Weinbau: „Die Stimmung ist miserabel“


In einem globalisierten Markt ist auch in Luxemburg der Weinhandel ein hartes Geschäft. Doch die Privatwinzereien scheinen sich im Konkurrenzkampf besser zu behaupten als das traditionelle Genossenschaftssystem.

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Lieber edler Riesling als billiger Rivaner? 
Für Vinsmoselle wird es immer schwieriger, im unteren Marktsegment zu bestehen – 
und das spüren auch die Winzerbetriebe, 
die der Kooperative angehören. (Foto: Renée Wagener)

In diesem Frühjahr feierte Vinsmoselle mit großem Pomp sein fünfzigjähriges Jubiläum. Es geht uns doch gut! lautete dabei der Subtext. Der liberale „Lëtzebuerger Journal“ titelte: „Eine luxemburgische Erfolgsgeschichte“. Doch hinter den Kulissen heißt es, die Traditionsgenossenschaft, der größte Luxemburger Weinproduzent, stehe unter starkem wirtschaftlichen Druck. Die in einem Rhythmus von mehreren Monaten zu leistenden Zahlungen an die WinzerInnen, die ihre Trauben der Kooperative abliefern, würden zwar regelmäßig ausgeführt, wiesen aber einen Rückstand von bis zu zwei Jahren auf.

Auch die Wetterkapriolen träfen die auf Quantität ausgerichteten Genossenschaften mit besonderer Härte: 2016 war nicht nur für die Landwirtschaft, sondern auch für die Weinwirtschaft ein Katastrophenjahr. Viele Winzerbetriebe, die an die Genossenschaft liefern, hätten, so heißt es, die Trauben einfach hängenlassen oder sogar den Betrieb aufgegeben. „Es ist das gleiche Phänomen wie bei den Bauern,“ meint ein Experte, „sogar noch schlimmer“. Das Risiko sei sehr hoch, dass dieser Trend sich fortsetzt. „Es ist extrem dramatisch.“

Auf Nachfrage bei der Vins-
moselle kontert Generaldirektor Patrick Berg, dem Betrieb gehe es gut. Und was das Timing der Auszahlungen betrifft, versichert er: „Wir waren noch nie so dicht dran wie heute.“ Auch wenn 2016 ein schwieriges Jahr gewesen sei, habe er nicht den Eindruck, dass mehr Winzerbetriebe aufgeben als zuvor. Auch Robert Ley, Leiter des Weinbau-Instituts in Remich, möchte nicht von Krise reden. Manchmal gebe es Umstellungsphasen, die wie bei jedem Betrieb schwierig seien. Ley spricht deshalb lieber von einem Strukturwandel. Grundsätzlich, so Ley, seien in Luxemburg die Produktionskosten hoch, die Betriebe klein. Deshalb könne man nur noch schlecht mithalten bei Weinen in der unteren Preiskategorie. „Die Umstellung geht nicht von heute auf morgen, andere Sorten anzupflanzen oder andere Vinifikations-Methoden einzuführen, braucht seine Zeit.“ Dennoch stellt auch Ley einen seit langem anhaltenden Konzentrationsprozess fest: Gab es 1966 noch um 1700 Betriebe, so sind es heute nur noch 320. Rechnet man die etwa 50 in privater Hand befindlichen ab, so verbleiben formal 270 Betriebe, die den Genossenschaften angegliedert sind. Da eine Familie oft mehrere Betriebe anmelde, müsse man in Wirklichkeit aber von etwa 120 Genossenschaftsbetrieben ausgehen.

Auslaufmodell Vinsmoselle?

