KUNST: Von anderswo

Seit Jahren reist Lex Gillen ins ferne Australien und lebt dann bei den Aborigines, von denen er auch indigene Kunstwerke erwirbt.

Eine Zeichensprache,
die teilweise nur
von Eingeweihten
verstanden wird.

„Shooting Star in the middle, you see. Shooting Star who is there, after it was made by old rainbow serpent. She made the shooting star with her tongue, you see that long one there? That`s the tongue“. So beschreibt Yidumduma Bill Harney sein Akrylgemälde „Dreaming for Shooting Star!“. Wie in der abstrakten Kunst, deren Bildsprache oft hermetisch verschlossen ist, erschließen sich auch die spirituellen Gemälde der Aborigines, selbst mit Anleitung des Künstlers, nur fragmenthaft. Sie entstammen größtenteils einer Tradition, die mit unserer Moderne in der Entstehung wenig zu tun hat, im Resultat aber sehr an sie erinnert. Zu sehen ist auf dem Bild von Bill Harney eine Art längliches, mit erdfarbenen Linien ausgemaltes Pantoffeltierchen, das von zwei Elypsen flankiert wird, an deren äußeren Rändern sich jeweils Knospen auftun. „After the rainbow put his tongue out, the shooting star went to let people know everything is alright! When the shooting star came down and made a big hole in the earth, the rainbow said: Put all the water inside. And he put that big spirit inside and the rain come out, even on shooting star with flames.“

Die Kultur der australischen Ureinwohner ist eine der ältesten der Erde. Ihre Schöpfungs- und Welterklärungs-Mythen aus der sogenannten „Dreamtime“ – oder besser „Creation Time“ – werden seit unzähligen Generationen weitergegeben. Sie erklären, wie alles entstanden ist und manifestieren sich noch heute in Landmarken wie Felsen oder Quellen. Zugleich begründen sie die ungeschriebenen Gesetze, nach denen die Aborigines leben. Doch werden sie nicht nur mündlich, sondern ebenso durch Bilder tradiert. Sie wurden in Felsen eingeritzt, als vergängliche Skizzen in den Sand gezeichnet und mit Naturfarben aus Ocker, Asche oder Kalkstein auf Körper, Baumrinden und Felsplatten aufgetragen. Heute dagegen werden Leinwände mit ihnen bemalt.

Lex Gillen besitzt eine stattliche Sammlung dieser Kunst, darunter auch das Bild von Bill Harney. Über hundert Gemälde nennt der leidenschaftliche Sammler, der von Beruf Chargée de cours ist, mittlerweile sein eigen. Die Bilder, die er auch verkauft, hat er auf seinen acht Australienreisen seit Anfang der 1990er Jahre zusammengetragen. „Ich habe früher regelmäßig Ausstellungen organisiert und plane nun schon seit längerem, einen eigenen Ausstellungsraum im privaten Wohnbereich zu eröffnen“, so Gillen. Im Moment ähnelt dieser Raum in Hollenfels eher einer Abstellkammer mit gestapelten Bildern unterschiedlicher Größe, mit zusammengerollten Leinwänden, Didjeridoos und Holzskulpturen.

Als Songwriter, Sänger und Guitarrist der Musikgruppe MI AIR MI EAU und Mitglied des experimentellen Musiktrios „Luma Luma“ ist Gillen zunächst vor allem des Didjeridoos wegen nach Australien gereist. „Ich wollte mehr über das Instrument wissen … und habe dann über Bekannte Kontakt zu einer Aborigine-Gemeinschaft bekommen“, so Gillen. An der Nordküste des Kontinents, etwa 200 Kilometer östlich der Stadt Darwin, liegt Arnhemland, ein Siedlungsgebiet der Aborigines, das für Touristen praktisch komplett gesperrt ist – hierher kehrt Gillen seither regelmäßig zurück. Besucher benötigen eine Erlaubnis der Siedler, um überhaupt Zugang zu bekommen.

