Willis Tipps
: Juni 2018

Palästinensisches Vermächtnis

Die bedeutendste palästinensische Sängerin der letzten Jahrzehnte war Rim Banna aus Nazareth, die zunächst vergessene Kinderlieder ausgrub und sich dann zu einem Sprachrohr des Kampfes für die palästinensische Selbstbestimmung entwickelte. Im März dieses Jahres hat die 51-Jährige, die vor einigen Jahren an Krebs erkrankte, den langen Kampf gegen die Krankheit verloren. Krankheit und Therapie schädigten ihre Stimmbänder; dennoch konnte sie vorher noch 15 Lieder aufnehmen, die Persönliches und Politisches miteinander verbinden und nun posthum veröffentlicht worden sind. Der norwegische Pianist Bugge Wesseltoft und das tunesische Elektronik-Kollektiv „Checkpoint 303“ haben für die instrumentelle Begleitung gesorgt und dabei auch Scans von Rim Bannas Körper, die während ihrer Therapie angefertigt wurden, in elektronische Klänge transformiert. Das resultierende Album „Voice of Resistance“ ist das eindringliche musikalische Vermächtnis einer kämpferischen Frau, das nicht nur musikalisch unter die Haut geht.

Rim Banna – Voice of Resistance (Kirkelig Kulturverksted)


Galizien – unbekanntes Spanien

Im nordspanischen Galizien tickt die musikalische Uhr ganz anders als im Süden des Landes. Einer der führenden galizischen Musiker ist Xabier Diaz, der auch forschend tätig ist. Vor Beginn seiner Solokarriere 2004 war er unter anderem die Stimme des Urgesteins galizischer Musik, der Gruppe Berrogüetto. Diaz singt und spielt verblüffend virtuos die Pandeireta Galega, das galizische Tamburin. Auf „Noró“ wird er begleitet von Drehleier, Geige, Akkordeon und der tollen 12-köpfigen Frauenvokalgruppe „Adufeiras de Salitre“, die auch für zusätzliche perkussive Tiefe sorgt. Die 13 Stücke sind moderne Interpretationen traditioneller galizischer Musik. Der Erfolg seines Dudelsack spielenden Landsmanns Carlos Núñez erzeugte den falschen Eindruck, dass alle Musik dort Bezüge zum Irischen aufwiese. Xabier Diaz und seine Gruppe zeigen eindrücklich, dass in Nordwestspanien musikalisch weit mehr existiert. Eine ausgezeichnete Platte mit ganz spezieller Musik, die zu entdecken sich wirklich lohnt!

Xabier Diaz & Adufeiras De Salitre – Noró (Algunhas músicas do norte) (Musicas de Salitre)


Madagassische Koryphäen

Das Trio Toko Telo konnte mit seinem Debutalbum im letzten Jahr einen vollen Erfolg verbuchen, doch hatte es leider kurz darauf den Tod seines Akkordeonmeisters Régis Gizavo zu beklagen. Nun hat die Gruppe mit „Diavola“ bereits ein neues Album herausgebracht. Zu Monika Njava (Gesang, Perkussion) und D‘Gary (Gitarre, Gesang) ist nun Joël Rabesolo gestoßen, der zur Spitzengruppe junger madagassischer Jazzgitarristen gehört, aber seinen Stil aus der madagassischen Tradition heraus entwickelt hat. Ohne Akkordeon klingt die Gruppe nun naturgemäß ein wenig anders, aber keineswegs schlechter, da Rabesolos rhythmische und melodische Beiträge sich bestens mit dem extravagant-traditionellen Stil D‘Garys verbinden und hochinteressante Akzente setzten; er kommt eben aus dem madagassischen, und nicht aus dem westlichen Jazz. Monika Njava kann auch Jazz und hat sich trotz aller starken Traditionsverbundenheit schon immer Freiheiten in der Interpretation herausgenommen. Zwei tolle Gitarren und eine ganz besondere Stimme!

Toko Telo – Diavola (Anio Records)

Juni Top 20

1. Catrin Finch & Seckou Keita – Soar (Bendigedig) GB/Wales/Senegal
2. El Naán – La Danza de las Semillas (El Naán) Spanien
3. Toko Telo – Diavola (Anio) Madagaskar
4. Monsieur Doumani – Angathin (Monsieur Doumani) Zypern
5. Nancy Vieira – Manhã Florida (Lusafrica) Kapverden
6. Koum Tara – Koum Tara (Odradek) F/Algerien
7. Dobet Gnahoré – Miziki (LA Café) Elfenbeinküste
8. The Turbans – The Turbans (Six Degrees) GB
9. Solju – Ođđa Áigodat (Bafe’s Factory/Nordic Notes) Finnland
10. Shadi Fathi & Bijan Chemirani – Delâshena (Buda Musique) Iran
11. Djénéba & Fousco – Kayeba Khasso (Lusafrica) Mali
12. Arat Kilo, Mamani Keïta, Mike Ladd – Visions of Selam (Accords Croisés) F/Mali/USA
13. Sonido Gallo Negro – Mambo Cósmico (Glitterbeat) Mexiko
14. Samba Touré – Wande (Glitterbeat) Mali
15. Seun Kuti & Egypt 80 – Black Times (Strut) Nigeria
16. Amsterdam Klezmer Band & Söndörgő – Szikra (Vetnasj) NL/Ungarn
17. Rahim AlHaj Trio – One Sky (Smithsonian Folkways) Irak/Iran/USA
18. Grupo Mono Blanco – ¡Fandango! Sones Jarochos de Veracruz (Smithsonian Folkways) Mexiko
19. Eva Salina & Peter Stan – Sudbina: A Portrait of Vida Pavlović (Vogiton) USA/Serbien
20. Sopa de Pedra – Ao Longe Já Se Ouvia (Sopa de Pedra) Portugal

Die TWMC TOP 20/40 bei: http://www.transglobalwmc.com/ und bei Facebook „Mondophon auf Radio ARA“ und www.woxx.lu/author/Klopottek.


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