Ein Privatwinzer urteilt demgegenüber, die Stimmung unter den GenossenschaftswinzerInnen sei miserabel. „Wenn Winzerprofis Ende 40, die jahrzehntelang in ihrem Beruf gearbeitet haben, aufhören und sich einen Job bei der Gemeinde suchen, ist das kein gutes Zeichen.“ Aufschlussreich sei auch, dass die Betriebsnachfolge bei den Privatbetrieben grosso modo zu 80 Prozent abgesichert sei, bei den Genossenschaftswinzereien aber nur zu etwa 15 Prozent. Was die Auszahlungspraxis der Vinsmoselle angeht, so hält er die – vorausgesetzt, das Geld kommt regelmäßig – nicht für das Hauptproblem, sondern vielmehr den Preis, der für die Trauben gezahlt wird. „Wenn der Auxerrois im Supermarkt für 3,20 Euro zu haben ist, was bleibt da für den Genossenschaftswinzer übrig?

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Ein zuversichtlicher Weinbauminister : Fernand Etgen bei der Ehrung der im neuen 
Guide Hachette ausgezeichneten Betriebe vorigen Montag in Remich. (Foto: Renée Wagener)

Das Genossenschaftsmodell stammt noch aus den 1920er-Jahren; es löste seinerzeit jenes der lokalen Winzervereine ab. Zwischen 1921 und 1948 entstanden sechs Genossenschaftskellereien: Grevenmacher, Stadtbredimus, Greiveldingen, Wormeldingen, Wellenstein und Remerschen. 1966 schlossen sich einige der Kooperativen – auch damals schon als Reaktion auf Krisen und Überproduktion – zusammen. Seither übernehmen Die „Domaines Vinsmoselle“ nicht nur die geernteten Trauben ihrer Mitglieder, sondern kümmern sich auch um die Weinproduktion und den Vertrieb. Eine zweischneidige Lösung, wie die heutigen Probleme zeigen. Zwar haben die angeschlossenen Winzerbetriebe auf diese Weise einen festen Abnehmer, doch ist damit auch klar, dass der Akzent auf Quantität statt auf Qualität liegt. In die gleiche Richtung zielte auch das „Remembrement“, die Zusammenlegung der Weinbaugebiete und die Erhöhung der Produktivität durch Planierung der Weinberge, die zwar die mechanische Bearbeitung der Rebstöcke erleichterte, jedoch fatal war für die Biodiversität und die Landschaftsstruktur an der Mosel.

Stark betroffen von diesem Strukturwandel sind die sogenannten „Feierabendwinzer“, die ihren Weinberg früher neben der Schichtarbeit auf der Schmelz bewirtschafteten. Heute sind es oft Jobs bei Staat und Gemeinde, die helfen, über die Runden zu kommen, und so ein zweites Standbein bilden. Stärker als die FeierabendwinzerInnen sind aber die ErwerbswinzerInnen darauf angewiesen, dass schnell Geld hereinkommt. All diese Betriebe sind abhängig von der Vinsmoselle, haben keine eigenen Verarbeitungsstrukturen mehr. Weil der finanzielle Ertrag nicht mehr ausreicht, geben mehr und mehr von ihnen auf.

Qualität oder Quantität

Nach den Kellereien Stadtbredimus 
und Greiveldingen, wo schon 1993 die Produktion eingestellt wurde, wird nun auch in Remerschen nicht mehr abgefüllt. Der Vinsmoselle-Generaldirektor erklärt dies mit einem Wandel des Produktionsprozesses, der sich seit den 1960er-Jahren vollziehe: „Es ist einfach wirtschaftlich sinnvoller. Remerschen war nicht mehr die neueste Kellerei, und es macht keinen Sinn, in sie noch neu zu investieren, wenn sechs Kilometer weiter eine neue Anlage steht.“ Wormeldingen und Grevenmacher seien hingegen modernisiert worden. Remerschen stehe auch nicht, wie gemunkelt werde, zum Verkauf an. Berg verneint ebenfalls, dass das Verbot, an andere Betriebe zu liefern als an die Genossenschaft, aufgehoben sei: „Wer Mitglied bei uns ist, ist das zu 100 Prozent. Auch die, die bislang in Remerschen ablieferten, müssen das nun in Wellenstein tun.“

