Wim Wenders
: Gemälde in 3D

Mit „Every Thing Will Be Fine“ zeigt Wenders, dass 3D nicht nur für laute Action-Filme taugt. Es ist ein stiller Film, der nachwirkt.

Wenders Filmeinstellungen taugen auch als Postkarten.

Wenders Filmeinstellungen taugen auch als Postkarten.

Ähnlich wie bei Woody Allen kann man sich bei Wim Wenders fast vor dem nächsten Film fürchten, ahnt Wiederholungseffekte – und erwartet deshalb nach „Buena Vista Social Club“, nach dem Dokumentarfilm „Pina“ über die Choreografin Pina Bausch und zuletzt der Darstellung des Fotografen Sebastião Salgado in „Das Salz der Erde“ die nächste bedeutungschwere Dokumentation.

Doch der Altmeister des Autorenkinos, der im Februar auf der Berlinale den Ehren-Bären für sein Lebenswerk erhielt und vor knapp einer Woche seinen 70. Geburtstag feierte, vermag noch zu überraschen.

„Every Thing Will Be Fine“ ist sein erster Spielfilm seit 2008. Er handelt von der Schuld des Schriftstellers Tomas Eldan (James Franco) nach einem von ihm verursachten Unfall, bei dem ein Kind das Leben verlor – und von seinem Bemühen, im Leben wieder Sinn zu finden. Hitchcocks „Vertigo“ lässt grüßen!

Doch der Film zeigt nicht nur, wie das Trauma die Hauptfigur gefangenhält und die Mutter des Opfers an dem Schmerz über den Tod ihres jüngsten Sohnes fast zugrunde geht – wunderbar gespielt von Charlotte Gainsbourg -, er wirft auch die grundlegende Frage auf, inwieweit ein Künstler das Recht hat, sich das Leid anderer anzueignen, um es zu verarbeiten und kommerziell auszuschlachten. Denn Tomas, anfangs ein Schriftsteller mit Schreibblockaden, gewinnt ausgerechnet aus dem Geschehenen künstlerischen Impuls und Kreativität, verarbeitet sein Trauma literarisch und hat damit riesigen Erfolg.

Zwölf Jahre braucht Tomas, um den Unfall, zu verarbeiten. In langsamen, stillen Bildern kann der Zuschauer ihm dabei zusehen, wie seine Beziehung zerbricht, wie er versucht, neue Beziehungen aufzubauen und seinem Leben wieder einen Sinn zu geben. Feinfühlig ist auch der Blick, den Wenders auf die zurückgebliebene Familie richtet, denn auch der ältere Bruder des verstorbenen Jungen wird während seiner gesamten Kindheit an dem Geschehenen leiden. Großartig gestaltet Wenders die Gegenüberstellung des verkorksten Jungen, der sich von Klein auf nach einem Vater sehnte, mit dem Mann, der sein Leben so früh veränderte und dem er nun seinen Erfolg und seine Bilderbuchfamilie missgönnt.

Es stellt sich natürlich die Frage, ob eine 3D-Verfilmung (wie zuletzt in „Pina“) das geeignete Mittel ist, um von Gefühlen zu erzählen. Wenders beweis, dass 3D nicht nur für Action-Filme taugt, mit ihren Einstellungen verleiht die Technik dem Drama sogar noch mehr Tiefe. Die Bilder des Films gleichen so mitunter Gemälden, wirken in ihrer Kunsthaftigkeit nach, sodass man einzelne Einstellungen am Liebsten einfrieren würde, um sie eingehender betrachten zu können.

Auseinandersetzung mit der eigenen Person und den eigenen Fehlern, nicht Weglaufen, scheint Wenders’ Devise zu sein. Eine Moral, die jedoch nicht mit dem Hammer eingebläut wird. Denn am Ende wird eben nicht – wie es der Titel einem nahelegt – alles gut, die Figuren haben lediglich gelernt, mit ihren Wunden zu leben.

Wenn man eines kritisieren könnte, dann vielleicht, dass die Schauspieler allesamt einen Tick zu glatt und zu schön sind, einer Ästhetik aus dem Modekatalog folgen. Das überästhetisierte Leben auf Wenders Leinwänden ist doch ein Stück zu weit weg vom wahren Leben.

Im Utopia

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