Serie: What the facts?! (2): Tote Fakten, zum Leben erweckt


Immer schön bei der Wahrheit bleiben! Das Beharren auf dem, was nachweislich der Fall ist, erscheint im „postfaktischen Zeitalter“ als ein Grundpfeiler der Demokratie. Doch wer die Fakten aufs Korn nimmt, hat nicht zwangsläufig wahrheitsfeindliche Propaganda im Sinn. Teil II unserer Serie über das „Postfaktische“.

Wendete sich bereits 1923 gegen einen Fakten-Fetischismus auch in der kommunistischen Bewegung und damit gegen die Reduktion der Idee der Weltveränderung auf ein bürokratisch-technisches Programm: der ungarische Philosoph Georg Lukács. (Quelle: gyorgylukacs.wordpress.com)

Vor ein paar Jahren gab es in einer Brüsseler Buchhandlung ein kleines Notizbüchlein zu kaufen. Fakten sind der Feind der Wahrheit, stand darauf in Englisch zu lesen: „Facts are the enemy of truth“. Keine weitere Erläuterung. Sicher war die Intention nicht zuletzt, mögliche Käufer schmunzelnd zum Griff nach der Geldbörse zu bringen.

Heute, im von manchen heraufbeschworenen „postfaktischen Zeitalter“, klingt der Slogan eher befremdlich. Noch vor ein paar Jahren hätte man bei dem Zitat, das eigentlich aus dem bekanntesten Werk von Cervantes stammt, vielleicht sogar an Karl Marx denken können.

Was der spanische Dichter seinem Don Quixote in den Mund legte, hat nämlich bestimmt auch den Beifall des bärtigen Trierers gefunden. Schließlich hatte Marx viel Energie darin investiert, seinen Mitmenschen klar zu machen, dass man dem, was scheinbar so offensichtlich ist, erst noch auf den Grund gehen muss. Vor allem dann, wenn man etwas verändern will – weil man sonst, wie Don Quixote, nur gegen Windmühlen kämpft. Geschichte müsse aufhören, „eine Sammlung toter Fakta zu sein“ so Marx und Engels in einer gemeinsamen Schrift.

Eigentlich lässt sich die gesamte Philosophiegeschichte als Kritik des bloß Faktischen erzählen, insofern es als nicht Durchschautes die Vorstellungskraft der Menschen irreführt und beherrscht. So wird heute zwar über Wachstum und Verteilungsgerechtigkeit gestritten, nicht jedoch über deren faktische Basis, die gesellschaftliche Reproduktion in Form von Warenproduktion.

Was als unumstößliche Tatsache wahrgenommen wird, muss laut Marx und Engels in seiner geschichtlichen Herkunft erkennbar werden, damit man verstehen kann, dass die Existenz von „Ware“ und „Lohnarbeit“ keinem Naturgesetz folgt. Fakten, soweit sie „von der Betrachtung der historischen Entwicklung der Menschen abstrahieren“, erhalten laut den beiden Kommunisten den „Schein der Selbständigkeit“, und führen zu „Nebelbildungen im Gehirn“. Als in ihrer Entstehung unbegriffene Phänomene sind sie, anders gesagt, Ideologie. So sagt zum Beispiel die Ansammlung von Fakten in der Arbeitslosen- oder Armutsstatistik für sich genommen wenig über die Gründe von Armut und Arbeitslosigkeit aus. Dafür bedarf es, wenn man nicht nur moralisch verteufeln, sondern analysieren will, der Gesellschaftstheorie, oder, wie Marx sagte, der „Waffe der Kritik“.

Der Autor des „Kapital“ hatte darauf vertraut, dass seine Kritik der Warenproduktion, in der gesellschaftliche Bedürfnisse nur ebenso notdürftig wie nebenbei, quasi als „Betriebsunkosten“ befriedigt werden, zur „materiellen Gewalt“ wird, „sobald sie die Massen ergreift“. Doch das Proletariat griff mehrheitlich fürs Vaterland zu den Waffen anstatt für die Revolution. Und auch das Russland der Bolschewiki führte bald in ein autoritäres Regime. Das hatte nicht zuletzt damit zu tun, dass auch Marx‘ Kritik nicht als solche verstanden wurde, sondern eben als „Sammlung toter Fakta“, als statische Anleitung zum Bau einer neuen Welt.

