte.

Von Kiel aus machte das Beispiel der Matrosen Schule. „Am Abend des 8. November hatten revolutionäre Akteure, ohne dabei je auf mehr als symbolischen Widerstand zu stoßen, fast alle größeren deutschen Städte übernommen.“ Bei allen zentralen Ereignissen, die Jones rekonstruiert, verwendet er viel Mühe darauf, die tatsächliche Gewaltbereitschaft beider Seiten zu rekapitulieren, und kommt zu dem Schluss, dass die Revolutionäre im November 1918 „weitgehend gewaltfrei“ agiert hatten.

Dennoch sollte das gesellschaftliche Klima bald vollständig gewaltgesättigt sein. Folgt man Mark Jones, so lag das nicht zuletzt an der Dynamik des Gerüchts. Nervosität und Angst prägten demnach den Alltag in Deutschland. Niemand wusste, wie die Revolution weitergeht. Nicht selten sei es zu Schießereien gekommen, ohne dass ein Gegner tatsächlich vorhanden war. Glaubten die einen, konterrevolutionäre Offiziere pirschten sich heran, meinten andere zu wissen, Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht rückten mit bewaffneten Kontingenten an. Denn zwar waren in allen größeren Städten Arbeiter*innen- und Soldatenräte gegründet worden, doch das Amt des Reichskanzlers war seit dem 9. November auf den Sozialdemokraten Friedrich Ebert übertragen. Als exekutive Ordnungsmacht fungierte neben der Polizei das Militär unter der Führung von General Wilhelm Groener, der dabei auch auf in sogenannten Freikorps organisierte ehemalige Mitglieder der Reichswehr zurückgriff. Spätestens mit der Entscheidung vom Dezember 1918, nicht am Rätesystem festzuhalten, fürchteten sich große Teile der Gesellschaft vor „russischen Zuständen“ und einem blutigen Griff der Rätekommunisten nach der Macht.

Neben der gedruckten Presse verwendet Jones auch Tagebucheinträge von Schriftstellern wie Thomas Mann und anderen, um das Klima der Angst zu beschreiben, das die Gesellschaft der damaligen Zeit erfasst. Immer wieder betont er dabei die Rolle der sogenannten „Autosuggestion“, wonach Gerüchte in Kollektiven zu vermeintlichen Gewissheiten heranreifen können, obwohl sich in Wirklichkeit nichts dergleichen ereignet hat.

Ob die Berichte über von Revolutionär*innen begangene Gräueltaten nun tatsächlich geglaubt oder nur als Vorwand genommen wurden: jedenfalls dienten sie ab Dezember 1918 dazu, staatlich legitimiert mit brutalsten Mitteln gegen die Aufständischen vorzugehen, um der nach Ansicht großer Teile der Gesellschaft letztlich „unvermeidlichen Eskalation der revolutionären Gewalt“ zuvorzukommen, wie Jones schreibt.

Am Ende, als auch die Münchner Räterepublik im Mai 2019 blutig niedergeschlagen war, waren nahezu 2.500 Menschen tot, die wenigsten davon Regierungssoldaten. Viele, wenn nicht die meisten, waren unbeteiligte Zivilisten. Um den Aufstand niederzuschlagen, hatte man nahezu das komplette Waffenarsenal wie auch die Kampftaktiken der Front in Anschlag gebracht, ging mitten in der Stadt mit schwerer Artillerie, Flammenwerfern und sogar Fliegerbomben auf die verschanzten Revolutionär*innen los. Etliche Gefangene wurden in einem regelrechten Blutrausch niedergemacht.

Teils minutiös zeichnet Mark Jones die zentralen Ereignisse jener Tage nach, etwa die Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg. Er möchte das Klima greifbar machen, in dem die von der Sozialdemokratie geführte Regierung schließlich auf eine durch Propaganda verstärkte alptraumhafte Angst der Bevölkerung vor dem „Terror der Straße“ bauen konnte, um eine rein militärische Lösung der Krise zu legitimieren und dabei eben jenen Terror zu entfachen, den man einzudämmen behauptete. So wurde einmal mehr in der deutschen Geschichte die eigene Aggression als Notwehrhandlung deklariert.