Am Rande der Gesellschaft

„Am Anfang war es schwierig. Aber als ich länger blieb, haben sie allmählich Vertrauen gefaßt, und irgendwann wurde ich adoptiert. Wenn ich heute dorthin gehe, besorgt mir meine Familie eine Aufenthaltserlaubnis“, so Gillen, der mit seiner Aufnahme in eine Familie einen eigenen Kinship-Namen erhalten hat. Auch beim Namen kommen die Legenden der Dreamtime wieder ins Spiel, sie klären, in welcher Verbindung die einzelnen Menschen zueinander stehen, welche Kontakte möglich sind, und welche nicht.

In Arnhemland leben keine Weißen. Die Aborigines selbst zögen es vor, ganz unter sich zu sein, glaubt Gillen. „Denn die beiden Kulturen haben wirklich kaum etwas gemein: Die Weißen verstehen nicht, wie die Aborigines so leben können, und umgekehrt.“ Da die westliche Gesellschaft, ihre Gesetze und Ökonomie allumfassend seien, könne ein Aborigine seine Kultur letztlich nur am Rande der weißen Gesellschaft leben. Nach 50.000 Jahren stehen die australischen Ureinwohner vor der schwierigen Herausforderung, sich zu integrieren und ihre Kultur und Tradition zu bewahren.

Noch heute sind die Folgen der systematischen Entwurzelung durch den Staat zu spüren. Unter dem Begriff „stolen generation“ wird das Verbrechen gefasst, das der australische Staat zwischen 1910 und 1970 an tausenden von Ureinwohner-Kindern dadurch beging, dass er sie ihren Eltern wegnahm, um sie, zwecks Assimila-tion an die australische Mehrheitskultur, weißen Ehepaaren zur Adoption zu überlassen. „Auszüchten“ hieß das in der damaligen Terminologie. Die Lage der Aborigines, die erst 1967 Bürgerrechte erhielten, ist trotz Rückübertragungen von Stammesgebieten und trotz Wohlfartsprogrammen immer noch beklagenswert: Sie gehören zum ärmsten Teil der Gesellschaft; ihre Arbeitslosenrate ist fast dreimal so hoch wie die der Durchschnittsbevölkerung und ihre Lebenserwartung liegt im Durchschnitt zehn Jahre unter dem nationalen Durchschnitt. Erklärt werden diese Defekte mit dem Verlust funktionierender sozialer Strukturen als Folge einer fehlgeleiteten Assimilationspolitik.

„Überall haben die Weißen ihnen Häuser hingebaut, damit sie seßhaft wurden. Essensrationen werden ihnen täglich zugestellt, und sie bekommen manchmal Geld, dann gehen sie in den Supermarkt oder warten den Tag ab“, so Gillen über den von ihm miterlebten Alltag. Eine der Folgen sei, dass die Aborigines nur noch selten auf die Jagd gehen. „Die meisten können sich nicht mehr selbst versorgen, da sie es verlernt haben oder von zu vielem Fastfood krank geworden sind.“

Theoretisch könnten sie sich vom Fischfang ernähren, aber auch das sei sinnlos geworden. „Wir haben einmal zusammen ein Dutzend Barramundis gefischt, die wurden nicht gegessen. Sie legten sie in eine Tiefkühltruhe, die bereits voll mit Fisch war. Und als dann der Strom ausfiel, wurde alles weggeworfen.“

Materielle Güterwirtschaft und Sesshaftigkeit haben in den Gemeinschaften der Ureinwohner nicht den gleichen Stellenwert wie in der europäisch geprägten Einwanderer-Gesellschaft. So würde ein Aborigine, der zu Geld kommt, es sofort unter seiner Verwandtschaft aufteilen. Auch der Bezug zur Zeit ist ein ganz anderer. Pünktlichkeit ist relativ – eine Eigenheit, die ihnen den Zugang zum Erwerbsleben sehr erschwert. „Sie brauchten nie zu arbeiten, sondern nur ihren von den Dreamtime-Geschichten festgelegten Routen oder den Migrationsbewegungen der Tiere zu folgen“, erklärt Gillen.

