Eine private Erkundung (Teil 2)
: Die Erinnerung, die Quellen und die Geschichtsschreibung

Im zweiten Teil unserer Serie über den Umgang mit familiären Erinnerungen an den Zweiten Weltkrieg geht es um den Nachforschungsprozess, der durch aufgezeichnete Zeitzeugengespräche ausgelöst wurde.

Vorbereitungen zum Abriss der “Gëlle Fra”, 18.10.1940.

Vorbereitungen zum Abriss der “Gëlle Fra”, 18.10.1940. (Foto: © Batty Fischer, Photothèque de la Ville de Luxembourg)

Die Erzählungen meines Vaters stellten meine Sicht über die Vergangenheit unserer Familie fundamental in Frage. Zunächst führte dies jedoch nicht dazu, dass ich weitere Schritte unternahm, um mir mehr Klarheit darüber zu verschaffen. Ich nahm mir vor, „bei Gelegenheit“ weiter zu recherchieren. Doch aufgrund beruflicher und anderer Projekte rückte die Sache wieder in den Hintergrund. Sie blieb aber präsent, wie ein Grundton, an den man sich gewöhnt, den man nur in gewissen Momenten hört und der gleich wieder überdeckt wird.

Erst mehr als ein Jahrzehnt später konkretisierte sich im Rahmen anderer geschichtlicher Recherchen der Gedanke, weitere Nachforschungen zu unternehmen. Meine Geschwister hatten in dieser Zeit aus den Familienpapieren eine Reihe Informationen zusammengetragen, aufgrund derer ich gezielter in den öffentlichen Archiven suchen konnte. Ich holte zudem die noch vorhandenen Unterlagen des Handwerksbetriebs vom Dachboden herunter und entstaubte sie. Was mir aber weiterhin fehlte, war eine Form, ein Rahmen für diese Recherchen. So beschloss ich 2013, einen privaten Blog mit Zugang für meine Geschwister einzurichten.

Dieser Blog erlaubte es mir, sowohl inhaltliche Informationen und Resultate meiner Recherchen zu sammeln wie auch eine Art Logbuch zum Forschungsprozess selbst zu führen. Schließlich ermöglichte diese Vorgehensweise ein lautes Nachdenken ohne Einengungen durch akademische Ansprüche, wie sie an einen wissenschaftlichen Artikel zu stellen wären, oder das Anpassen des Materials an eine literarische Form, die bei der autobiografischen Erzählung notwendig geworden wäre. Ein Blog schien mir auch die passende Ausdrucksform eines Projektes zu sein, das grundsätzlich unabgeschlossen ist. Schließlich ermöglichte er es, den Kreis der LeserInnen selbst zu bestimmen. Ab diesem Zeitpunkt intensivierten sich auch die Recherchen in den Archiven.

Gëlle Fra

Die Recherchen zur Thematik der „Gëlle Fra“ wurden ebenfalls vorangetrieben durch die historische Ausstellung zum Monument der „Gëlle Fra” von 2010/2011. Eine Bekannte, die an der Organisation der Ausstellung beteiligt war, machte mich auf den Katalog der Ausstellung aufmerksam. Darin wurde in der Darstellung der Geschichte des Abrisses in den Tagen vom 18. bis 21. Oktober 1940, unter Verweis auf ein Dokument als Beleg, der Handwerksbetrieb von August genannt. Es war das erste Mal, dass die Aussage Fernands sozusagen öffentlich bestätigt wurde.

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Abriss der “Gëlle Fra”, 21.10.1940. (Foto: Robi Fritz, in: Exposition D’Gëlle Fra, Bascharage 2010)

Allerdings wurde sie zugleich auch relativiert, denn laut Katalog errichtete Augusts Firma lediglich eine drei Meter hohe Bretterwand. Ich besuchte die Archive der Stadt Luxemburg und fand das betreffende Dokument, auf das sich der Katalogtext stützte.

Es handelt sich um einen Bericht des Stadt-Ingenieurs Clement vom 27. Dezember 1944, der sowohl die verschiedenen Etappen des Abrisses dokumentiert wie auch den Druck, der auf die Gemeindebeamten und die Landesverwaltungskommission ausgeübt wurde, und ihre verschiedenen Strategien, mit dem Befehl des Oberbürgermeisters Hengst umzugehen.