„Waffe der Kritik“

Es waren Theoretiker wie der ungarische Philosoph Georg Lukács und der aus Deutschland stammende Karl Korsch, die der Kritik des bloß Faktischen in den frühen Zwanzigerjahren wieder auf die Sprünge halfen. Sie erinnerten daran, dass Marx‘ Kritik zunächst einmal Erkenntniskritik war. Wer also in einer bestimmten geschichtlichen Epoche lebt, der ist im Erkenntnisprozess ebenfalls wesentlich von den gesellschaftlichen Gegebenheiten geprägt, die er zu erkennen und zu beschreiben versucht. Hinsichtlich der Fakten bedeutet dies, zu verstehen, inwiefern es spezifisch kapitalistische Fakten sind. Auch Wissenschaft, sofern sie die „Tatsachen“, wie sie „unmittelbar gegeben sind“ als „Ausgangspunkt der wissenschaftlichen Begriffsbildung anerkennt“, ohne sie in ihrer Gewordenheit zu verstehen, stelle sich unkritisch und dogmatisch „auf den Boden der kapitalistischen Gesellschaft“, so Lukács.

Gegen ein solches „traditionelles“ Verständnis von Wissenschaft entwickelten Max Horkheimer, Walter Benjamin, Erich Fromm und andere in Deutschland und im Exil in den USA die später als „Frankfurter Schule“ bezeichnete „Kritische Theorie“. Sie war eine sozialpsychologisch angereicherte Aktualisierung kommunistischer Kritik, weil sie auch zeigte, mit welch verheerender Wirkung sich der Kapitalismus im Einzelnen niederschlägt. Als geknechtet-knechtender „autoritärer Charakter“ wird er für Faschismus, Nazismus und Antisemitismus empfänglich gemacht.

Die nationalsozialistische Herrschaft bedeutete auch für die Herrschaft des bloß Faktischen eine Zäsur, weil das Herrschaftsverhältnis wieder offensichtlicher wird: „Auf die durchgebildete Begrifflichkeit einer Ideologie kann der Nationalsozialismus verzichten“, so Horkheimer 1938. Vielmehr halte das Regime die „Massen durch Gewalt, ökonomische Zukunftschancen und seine Art Befriedigung bei der Stange“, wobei der Philosoph damit auch die psychische Befriedigung meint, die der Antisemitismus offenkundig gewährt.

Horkheimer und seine Mitarbeiter gingen im Exil anfangs sogar davon aus, dass die Massen in Deutschland der Nazi-Ideologie weniger aus tiefer Überzeugung folgten. Ihre Regimetreue erkläre sich vielmehr aus einer, mit der Einbuße des Moralempfindens verbundenen, zynisch-abgeklärten Indifferenz: „Indem das deutsche Volk Hitler duldete, stellte es sich auf Tatsachen“ ein, und zwar „aus nüchterner Berechnung“: Falls Hitler beseitigt werde, dächten die Deutschen, folge doch nur dessen Stellvertreter, an ihrer Lebensrealität ändere das jedoch nichts. Auch wenn sie die fanatische „Treue zum Führer“ eines Großteils der Deutschen damals womöglich unterschätzten: Horkheimer und Co. schlossen daraus letztlich, dass den vom Nationalsozialismus geschaffenen Fakten nur noch von außen, und zwar zunächst militärisch, beizukommen sei.