Auch die Kunst sei heute letzendlich vor allem ein weißes Business. Einige der Künstler, von denen Gillen Gemälde besitzt, hat er vorher nicht gekannt, sie sind ihm über den Weg gelaufen. Da die Aborigines selbst keine Leinwände oder Farben haben, müsse er diese mitbringen. Gemalt werde mit einer Art Binse. Jeder Maler habe seine eigene Rasterschraffur, der eine zeichne dickere, ein anderer dünnere Linien. Farben und Figuren hätten oft tradierte Bedeutungen: Je nachdem, welcher Sprachengruppe der Maler jeweils angehört, könne ein Kreis eine Feuerstelle oder ein Wasserloch bedeuten. U-Formen stün-
den für auf dem Boden sitzende Männer oder Frauen etc. Viele Bilder von Künstlern der Aborigines, die Geschichten der Traumzeit darstellen, würden aus der Vogelperspektive dargestellt.

Ethische Dimension des Kunsthandels

„Verschiedene Bilder haben wirklich etwas Spirituelles. Bei anderen ist es zu schnell gegangen“, so Gillen. Es sei auch manchmal so, dass ein Künstler in der westlichen Welt hoch dotiert werde, aber bei den Aborigines keine Bedeutung habe – oder umgekehrt. Letztlich malten die wenigsten Aborigines im Sinne eigentlicher Kunst. Es sei für sie eine Möglichkeit, Geld zu verdienen, durch eigene Kraft und ohne staatliche Hilfe zu leben. Das wirke sich auch auf den geschäftlichen Teil der Beziehung zum Künstler aus: „Man muss vor Ort bleiben, bis das Bild fertig ist, denn wenn ich sage, ich komme übermorgen wieder, dann kann es sein, dass das Bild zwischendurch an jemand anders verkauft wurde.“

Insgesamt brauche es viel Fingerspitzengefühl, um die Künstler angemessen zu behandeln. „Es gab oft Situationen, wo ein Künstler länger an seinem Bild gearbeitet hat, da habe ich dann zwischendurch seine Schwester in die nächste Stadt gefahren, seiner Familie Geld gegeben, den Kühlschrank reparieren lassen“, erzählt Gillen. Am Ende habe er oft viel mehr Geld ausgegeben, als er für den Verkauf eines Bildes jemals zurückbekommen würde. Manchmal sei ein Bild auch nicht so schön geworden, da der Künstler keine Lust hatte.

Es sei zum Teil ein ekliges Business, so Gillen. In der Tat, seit die Aborigine-Malerei – etwa ab den 1970er Jahren – nicht mehr nur als interessante indigene Handarbeit, sondern als „Fine Art“ angesehen wird, sind auch die Preise auf den internationalen Kunstmärkten gestiegen – ein teilweiser Ausverkauf der Kultur ist die Folge davon: Skrupellose Galeristen nötigten bedeutende Künstler mit Knebel-Verträgen, sperrten sie ein oder köderten sie mit Alkohol, damit sie ihre markanten Dot-Paintings wie am Fließband herstellten. Entlohnt wurden sie mit einem Taschengeld – in der Regel ein Zehntel von dem, was ihre Arbeiten im Kunsthandel am Ende erbrachten.

Die Kritik, dass die Bilder, die ursprünglich auf Rituale beschränkt waren, zur Ware verkommen seien, kam auch von den Aborigines selbst. Als Reaktion darauf gab der australische Senat Empfehlungen zur Eindämmung unethischer Geschäftspraktiken. Auch entstanden in jüngster Zeit selbstverwaltete Künstlerkollektive, die sich dafür einsetzen, dass ihre Mitglieder angemessen am Erlös beteiligt werden. Die ethische Dimension im australischen Kunsthandel kann also gar nicht hoch genug eingeschätzt werden.

„Ein Freund meinte einmal, ich würde keine Bilder, sondern ein Stück Seele verkaufen – um mehr Geist in die Welt zu bringen“, so Gillen. In der Tat haben die Bilder etwas Magisches. Die Aborigines legen eine Energie in sie hinein, die sie in Bewegung zu setzen scheint. Eine Energie, die ihnen in ihrem realen Leben schon seit langem genommen worden ist.

Mehr Infos unter: www.lumaluma.com


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