Weinbauminister Fernand Etgen spricht gegenüber der woxx im Konditional: „Die letzten zwei, drei Ertragsjahre sind nicht besonders gut gewesen. Deshalb wäre es nur normal, wenn es zu den Liquiditätsproblemen kommt, von denen jetzt geredet wird.“ Vinsmoselle sei aber bislang nicht wegen solcher Probleme an das Ministerium herangetreten. Die Genossenschaft erhalte über die normalen, jeder Kooperative zustehenden Investitionsbeihilfen hinaus keine Finanzspritzen vom Staat. Etgen wertet die Restrukturierungsmaßnahmen im Bereich der Genossenschaftskellereien eher als positiv. Dem Ministerium sei auch nicht bekannt, dass sich das Problem der Betriebsaufgaben in letzter Zeit zugespitzt habe.

Und es gibt auch Lichtblicke. Die von Vinsmoselle vertriebenen Sixty-Sixx-Produkte kommen gut an. Besonders aber die Crémant-Welle hat geholfen, den Rückgang des Konsums von Elbling und Rivaner in den Kneipen zu kompensieren, und damit nicht nur der Genossenschaft, sondern der gesamten Branche ein neues Standbein gegeben. (Siehe dazu auch unser Web-Exclusive auf woxx.lu).

Schaut man sich die vom Weinbauministerium veröffentlichten Zahlen an, so fällt zunächst das Ungleichgewicht zwischen Weinimport und -export auf: Im Ertragsjahr 2014/2015 wurden im Weinland Luxemburg etwa 223.000 Hektoliter importiert, vor allem aus Frankreich und Portugal. Dagegen lagen die Exporte einheimischer Weine lediglich bei 45.528 Hektolitern, was 36 Prozent der Produktion ausmacht – das Gros davon ging in Form von Rivaner nach Belgien. Der Anteil der Kooperativen am Export liegt bei 94 Prozent, der der Privatwinzereien beträgt nur zwei Prozent. Von den im Land verkauften Weinen waren etwa ein Viertel Luxemburger Weine und Sektsorten, während über ein Drittel auf ausländische Weiß- und Schaumweine fiel. Der Abwärtstrend beim Konsum einheimischer Weine zeigt sich seit den Neunzigerjahren. Laut Robert Ley hält sich zwar der Pro-Kopf-Verbrauch seit 1990 bei 50 Liter pro Jahr, doch ist der Anteil des Luxemburger Weins hieran von 30 auf 12 Liter gesunken. Auch die massive Anhebung der Mehrwertsteuer vor einigen Jahren hat nicht dazu beigetragen, die Konkurrenzfähigkeit zu verbessern.

Die Privaten

Im Vergleich zu den Vinsmoselle-Winzerbetrieben geht es dem Gros der Privatwinzereien gut. Statt auf Quantität setzt der Zusammenschluss der Privaten seit Jahren gezielt auf Qualität. Laut Ern Schumacher, Präsident der Privatwinzervereinigung, gibt es bessere und schlechtere Jahre. Die verstärkten Verkehrs-Alkoholkontrollen seien angesichts eines bereits schwindenden Konsums dem Absatz des heimischen Weins nicht förderlich; generell jedoch könne er keine Einbrüche feststellen. Was die Jahresproduktion angeht, so will Schumacher nicht in Hektolitern rechnen, weist jedoch darauf hin, dass der Privatwinzerverein immerhin ein Drittel der Gesamtanbaufläche bewirtschaftet. Auch über die Lage der Vinsmoselle-Kooperative will er sich nicht auslassen, sondern formuliert lieber die eigene Devise: „Unsere Stärke ist der Kontakt zu unserer Kundschaft. Wir machen unseren Wein selbst und wissen, dass wir ihn verkaufen müssen. Wir visieren auch vor allem den heimischen Markt.“