Veteranen der Gewaltexzesse wurden später ein tragendes soziales Element der nationalsozialistischen Bewegung.

„Dass die Sozialdemokraten den Versuch gemacht hätten, die Krise auf dem Verhandlungsweg zu entschärfen“, urteilt Jones, „entspricht nicht der Wahrheit.“ Vielmehr sei die sozialdemokratische Regierung recht bald bereit gewesen, „durch demonstrative Gewalt ihre Macht zur Schau zu stellen“.

Bis zum heutigen Tage werden die auch politisch motivierten Interpretationen der damaligen Ereignisse maßgeblich durch die konfligierenden zeitgenössischen Erzählungen mitbestimmt. Jones ist bemüht, sie auf ihren Realitätsgehalt zu prüfen und sie in ihrem Entstehungskontext zu begreifen. Akribisch, beinahe detektivisch geht er bisweilen vor, und versäumt es bei diesem streckenweise mikrohistorischen Ansatz an einigen Stellen, seinen Leser*innen auch den größeren historischen Zusammenhang vor Augen zu führen.

Als Historiker beschränkt sich Mark Jones weit mehr auf die Rekonstruktion der Ereignisse, als etwa kulturwissenschaftlich orientierte Wissenschaftler, die sich mit dieser geschichtlichen Phase beschäftigt haben, wie George L. Mosse und Modris Eksteins. Diese versuchen, die Entwicklung im Kontext der vielschichtigen Dynamik der Moderne zu analysieren und wagen sich dabei zum Teil in den Bereich der Gesellschaftstheorie.

Dennoch scheut sich auch Jones nicht, seine Befunde in einen weiteren Kontext zu stellen. Immer wieder betont er, dass die Ereignisse der Jahre 1918/19 auch als Vorgeschichte des Nationalsozialismus reflektiert werden müssen – ohne damit behaupten zu wollen, die weitere Entwicklung sei zwangsläufig gewesen. Er verdeutlicht jedoch, dass der Erste Weltkrieg auch insofern eine gesellschaftliche Zäsur darstellte, als danach die Anwendung maximaler Gewalt, und zwar zur physischen Vernichtung des Gegners, weiten Teilen der Gesellschaft akzeptabel erschien, was zuvor nicht der Fall gewesen sei. Dieser Gegner war der „innere Feind“, die Novemberrevolutionäre, deren Auslöschung vor dem Hintergrund von Propaganda, „Autosuggestion“ und dem „gleichzeitigen Zusammenbruch von Ordnungssystemen in Deutschland wie auch in weiten Teilen des übrigen Europa“ akzeptabel erschien. Dazu wurden sie selbst in liberalen Medien vielfach als „Barbaren“ bezeichnet, wie vom Escher Tageblatt polemisch aufgegriffen, wurden als „entfesselte Bestien“ und „außerhalb jeden Menschentums“ stehend dehumanisiert.

Mark Jones unterschlägt nicht, dass auch auf der linken Seite zumindest verbal die Bereitschaft zu massiver Gewaltanwendung gegeben war. Als treibende Kraft bei der tatsächlich stattgefundenen Gewalt identifiziert er jedoch das konservativ-nationalistische Milieu der ehemaligen Reichswehr und die Freikorps mit ihrer nationalistisch-antibürgerlichen nihilistischen Ideologie. Er knüpft damit teils an die Ergebnisse etwa des Göttinger Historikers Dirk Schumann an, der die Ausweitung der politischen Gewalt in der Weimarer Republik weniger auf die allgemeine „Brutalisierung“ der deutschen Gesellschaft nach dem Ersten Weltkrieg (George Mosse) zurückführt, sondern vielmehr auf die Aktivität der politischen Rechten.

