Womex 2017: Die Herzkammer globaler Musik

Die seit 1994 jährlich in verschiedenen Ländern Europas stattfindende weltgrößte Messe für Weltmusik, Womex, schlug Ende Oktober ihre Zelte im polnischen Katowice auf.

Hip Hop und Rumba in einer wilden Mischung: La Dame Blanche aus Kuba. (© Yannis Psathas)

Das diesjährige Treffen von KünstlerInnen, Agenturen, VeranstalterInnen, Plattenfirmen, JournalistInnen und RadiomacherInnen konnte die Rekordzahl von 2600 TeilnehmerInnen aus über 90 Ländern verbuchen und präsentierte mit rund 60 Konzerten einen breiten Querschnitt der aktuellen globalen Musikszene. Er reichte von ganz jungen Bands bis zu alten Legenden in allen möglichen Stilen, von traditionell Akustischem über elektrisch Verstärktes bis zu vom Hip Hop beeinflusster Elektronik.

Dass in der Tradition fußende Musik von jungen MusikerInnen mit populären Klängen gemixt wird, ist nicht neu, aber dieser Trend scheint sich zu verstärken und erschließt der Weltmusik damit erfreulicherweise ein neues, junges Publikum, das bisher mit ihr nichts anzufangen wusste. Die radikalste dieser Gruppen war Ifriqiyya Electrique mit drei tunesischen und zwei französischen Mitgliedern, die aus traditioneller Gnawa-/Sufimusik, verzerrtem Bass, E-Gitarre-Klängen und Electronics einen lauten, Noise-beeinflussten Stil mischten. Die Reaktionen waren kontrovers. Ein Marrokaner äußerte, hier werde nordafrikanische Musik und Rhythmik für den europäischen Dancefloor verbogen; andere dagegen feierten die Gruppe als Pioniere einer neuen afrikanischen Musik. Ähnlich provozierend agierte die aus einer orthodoxen Familie stammende Israelin Victoria Hanna. Mit eindringlicher Stimme sang sie hebräische Texte, teilweise aus dem Alten Testament, und verknüpfte dies mit Electronics und Beat-Boxing. Die aus Kuba stammende La Dame Blanche brachte Hip Hop und Rumba in eine energiegeladene Mischung und erinnerte bei ihrem Auftritt an La Lupe, das enfant terrible der kubanischen Musik der 1960er-Jahre. Cumbia und Chicha, Stile, die einst in Kolumbien und Peru entstanden, sich zunächst in Lateinamerika verbreiteteten und dann auch nach Europa schwappten, hatten in Sonido Gallo Negro würdige Vertreter. Die mexikanische Band zeigte zudem eine beeindruckende Bühnenpräsenz. Die Gruppe Gato Preto, geleitet von der aus Mosambik stammenden, jetzt in Deutschland lebenden Sängerin MC Gata Misteriosa, mischte afrikanische Klänge mit Electronics und frühem US-Soul à la Tina Turner und brachte damit den Saal zum Schwitzen. Die palästinensisch-britische Band 47Soul kombinierte arabische Melodien mit der nahöstlichen Dabke-Tanzmusik und Dancefloor und erzeugte so einen ansteckenden, modernen Sound. Auch in Süd-Korea ist die Moderne längst angekommen, wie das Septett Aux bewies. Es produzierte mit traditionellen und elektrischen Instrumenten heftigen Psychdelic-Rock. Seit Manu Chao ist Latin-Ska in Barcelona zu Hause. Txarango gehört zu den hervorragenden Vertretern dieser offenbar nicht alternden Mestizoklänge und lud mit einer athletischen Show das Publikum zum Tanzen ein.

Das Folkrevival im 
östlichen Europa

In musikalischer Hinsicht scheint die Mauer im Osten immer noch nicht gefallen zu sein, aber sie bröselt, und das ermöglicht Entdeckungsreisen. Die ukrainischen Dakh Daughters spielten mit ihrer perfekt inszenierten theatralischen Bühnenshow in einer eigenen Liga. Sie präsentierten akustisch instrumentierte Lieder, die sich irgendwo zwischen Tradition und Klassik einordnen lassen. Einige Zuhörer vermissten deutlichere Bezüge zur Volksmusik; der Auftritt war aber in jedem Fall sehenswert. Die Womex legt immer einen Schwerpunkt auf die Musik des Gastgeberlandes, in diesem Fall also Polens. In der Eröffnungszeremonie begleitete das schlesische Kammerorchester Aukso die traditionsorientierten Gruppen Lautari und Vołosi. Am beeindruckensten war Kapela Maliszów, ein Trio aus Vater, Tochter und Sohn, das nur mit Geige, Cello, Perkussion und Gesang eine dichte und spannungsgeladene Variante traditioneller polnischer Musik vortrug. Hochinteressant war am folgenden Tag auch das Duo Maniucha Bikont & Ksawery Wójcínski, das mit Cello und Gesang begeisterte. Überhaupt gibt es in Polen – was aber auch für die Nachbarländer gilt – eine imposante Menge von Folkbands, die zu entdecken sich lohnt. Aus der Tschechischen Republik kommt die bemerkenswerte Gruppe Marta Töpferová & Milokraj, deren Leiterin sich lange auch mit lateinamerikanischer Musik beschäftigt hat. Banda aus der Slovakischen Republik überschreitet Grenzen, indem sie slowakischen Folk mit Blues-, Jazz- und Balkanklängen vermengt. Dass diese Musik langsam, aber beständig immer mehr Zuhörer im Westen erreicht, ist vor allem dem stets bescheiden auftretenden Petr Doružka aus der Tschechischen Republik zu verdanken, der schon lange vor 1990 in der musikalischen Underground-Bewegung aktiv war und seit dem Mauerfall unermüdlich als Autor, Radiomacher und Veranstalter die MusikerInnen im östlichen Europa fördert. Dafür erhielt er in diesem Jahr den Professional Excellence Award der Womex.

