Willis Tipps: Dezember 2017

Drei afrikanische Saitenzauberer

Wenn sich drei Musiker, die anerkannte Meister ihres Fachs sind, zusammentun, darf man Großes erwarten, und tatsächlich überzeugt das Album Anarouz in jeder Hinsicht. Aufgenommen wurde es vom Trio 3MA, das schon vor neun Jahren mit einer Platte brillierte. Der Name der Band hat damit zu tun, dass die Mitglieder aus Madagaskar (Rajery, Valiha), Marokko (Driss El Maloumi, Oud) und Mali (Ballaké Sissoko, Kora) kommen und die unterschiedlichen Musiktraditionen dieser Länder auf subtile Art miteinander verbinden. Das funktioniert nicht nur deshalb so hervorragend, weil die drei Solisten ihr Handwerk perfekt beherrschen, sondern auch, weil sich die Klangfarben der Saiteninstrumente bestens ergänzen. Hier und da hat man etwas Perkussion, ein Cello oder Gesang hinzugefügt. Es stört überhaupt nicht, dass das wunderbare Stück „Anfass“ vom Debutalbum in einer etwas weicheren Neueinspielung unter dem Namen „Anfaz“ enthalten ist. Eine ganz feine Zusammenarbeit reifer Virtuosen!

3MA – Anarouz (Mad Minute Music/Six Degrees)

Wildes Polen

Die in ihrer Heimat gefeierte Kapela Maliszów zeigt, wie reich das musikalische Erbe Polens ist und was man aus ihm machen kann. Die Kapela ist ist eine Familienband; Vater Jan Malisz spielt eine Urform des Cello und Akkordeon, die 14-jährige Tochter Zuzanna bedient verschiedene Trommeln und Becken, Sohn Kacper (18) ist Geiger, und gesungen wird gelegentlich auch. Es ist frappierend, welche technische Souveränität und Virtuosität vor allem auch die beiden Jungen an den Tag legen. Auf Wiejski Dzez/Village Jazz finden sich überlieferte Melodien, neo-traditionelle Eigenkompositionen und jede Menge Improvisationen als Resultate der produktiven Auseinandersetzung zweier Generationen. Es sind viele feurige Stücke, aber auch einige in gemächlicherem Tempo, mit einer wilden, ungezähmten Geige und oft mit ungerader Metrik. Dzez, bzw. Jazz ist hier im Sinne von Experimentierfreude zu verstehen; abgenudelte Jazzfloskeln wird man nicht finden. Das ist geerdete Moderne, die alte polnische Musik gegenwartskompatibel macht. Aufregend!

Kapela Maliszów – Wiejski Dzez/Village Jazz (Unzipped Fly Records)

Rumba-Rap aus Kuba

Yaite Ramos Rodriguez stammt aus Kuba, lebt nun in Paris und nennt sich La Dame Blanche. Durch ihren Vater ist sie musikalisch vorbelastet, denn der spielte eine wichtige Rolle u.a. beim Buena Vista Social Club. Dass sich eine junge Sängerin ihren eigenen Reim auf kubanische Musik macht, verwundert nicht. Junge kubanische Musiker*innen wachsen mit der klassischen Musik der Insel und – wie überall – mit Hip-Hop, elektronischer Musik und anderen populären Stilen auf. Die Orishas haben beides vor vielen Jahren bereits erfolgreich kombiniert. Einen ganz ähnlichen Weg geht La Dame Blanche. Ihre 2. Platte mit dem schlichten Titel „2“ ist schon 2016 erschienen, mir aber erst im Rahmen ihres fulminanten Auftritts auf der Weltmusikmesse WOMEX im Oktober aufgefallen, wo sie mich stark an die verstorbene provokante Diva La Lupe erinnerte. Wer hören will, wie heiße, junge kubanische Musik heute klingt, muss diese Platte auflegen.

La Dame Blanche – La Dame Blanche 2 (Wakan Tanka Records)

Dezember – Top 20

1. Boubacar Traoré – Dounia Tabolo (Lusafrica) Mali
2. Trio Da Kali and Kronos Quartet – Ladilikan (World Circuit) Mali/USA
3. Saz’iso – At Least Wave Your Handkerchief At Me (Glitterbeat) Albanien
4. Canzoniere Grecanico Salentino – Canzoniere (Ponderosa Music) Italien
5. Efrén López, Stelios Petrakis, Bijan Chemirani – Taos (Buda Musique) E/GR/Iran
6. Saeid Shanbehzadeh – Pour-Afrigha (Buda Musique) Iran
7. 3MA: Ballaké Sissoko, Driss El Maloumi, Rajery – Anarouz (Six Degrees) Mali/Marokko/Madagaskar
8. Anouar Brahem – Blue Maqams (ECM) Tunesien
9. BKO – Mali Foli Coura (Buda Musique) Mali
10. Kapela Maliszów – Wiejski Dżez (Unzipped Fly) Polen
11. Ross Daly & Kelly Thoma – Lunar (Labyrinth) Irland/GR
12. Jivan Gasparyan Duduk Ensemble – Yeraz (Buda Musique) Armenien
13. Tribalistas – Tribalistas (Phonomotor) Brasilien
14. Khalid Kouhen & Marylène Ingremeau – Sillage (Ouï-Dire / UVM) Marokko/F
15. Tony Allen – The Source (Blue Note) Nigeria
16. Omar Faruk Tekbilek – Love Is my Religion (Alif) Türkei
17. Baraka Moon – Wind Horse (Baraka Moon) Russland
18. Maya Youssef – Syrian Dreams (Harmonia Mundi) Syrien
19. Elida Almeida – Kebrada (Lusafrica) Kapverden
20. Raúl Rodríguez – La Raíz Eléctrica (Boa Música) Spanien

Die TWMC TOP 20/40 bei: http://www.transglobalwmc.com/ und bei Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und www.woxx.lu/author/Klopottek.


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