Wer hatte nun Recht? Fernand, der als Zehnjähriger dem Abriss zugeschaut hatte und vielleicht auch später als Familienmitglied weitere Informationen über die Implikation des Handwerksbetriebs erhalten hatte? Oder Stadtingenieur Clement, der in seinem detaillierten Bericht die Rolle dieses Betriebs auf das Errichten eines Bretterzauns reduzierte? Konnte dieser über den gesamten Hergang Bescheid wissen? Die Anekdote der „Gëlle Fra“-Zehen, die sich einige Arbeiter nach dem Abriss als „Souvenir“ aneigneten, sowie die detailgenaue Erinnerung an die zur Verfügung gestellten Seile (siehe Teil 1 der Serie), deuten eher darauf hin, dass in diesem Fall der Augenzeuge Recht hat. Doch macht es einen Unterschied, ob eine Firma „nur“ einen Bretterzaun errichtet oder die Seile liefert, die zum eigentlichen Abriss notwendig sind? Und weshalb schätzte Fernand dieses symbolbehaftete Ereignis des Abrisses, und die Frage der Beteiligung des Familienbetriebs als besonders relevant ein, während die tagtägliche Arbeit für den Okkupanten dahinter verblasste?

Synagoge

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Abriss der hauptstädtischen Synagoge, 1941.

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(Quelle: Yad Vashem
Foto-Archiv)

Zum Abriss der Synagoge der Stadt Luxemburg während des zweiten Weltkriegs geben einige geschichtliche Arbeiten Auskunft. So schreibt der Historiker Marc Schoentgen: „Die von der Zivilverwaltung befohlene Schließung und anschließende Zerstörung der Synagogen in Luxemburg und Esch waren ein weithin sichtbares Zeichen der Radikalisierung. Allerdings fand man für die Abbrucharbeiten kein luxemburgisches Unternehmen […].” Auch bei Laurent Moyse heißt es: „Le temps était venu pour les nazis de supprimer les lieux de culte israélite. À Luxembourg, l’opération se révéla plus compliquée que prévue. Il fallut faire appel à une entreprise allemande, et les travaux de démolition durèrent jusqu’en automne 1943.” Während sich in dieser Darstellung die Abrissarbeiten von 1941 bis 1943 hinzogen, gibt das Archiv der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel 1943 als Abrisszeit an.

Auf der Suche nach Originalquellen war es schwierig, Dokumente zu finden, die den genauen Hergang des Abrisses der Synagoge belegen. Es gibt dazu ein Dossier im Nationalarchiv, mit einem Schreiben des Oberbürgermeisters an den Chef der Zivilverwaltung vom 5. August 1941, das besagt, dass die Synagoge in den Besitz der Stadtverwaltung „übergegangen“ war und dass bezüglich des geplanten Abrisses „die Luxemburger Unternehmer nur wenig Neigung zeigten, diese Arbeit zu übernehmen“. Der Kostenvoranschlag der Firma L. wurde von Stadtverwaltung und Chef der Zivilverwaltung schließlich angenommen, andere Firmennamen wurden nicht genannt. Am 20. Oktober 1941 hieß es, die Synagoge sei abgetragen.

1336reneeseq41336reneeseq3Im Kassenbuch des Familienbetriebs befindet sich lediglich ein Eintrag von Herbst 1940 mit einem niedrigen die Synagoge betreffenden Betrag. Ansonsten gibt es keine präzisen Verweise auf den Abbruch. Es sind lediglich Einträge unter dem Stichwort „Hochbauamt“ oder „Stadtverwaltung“ zu finden. Hier könnten weitere Recherchen in den Archiven der Stadt Luxemburg Aufschluss geben.

Auch im Kassenbuch der Kultusgemeinde gibt es keine Angaben zum Abriss. Ein Eintrag von Januar 1941 betreffend ein „beth am“, ein Bethaus, deutet daraufhin, dass bereits zu diesem Zeitpunkt die hauptstädtische Synagoge nicht mehr genutzt werden durfte. Dass die jüdische Kultusgemeinde als Besitzerin der Synagoge enteignet worden war, erklärt möglicherweise, dass es keine entsprechenden Kasseneinträge mehr gab, und dass die nationalsozialistischen Besatzer, nicht wie man es sonst von ihnen gewohnt war, von der Kultusgemeinde keine finanzielle Beteiligung am Abriss verlangten.

Kollaboration?

