Asaf Kapadia
: Auf Amys Spuren


Anlässlich des 5. Todestages von Amy Winehouse läuft in den Kinos mit „Amy“ eine Film-Dokumentation, die nach Kassenschlager riecht.

1329_Filmrez.Amy_1Ihre besten Auftritte waren zweifellos die, an die sich heute kaum einer mehr erinnert. Da sang ein etwa 20-jähriges, pummeliges Mädchen in kleinen dunklen Londoner Clubs verschüchtert vor den anerkennenden Blicken von ein paar Jazz-Aficionados. Doch war dies eine Amy, die der Erfolg noch nicht überrumpelt hatte, eine andere, als die kaputte Amy, die wir später erleben sollten – auf dürren, staksenden Beinen mit ihrer unverkennbaren Beehive-Frisur, gezeichnet von zahlreichen Drogenexzessen und Alkoholgelagen, mitgenommen von depressiven Schüben und Bulimie, von Paparazzi verfolgt und in Boulevard-Medien und Talkshows gnadenlos als neurotische Zicke inszeniert.

Es war ein großes Vorhaben, pünktlich zu ihrem 5. Todestag eine Dokumentation aus dem Hut zu zaubern. Doch scheint es nur wie ein weiteres Puzzlestück, ein weiterer Coup der Musikindustrie, deren Druck sie am Ende, wie ein abgeschossenes Reh, erlag. Das mag überdramatisiert klingen, folgt aber nur der Logik der Branche. In ihrer achtjährigen Karriere wurden über 25 Millionen Amy-Winehouse-Tonträger verkauft. Ist es da verwunderlich, dass David Joseph, Vorsitzender von Universal Music UK, nur ein Jahr nach Amys Tod die Eingebung hatte, einen Amy-Film zu produzieren? Klar, dass ihr musikalisches Vermächtnis von der Musikindustrie auch noch posthum ausgeschlachtet wird, ist doch „Amy“ längst zum Produkt geworden. So war es auch nur eine Frage der Zeit, bis eine Amy-Modekollektion auf den Markt geworfen wurde.

Wenig erstaunlich also, dass auch den Machern von „Amy“ keine liebevolle Hommage gelungen ist. Vielmehr ist dabei ein lieblos zusammengeschnippelter Film herausgekommen, der dank umfangreichem privaten Film- und Paparazzi-Bildmaterial aussagekräftige Lebensstationen der Jazz-Sängerin nachzeichnen will. Doch sind die verwackelten Aufnahmen vor allem anstrengend fürs Auge. Dass es sich nicht um einen Dogma-Film handeln soll, erkennt man irgendwann an pittoresken Luftaufnahmen Londons, die mit O-Tönen Winehouses unterlegt werden.

Anfangs sieht man sie noch Lollylutschend im Kreise ihrer Freundinnen, ein Happy Birthday anstimmen, dann folgen Aufnahmen einer verschlafenen Amy und schließlich Bilder von ihrer Beziehung mit Blake Fielder-Civil, von 2007-2009 dann ihr Ehemann, der sie an Heroin und Koks heranführen sollte. Über die Trennung von ihm sang sie in ihrem zweiten und letztem Album „Back to Black“, das 2007 auf Platz 1 der Jahresendcharts rangierte und eine Welle des Retrosouls auslöste.

Die Abhängigkeit von Männern, die die ohnehin psychisch labile Frau in den Abgrund schleiften, erweist sich in der verwackelten Amy-Doku als Muster. Überaus feinfühlig also, dass fast ausschließlich diese Männer in dem Film zu Wort kommen.

Schließlich wird man den Eindruck nicht los, dass Amy immer wieder auf die Bühne gezerrt wurde und völlig überfordert war mit dem plötzlichen Ruhm. „Ich glaube nicht, dass ich mit Erfolg umgehen könnte. Ich würde verrückt werden“ hört man sie eingangs stammeln.

Der Film lässt so zumindest ihre Verletzlichkeit erahnen und zeigt eine Frau, der es an Selbstsicherheit fehlt. Man braucht nicht Bourdieu gelesen zu haben, um auf den Trichter zu kommen, dass ihre Sozialisation dafür den Grundstein legte. – Eine Mutter, die irgendwie da war, aber keine bestimmende Rolle in ihrem Leben spielte und ein Vater, der selten zu Hause war und nur dann auf den Plan trat, wenn er sich vom Ruhm seiner Tochter eine Scheibe abschneiden konnte. Doch sind es gerade diese Enttäuschungen, die sie in ihren Lieder kreativ zu kanalisieren wusste. Ob in „Love is a Loosing Game“ oder „Rehab“, in dem sie leidenschaftlich von ihrer Verweigerung einer Entziehungskur sang. So trotzig und selbstbestimmt wie sie dies tat, so trotzig weigerte sie sich irgendwann den Zirkus weiterhin mitzumachen: Ihre letzte Tournee geriet so zum regelrechten Fiasko, weil sie sturzbetrunken auf die Bühne torkelte und sich weigerte, zu singen. „Wenn ich mein Leben als Berühmtheit tauschen könnte, gegen eine Privatsphäre, würde ich das sofort tun“, hört man sie gegen Ende des Films sagen, bevor einer ihrer großen Idole Tony Bennett, mit dem sie noch zuvor ein Duett aufgenommen hatte, sie mit Ella Fitzgerald und Billie Holiday vergleicht.

Wenn dieser nervige Film also ein Gutes hat, dann dass er zumindest die Schuld der Boulevard-Medien, der Paparazzi und der Plattenindustrie klar herausarbeitet, die diese Frau schonungslos belagerten und gnadenlos verheizten und damit zeigt, wie es psychisch-labilen Menschen ergehen kann. Denn Amy Winehouse ist nicht an ihrem Ruhm zerbrochen, sondern an denen, die sie vermarkteten und denen, die ihr jetzt noch geifernd beim Leiden zusehen.

Im Utopolis Kirchberg

 


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