Das Ganze denken

Nach dem Krieg kehrten Horkheimer, Theodor Adorno und einige weitere Mitarbeiter nach Deutschland zurück. Unverzüglich begannen sie einer Soziologie zu Leibe zu rücken, die im postnazistischen Deutschland nur allzu gern die Vorgeschichte der jungen Bundesrepublik vergessen machen wollte. Auf den Punkt gebracht wurde das mit der auch vom Wissenschaftsbetrieb übernommenen Formulierung von der „Stunde null“, die den Mythos einer radikalen Diskontinuität von „Drittem Reich“ und BRD symbolisierte.

Wiederum war das Festhalten an den „reinen“ Fakten en vogue. Dieses Verständnis von Wissenschaft, von Protagonisten wie Karl Popper und Ralf Dahrendorf propagiert, wurde von Adorno und auch dem jungen Philosophen Jürgen Habermas als Positivismus kritisiert. Wissenschaftliche Erkenntnis, die bloß die Fakten registriere, bedeute einen Fortschritt nur in der Unfreiheit, während in einem Begriff von Wahrheit, der diesen Namen verdiene, die bessere Einrichtung der Gesellschaft mitgedacht sein müsse. „Der Verzicht auf eine kritische Theorie der Gesellschaft ist resignativ“, so Adorno: „man wagt das Ganze nicht mehr zu denken, weil man daran verzweifeln muß, es zu verändern.“

Im deutschen und teils auch angelsächsischen Raum wurde also darum gestritten, ob sich der Wahrheit eher mittels der Sammlung von Fakten und „Tatsachen“ oder mittels deren kritischen Reflexion anzunähern sei. Derweil verabschiedete sich der Poststrukturalismus in Frankreich gleich ganz von dem Anspruch auf einen unteilbaren Wahrheitsbegriff. So etwas gebe es nicht, „Wahrheit“ sei bloß Ausdruck von Machtverhältnissen und werde über soziale beziehungsweise „diskursive“ Praktiken konstruiert und gesellschaftlich etabliert. Auch wenn das zunächst gar nicht so weit weg von Marx klingt, steht diese Herangehensweise zu seiner Theorie quer. Marx hat Armut und Lohnarbeit zwar als gesellschaftlich produzierte Phänomene begriffen, sie jedoch auf ihre materiellen Grundlagen hinterfragt. Er hat ihre „relative“ Notwendigkeit (im Unterschied zur „absoluten“, wie im Neoliberalismus; woxx 1411) anerkannt, die es praktisch zu überwinden, und nicht nur „diskursiv“ zu dekonstruieren gilt.

Die Krux des postmodernen Denkens, der Abschied vom Streit um die Wahrheit, habe zu einer massiven intellektuellen „Verwahrlosung“ geführt, kritisierte der Wissenschaftsjournalist Walter van Rossum 2014 im „Deutschlandfunk“. Dies habe sich auch in der Reform der universitären Ausbildung, dem so genannten Bologna-Prozess niedergeschlagen. Auch der Soziologe Harald Welzer spricht von einer „geistigen Entleerung“ an den Universitäten, dort herrsche „die reine Leistungs- und dann eben Messbarkeitsorientierung“, das Ende der kritischen Reflexion. Die Gedanken von Marx wären im postmodernen Kontext also gar nicht mehr denkbar, denn der Verzicht auf die Annäherung an einen unteilbaren Wahrheitsbegriff bedeutet auch den Verzicht auf den Anspruch nach Rationalität.

Marx wollte in seinem Buch „Kapital“ die Kategorien kritisieren, auf denen die Verteidiger der kapitalistischen Produktionsweise ihre Argumente basierten. Er wollte also zeigen, dass das Kapital anders als behauptet, keine rationale, sondern eine irrationale Veranstaltung ist. „Dekonstruiert“ hat er den Kapitalismus dadurch natürlich nicht. Dieser schafft in aller Brutalität weiter Fakten. „Die theoretische Wahrheit über das Kapital“, so hat es der an Marx orientierte Gesellschaftskritiker Joachim Bruhn einmal formuliert, kann nur dessen „praktische Aufhebung“ sein.

Siehe auch Die Lüge höret nimmer auf
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