Anfang 2014 fand ich im Nationalarchiv das Epurations-Dossier von August und seinen Brüdern. Wie bereits angedeutet, hatte der Betrieb eine Bescheinigung erhalten, „que l’attitude patriotique n’a pas donné lieu à contestation, et que, de l’avis de la Commission d’enquête ad hoc, le dossier afférent a été classé”.

Das Epurations-Dossier enthielt Standardformulare, die jeweils nach dem gleichen Modell ausgefüllt worden waren. August gab an, seit 1943 Mitglied der „Volksdeutschen Bewegung“ (VdB), der „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“ (NSV, eine halbstaatliche Wohlfahrtsorganisation) und der „Deutschen Arbeitsfront“ (DAF, Einheitsverband der Arbeitgeber und Arbeitnehmer) gewesen zu sein. Er habe weder an von den Deutschen organisierten Manifestationen oder Reisen teilgenommen noch sei er im Widerstand tätig gewesen oder habe gefährdeten Menschen geholfen.

Bei der Frage 4: „Quels travaux avez-vous exécutés sous le régime allemand…” hieß es: „Notre société a continué ses anciennes relations et travaillé notamment pour l’Administration des Travaux Publics et l’Administration des Travaux municipaux. Ces administrations étant tombées entre les mains de l’occupant, nous avons exécuté tous les ordres exécutables, ceci dans certains cas sous la pression et la menace.” Bei Frage 7 zu Arbeiten für militärische Zwecke wurde angegeben: „Nous avons refusé d’accepter les plans, malgré les insistances et sous les prétextes les plus divers.” Frage 10 betraf „des travaux de décoration lors des manifestations allemandes”. Hier lautete die Antwort: „Comme fournisseurs attitrés de l’État et de la Commune oui, pour les Kreistage de Luxembourg et d’Echternach”.

Beim Feld 19 „Observations additionnelles” wurde schließlich in der Antwort auch auf das Thema „Gëlle Fra” verwiesen. Der Text lautete: „En ce qui concerne les travaux exécutés pour les Kreistage et lors de la destruction du Monument du Souvenir, nous n’avons agi que sous les menaces et la pression des organisations nazies qui ne parlaient que d’emprisonnement, de déportation et de toutes les peines du même genre et proférant même des menaces d’exécution sommaire”. Unter dem Begriff „exécution sommaire“ ist „Standrecht“, „willkürliche Erschießung“ oder „kurzer Prozess“ zu verstehen.

Die Teilnahme am Abriss der „Gëlle Fra“ war der Epurations-Behörde also bekannt. Waren die radikalen Drohungen der Nationalsozialisten reell gewesen oder wurden sie hier dramatisiert? Für die Epurations-Kommission scheint die Argumentation des Betriebs jedenfalls plausibel gewesen zu sein.

Es fällt auf, dass im Rahmen der Epurations-Prozedur allein dieser spezielle Fall zusätzlicher Erklärungen bedurfte. „Normale” wirtschaftliche Kollaboration wurde als Thema nicht vertieft. Das zweite Faktum zu Lasten von August, das Fernand genannt hatte, der Abriss der Synagoge, wird dagegen nicht einmal erwähnt. Wusste die Epurations-Behörde hiervon nichts, oder war er für sie – anders als der Abriss der „Gëlle Fra“ – schlicht und einfach nicht relevant?

Interessant sind ebenfalls die Angaben, die zur wirtschaftlichen Entwicklung des Betriebs verlangt wurden. Einerseits ging die Zahl der Angestellten nach 1939 jedes Jahr zurück, im Ganzen von 12 auf sechs im Jahr 1944. Dagegen stiegen sowohl die Beiträge für die Sozialversicherung – bis 1942 – wie auch die Gewinne – bis 1941 – kräftig an, um dann wieder zurückzugehen, jedoch auf ein Niveau deutlich über jenem von 1940.

Im gleichen Dossier lagen auch die Entlastungsdokumente: zunächst die Deklaration eines Delegierten der Untersuchungskommission, der Vorschlag der Kommission, das Dossier zu klassieren, und schließlich das „Certificat” des Epurations-Ministers.

Resistenz?