Die akustische Abteilung

Unverstärkte Musik ist nicht tot. Das äthiopische Quintett Qwanqwa stellte die uralte Krar-Leier in den Mittelpunkt. Ganz speziell war dabei die Geige von Kaethe Hostetter, die sich verblüffend nahtlos und bereichernd in die Musik einfügte. Der griechische Gitarrist und Sänger Dimitris Mystakidis bestach durch seine musikalischen Fähigkeiten und illustrierte das Schicksal seiner in die USA emigrierten Landsleute in einer Videopräsentation. Die Finnin Maija Kauhanen ist Mitglied verschiedener Gruppen, präsentierte auf der Womex ihr aktuelles Soloalbum und begleitete ihren glockenhellen Gesang selbst mit der finnischen Kantele, einer Bassdrum und einigen anderen Perkussionswerkzeugen. Trotz dieser sparsamen Instrumentierung klang sie beeindruckend dicht. Die explosive Band Betsayda Machado & Parranda El Clavo erzeugte mit ihren afro-venezolanischen Gesängen und groovigen Trommeln die tropische Atmosphäre ihres Heimatdorfes. Eine Meisterin des indischen Violinenspiels ist Jyotsna Srikanth. Ihr Trio, unterstützt von sparsamen gesampelten Bordunklängen, bewies, dass indische Musik auch ohne Sitar bestens funktionieren kann. Es gab die seltene Gelegenheit, Musik aus Nepal zu erleben. Das Sextett Night entführte das Publikum mit eleganten Stücken, in denen auch die geographische und kulturelle Nähe zu Indien zu spüren war, in die Berge des Himalaya.

Alte Helden

Immer wieder schön zu sehen ist, dass alte Größen der Weltmusik immer noch aktiv sind und auch Gehör bei den Jüngeren finden. Diesmal war Orlando Julius dabei, der in den 1960ern die Musik Nigerias modernisierte und auch in Katowice einen kraftvollen, funkigen Auftritt hinlegte. Waldemar Bastos gehörte zu den ersten großen Namen der Weltmusikszene, die er mit an Saudade erinnernden Liedern bereicherte. Diesen melancholischen angolanischen Stil beherrscht er auch heute noch perfekt. Orchestre Les Mangelepa zählte zu den großen Bands in Kenia. Die Mitglieder stammten ursprünglich aus dem Kongo und ihnen ist neben anderen zu verdanken, dass in Kenia eine besondere, weichere, Form der Rumba Congolaise entstehen konnte. Erst kürzlich ist die Band mit noch lebenden Urmitgliedern und jüngeren Musikern wiederbelebt worden und spielte ein tolles Konzert. 1997 nahm der damals bereits 59-jährige Akkordeonspieler Victor Tavares unter dem Namen Bitori auf den Kapverden ein Album auf, das dort ein großer Erfolg wurde, in Europa aber erst in diesem Jahr erschien. Auf der Womex begeisterten er und seine Gruppe das Publikum mit rasantem, rauem Funaná. Eine späte, aber nicht zu späte Entdeckung.

Die Womex-Awards

Die Womex verlieh wie in jedem Jahr wieder drei Awards. Einen erhielt, wie oben erwähnt, Petr Doružka. Der Artist Award ging an Oumou Sangaré aus Mali, ein wirkliches Urgestein der Weltmusik, die in diesem Jahr ein hochgelobtes neues Album veröffentlicht hat und nach ihrem Auftritt standing ovations erhielt. Der Label Award, der auf Basis der World Music Chart Europe und – neu – der Transglobal World Music Chart vergeben wird, ging zum vierten Mal an das deutsche Glitterbeat Label, das seit Jahren eine unglaubliche Anzahl hochklassiger Aufnahmen verschiedenster Stile veröffentlicht. Im nächsten Jahr findet die Womex in Gran Canaria statt, wo die Musik Afrikas einen Schwerpunkt darstellen wird. Man darf wieder gespannt sein.

Der akustische Womex-Bericht in Mondophon ist als Podcast nachzuhören unter: http://podcast.ara.lu/blog/category/ara/mondophon

Kriteschen an onofhängege Journalismus kascht Geld - och online. Ënnerstëtzt eis! Kritischer und unabhängiger Journalismus kostet Geld - auch online. Unterstützt uns! Le journalisme critique et indépendant coûte de l’argent - en ligne également. Soutenez-nous !
Tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.