Bereits vor dem Krieg hatte es in Deutschland Vorstellungen gegeben, den „Umbau des Staates unter antidemokratischen Gesichtspunkten und unter Führung einer verschworenen Gruppe heldischer Männer“ zu betreiben, wie der britische Historiker Richard Evans schreibt. Doch erst in Folge des Ersten Weltkrieges fand dieses rechte antirepublikanische Milieu ein gesellschaftliches Klima vor, das es ihm ermöglichte, sich mit seinen Ideen zu etablieren, und mit den Freikorps schuf man sich einen schlagkräftigen militärischen Arm. Legitimiert wurde dieses Treiben durch die Sozialdemokratie, die mit diesem Milieu ein Bündnis einging, in der Hoffnung durch rigorose Gewaltanwendung die eigene prekäre Machtposition an der Regierung zu konsolidieren.

Um dieses Ziel zu erreichen, nahm die sozialdemokratische Regierung zumindest in diesen ersten Monaten in Kauf, dass die „Logik der Gewalt … über das Recht und über die Bürgerrechte triumphiert“, wie Jones schreibt. Als Beleg dafür bezieht er sich insbesondere auf den von Reichswehrminister Gustav Noske am 9. März 1918 erteilten Befehl, bewaffnete Revolutionäre sofort zu erschießen. Der Historiker qualifiziert dies als „Moment am Anfang der Weimarer Republik, der funktionell der Gewalt der Nationalsozialisten am Anfang des Dritten Reiches entsprach“. Denn der Befehl war nichts anderes als ein Freibrief für Willkür und Lynchjustiz seitens der Freikorps-Kämpfer. In einer Rede vor der Nationalversammlung am 13. März 1919 fertigte Noske Abgeordnete der oppositionellen Unabhängigen Sozialdemokraten (USPD), die den Schießbefehl als rechtswidrig kritisierten, mit den Worten ab, er lasse sich „auf juristische Tüfteleien nicht ein“. Die USPD-Zeitung „Freiheit“ schrieb daraufhin: „Noch nie hat eine Regierung so offen und brutal erklärt, dass sie auf das Gesetz pfeift.“

Mark Jones‘ Buch ist ein lesenswerter Beitrag zur Geschichte der Weimarer Republik wie zur Vorgeschichte des „Dritten Reiches“. Die Ereignisse, deren Hergang er rekonstruiert, führten nicht geradewegs in den Nationalsozialismus. Die Weimarer Republik steht für bedeutende demokratische Errungenschaften, um deren Erhalt die Gegner des Nationalsozialismus vor 1933 erbittert kämpften. Dennoch wurde in ihren ersten Tagen staatlich legitimiert exzessive Gewalt ausgeübt. Die Art und Weise, wie diese politisch und kulturell gerechtfertigt wurde, sollte es den Nazis später leicht machen, sich zur Verteidigung ihrer eigenen Gewaltpraxis darauf zu berufen.

Der Bann gegen massive Gewaltanwendung im Inneren wurde in Deutschland also nicht erst im Zuge des Kampfes der Nationalsozialisten um die „Machtergreifung“ gebrochen, sondern bereits im Gründungsakt der Weimarer Republik. Er konnte in den Folgejahren nicht wiederhergestellt werden, wie auch der Historiker Dirk Schuman bestätigt: Ein „unausgesprochener Konsens über die Legitimität von Gewalt“ hatte sich bereits tief „in die politische Kultur eingefressen“. Veteranen dieser Gewaltexzesse zählten später zu den tragenden sozialen Elementen der nationalsozialistischen Bewegung. Von der Nazi-Propaganda wurden sie auf konsequente Weise geehrt: als „erste Soldaten des Dritten Reiches“.

Mark Jones: Am Anfang war Gewalt. 
Die deutsche Revolution 1918/19 und der Beginn der Weimarer Republik. 
Aus dem Englischen von Karl Heinz Siber. Verlag Propyläen, 432 Seiten.

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