Doch auch bei den Privatwinzereien ist eine Konzentration der Betriebe festzustellen. „Tatsache ist“, meint Bio-Winzer Yves Sunnen, „dass immer wieder Weinberge frei werden, die von den gutgehenden Betrieben übernommen werden. „Es ist einfach, an neue Lagen zu kommen, das weist schon auf einen Wandel hin. Und es gibt wenig Nachwuchs, das kann man nicht abstreiten.“ Nach Robert Ley ist die Nachfolge aber tendenziell bei den Privatbetrieben besser abgesichert: „Dort gibt es stets einen Sohn oder – immer häufiger – eine Tochter, die den Betrieb übernimmt. Diese erhalten auch im Ausland oft eine sehr gute Ausbildung und kommen mit sehr guten Ideen zurück.“

Doch der erwähnte Privatwinzer unterstreicht, das Modell des Familienbetriebes, in dem man rund um die Uhr arbeitet, sei eine Herausforderung, und auch in der Privatwirtschaft würden Gefahren lauern. „Es kann nicht jeder Privatwinzer werden, das wäre nur eine Verlagerung des Problems.“ Auch bei den Privatbetrieben werde mittlerweile mit harten Bandagen gekämpft, der Preiskampf sei härter geworden. Wenn die Privatbetriebe massiv vergrößerten, stelle das auch ein Risiko dar. „Ab einem bestimmten Punkt sind auch sie gezwungen, an die Supermärkte zu verkaufen, und dann geht es ihnen genau wie den anderen.“

Was tut der Staat?

Es gibt im globalisierten Markt kein Allheilmittel, um das Dilemma zwischen Quantität und Qualität aufzuheben. Und die Konzentrationsprozesse im Weinbetrieb machen sich nicht nur in Luxemburg bemerkbar, sondern sind ein generelles Phänomen in Europa. Dennoch wird die Immobilität der Vinsmoselle immer wieder bemängelt. Schuld sei, so ein Kenner der Szene, das „alte Denken“ in den Strukturen, die die verbliebenen Kellereien verwalten. Das Kooperativen-System müsse nicht grundsätzlich in Frage gestellt werden, Reformen seien aber unumgänglich. Auch Minister Etgen meint, der Solidaritätsgedanke habe nicht ausgedient. Die lokalen Vereine müssten sich aber stärker zusammenschließen, es könne nicht mehr in jedem Dorf eine Spritzgenossenschaft geben. Außer solch frommen Wünschen scheint es aber wenig konkrete Bestrebungen zu geben, dem Reformgedanken neues Leben einzuflößen und das Steuer des schweren Tankers Vinsmoselle herumzureißen. Mit dem Risiko, dass er sich, wie manche befürchten, über kurz oder lang als Titanic erweisen wird.

Dass der Staat erstaunlich wenig auf den Rückgang der Betriebe reagiert, hat vielleicht mit dem abnehmenden Stellenwert der Weinwirtschaft in der Luxemburger Ökonomie zu tun: Laut Zahlenangaben des Weinbauministers von 2014 macht der Weinbau 10 Prozent der Bruttowertschöpfung der Landwirtschaft aus, die ihrerseits nur noch ein Prozent zur Gesamtwirtschaft beiträgt. Nicht nur wirtschaftlich, sondern auch politisch scheint die traditionell CSV- bzw. DP-lastige Branche immer weniger Gewicht zu haben. Und in der Branche selbst wird vorzugsweise geschwiegen, als befürchte man, bereits das Benennen der Probleme könne das Image schädigen. Am 22. November soll es jedoch, auf Anfrage der Abgeordneten Octavie Modert, im Parlament eine Debatte zur Lage des Weinbaus geben. Man darf gespannt sein, ob sich dort die Zungen lösen.

Lesen Sie ebenfalls unser 
Web-Exklusive auf woxx.lu: 
Wein-Marketing – Professionalität tut not.

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