Winterzeit, Sommerzeit, soziale Zeit

Wie dramatisch sind die Auswirkungen der Zeitumstellungen? Wäre „ewige Sommerzeit“ besser? Wissenschaftler*innen winken ab, für sie ist die soziale Zeit das größte Problem. Und auf Luxemburg kommen neue Schwierigkeiten zu.

Hypothetische Zeitzonen, wenn die „natürliche“ Zeitzone benutzt würde, in der der Hauptteil des Landes liegt.
(Wikimedia / Rob984 / CC BY-SA 4.0)

„Wie Juncker uns krank machen will“, so würde der Titel für diesen Artikel lauten, wenn die woxx ein Boulevardblatt wäre. Nachdem der Kommissionspräsident gefeiert wurde, weil er sich zum Fürsprecher des „gesunden Menschenverstands“ machte, kommt jetzt der Backlash. Laut einem auf dem Technikportal heise.de veröffentlichten DPA-Beitrag warnen Wissenschaftler*innen vor „ewiger Sommerzeit“.

Zur Erinnerung: In einer EU-weiten Online-Umfrage lehnten 84 Prozent der Teilnehmer*innen die Zeitumstellung zwischen Winter- und Sommerzeit ab. Die meisten sprachen sich für eine dauerhafte Einführung der Sommerzeit aus. Allerdings haben weniger als ein Prozent der EU-Bürger*innen an der Umfrage teilgenommen und fast zwei Drittel der Antworten stammten aus Deutschland.

Sommerzeit macht Europäer*innen „dicker, dümmer und grantiger“

Jean-Claude Juncker hat angekündigt, man werde die Zeitumstellung abschaffen, weil die Menschen das so wollten. Zwar ist umstritten, ob die Sommerzeit ihren Sinn erfüllt – nämlich abends Energie zu sparen, doch eine dauerhafte Sommerzeit – „wie es die Menschen wollen“ – wäre in den Augen mancher Wissenschaftler*innen noch viel unsinniger. Till Roenneberg vom Institut für Medizinische Psychologie der Universität München, auf heise.de zitiert: „Man erhöht die Wahrscheinlichkeit für Diabetes, Depressionen, Schlaf- und Lernprobleme – das heißt, wir Europäer werden dicker, dümmer und grantiger.“

Das Problem: Dehnt man die Sommerzeit auf das Winterhalbjahr aus, so ist es zwar abends länger hell, dafür aber morgens länger dunkel. Gerade im Frühjahr und im November macht das für viele Menschen einen großen Unterschied. Auch Alfred Wiater, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Schlafforschung und Schlafmedizin, lehnt die „ewige Sommerzeit“ ab: „Die bisherige Winterzeit entspricht den Verhältnissen, die unter Berücksichtigung der natürlichen Lichteinflüsse für unseren Schlaf-Wach-Rhythmus am günstigsten ist.“ Wäre man im Winter am Morgen länger der Dunkelheit ausgesetzt, so würde man schlechter wach.

Uhren umstellen forever

Die Abschaffung der zweimal im Jahr anfallenden Zeitumstellung befürworten die Wissenschaftler*innen durchaus, denn, so Ingo Fietze von der Berliner Charité, „Unser ganzer Biorhythmus ist dem Hell-Dunkel-Wechsel angepasst. Künstlich daran zu manipulieren, macht keinen Sinn und das versteht der Körper auch nicht.“ Allerdings betreffen die oft angeführten Probleme bei der Umstellung nur etwa ein Viertel der Menschen und auch deren Biorhythmus pendelt sich nach kurzer Zeit wieder ein. Die Qualität des Schlafs wird von vielen anderen – psychischen – Faktoren beeinflusst. Und von der „sozialen Zeit“, also den Zwängen des Gesellschaftslebens, vor allem den Arbeitszeiten. Till Roenneberg findet eine Flexibilisierung der rigiden Arbeitszeiten „viel wichtiger als dieser Schnellschuss, ganzjährig die Sommerzeit einzuführen“.

Möglich, dass die Politik demonstrativ auf den „erklärten Willen des Volkes“ hört, die Zeitumstellung abschafft und insbesondere in Deutschland die permanente Sommerzeit einführt. Diese Perspektive kommentiert der Journalist Martin Holland auf heise.de mit „Super, endlich mehr Uhren umstellen in Europa“. Den natürlichen Lichtverhältnissen entspricht die Winterzeit, also die für die Mitteleuropäische Zeitzone (CET) „normale“ Zeit, am besten in Ländern wie Österreich und Zentralschweden. Die Sommerzeit würde höchstens für den östlichen Teil Polens und Mazedoniens passen. Für Spanien und Frankreich, wo schon jetzt die Sonne „zu spät“ aufgeht, wäre eine EU-weite Sommerzeit ein Alptraum.

Heure française, s’il vous plaît !

„Das werden unsere westlichen Nachbarn sicher nicht mitmachen und schon haben wir wieder eine Spaltung mehr in Europa“, prognostiziert Holland, im Extremfall sogar mit einer Zeitdifferenz von zwei Stunden zwischen Frankreich und Deutschland. Die Wahl der Zeitzone ist nämlich Ländersache – Portugal, die Britischen Inseln und mehrere osteuropäische Länder sind bereits jetzt nicht Teil der CET.

Und Luxemburg? Mit seinem Vorpreschen könnte Jean-Claude Juncker dem Land mit dem höchsten Anteil von Grenzgänger*innen ein Riesenproblem eingebrockt haben. Einheitliche Arbeitszeiten für Menschen aus zwei verschiedenen Zeitzonen dürften zu Reibungen und Unzufriedenheit führen. Ob da ein Kompromiss nach dem Luxemburger Modell – zum Beispiel eine CET+1/2-Zwischen-Zeitzone – weiterhelfen wird, ist fraglich.

Europäische Zeitzonen.
(Wikimedia / Falk Oberdorf / CC BYSA 3.0)


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