Der Beschluss, eine „Médaille de la Reconnaissance nationale“ zu vergeben, wurde 1968 von der Regierung getroffen. Auf Nachfrage bei den Dokumentationszentren der Resistenz und der Zwangsrekrutierung bestätigte man mir 2014, dass es Unterlagen zu den Begründungen gibt, die damals als Basis für die Vergebung der Medaille dienten. 1968 wurden Formulare an die Zwangsrekrutierten und RADlerInnen (RAD = Reichsarbeitsdienst) verteilt, in denen sie über die ihnen zuteil gewordenen Hilfeleistungen Angaben machen konnten. In diesen Formularen konnten z.B. die Personen genannt werden, die sie im Rahmen einer Desertion versteckt hatten oder die ihnen Schleuserdienste geleistet oder falsche Papiere geliefert hatten.

Ich fand im Dokumentationszentrum das entsprechende Formular, in dem Elise aufgeführt wird. (Mittlerweile sind auf der Web-Seite „ons-jongen-a-meedercher.lu“ diese Formulare abrufbar.) Der Mann, dem Elise geholfen hatte, war ein entfernter Verwandter von ihr und wohnte im gleichen Stadtviertel. Sie nahm am Tag, als er desertierte, seine Uniform an sich und versteckte sie. Der Zwangsrekrut desertierte während eines Fronturlaubs in Luxemburg im April 1944. Hier ist zu bemerken, dass im letzten Kriegsjahr die Verluste unter den Zwangsrekrutierten bei weitem am höchsten waren, wohl aufgrund des Durchbruchs der Alliierten und der deutschen Versuche, die sich ankündigende Niederlage zu verhindern. Dies könnte die Entscheidung der Zwangsrekrutierten, unterzutauchen, begünstigt haben. Vielleicht war es aus dem gleichen Grund auch weniger risikoreich, sich vor den Nationalsozialisten zu verstecken.

Die Hilfsaktion und besonders der darin übernommene Part von Elise stellen sich aufgrund der dürftigen Informationen eher als eine spontane denn als eine lange vorher geplante Aktion dar. Von heute aus betrachtet und im Vergleich mit anderen Widerstands- oder Hilfsaktionen, erstaunt es fast, dass die Geste von Elise eine Medaille „wert“ war. Dieser Akt, der eher als Solidaritäts- denn als Resistenzakt zu bezeichnen ist, erfolgte gegenüber einem Verwandten, also jemandem, den sie kannte, und dem sie sich verpflichtet fühlte.

Die Vorfälle zeugen von unterschiedlichen Haltungen der beiden Eheleute: Die Haltung von August, die er gemeinsam mit seinen Brüdern traf, und die wohl aus Angst oder aus Sorge um das wirtschaftliche Überleben oder aus einer Mischung von beidem heraus entstand, und jene von Elise, die sich zumindest in einem spezifischen Moment entschied, Solidarität über geltendes Recht zu stellen und so das Risiko einer Bestrafung einging.

Zugleich beschloss Elise, ihrem Ehemann davon nichts zu erzählen, was darauf hindeutet, dass es zwischen beiden Divergenzen gab, was die Teilnahme an illegalen Handlungen anging. Ihr Schweigen kann zudem als Strategie in einer Beziehung interpretiert werden, in der sie sich als Frau unterlegen sah.

Welche Erkenntnisse hat das Experiment des privaten Nachforschungsprojekts gebracht? Darum soll es im dritten und letzten Teil der Serie gehen.

Archivquellen:
ANLUX, EPU-W, CDZ-A-2305 
Abbruch der Synagoge; FD-261-24 
Livre de caisse, 1940-1944.
AVL, Fonds ACS, 1743, 
Construction du Monument ‘Gëlle Fra’, dossier II.
CDRR, Dossiers „Médaille de la Reconnaissance nationale“.
Buchquellen:
Dorscheid, Sabine / Reitz, Jean / Agence luxembourgeoise d’action culturelle: Exposition d’Gëlle Fra : 11.12.10-23.01.11 Käerjeng, Luxembourg 2010, S. 55.
Moyse, Laurent: Du rejet à l’intégration. Histoire des juifs du Luxembourg des origines à nos jours, Luxembourg 2011, 
S. 186.
Schoentgen, Marc: Luxemburger und Juden im Zweiten Weltkrieg. Zwischen Solidarität und Schweigen, in: … et wor alles net sou einfach. Fragen an die Geschichte Luxemburgs im Zweiten Weltkrieg, Luxemburg 1998, 150–163, hier S. 157.

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