Frittparade 2000
: Back to the Frittes

Maskénada zieht mit der Friture Henriette durch Luxemburg und feiert so sein 20jähriges Bestehen. Mit „Frittparade 2000“ nimmt das Künstlerkollektiv sich selbst auf die Schippe. Das Unterhaltungsstück ist nicht zuletzt eine trashig-bissige Parodie auf Luxemburg selbst.

1322_Event_frittparade_4Serge Tonnar ist längst Kult – auch wenn er dies vor allem seinem eigenen Selbstverständnis zu verdanken hat. Bürgerlichen gilt er als Enfant terrible, Linken hingegen ist er oft zu gefällig, seine Texte sind ihnen zu wenig kritisch und, wie manche finden, fast ein wenig anbiedernd. Und doch vermag kaum jemand, vieles von dem, was Luxemburg ausmacht, so ironisch in Worte zu fassen wie er. Ob mit seinem Bopebistro oder seinem „Klasseklon“-Album – immer trifft er den Nagel auf den Kopf, fängt Luxemburgs Widersprüche in seinen Liedern mit schnippischer Ironie, doch liebevoll, ein und spricht damit so manchem Luxemburger aus der Seele. „D’Stad heescht Stad an net Laksembörg-Sitti“ lautet etwa sein Kommentar zum Nation-Branding. Mit dem Bopebistro besang er einst die kleinen verrauchten Bistros im Land, denen die Kunden erst dadurch, dass sie ihre Geschichten dort hinein trugen, Leben einhauchten. Eine Institution, die so langsam ausstirbt und doch so luxemburgisch ist wie … die Friture Henriette, die Tonnar anlässlich des 20jährigen Jubiläums von Maskénada gewissermaßen gekapert hat, um damit durchs Land zu ziehen. Seine Show „Frittparade 2000 oder Dem Frittekätt seng Ketchuprout Revanche“ haben Tonnar und Feinen als musikalische Krimi-Komödie konzipiert, als irgendetwas zwischen Krimi, falschem Film und Freak-Show. Und trotz zahlreicher Bezüge und Reminiszenzen zu bekannten Hollywood-Klassikern wie Tarantinos „Pulp Fiction“ oder Coppolas „Der Pate“ ist es ein durch und durch luxemburgisches Stück. Schon allein, weil der Ort ein Statement an sich ist: Back to the roots, scheint die Devise. Mut zum Trash! eine weitere.

Das Konzept könnte aufgehen, wenn die Friture Henriette mit Tonnars zehnköpfigem Ensemble nun – zwischen Octave-Mäertchen und Schuerber-
fouer – quer durchs Land zieht. Zu essen gibt es Ham, Fritten an Zalot oder wahlweise gebackenen Fisch und dazu eine musikalische Show. Etwas für d’Panz und die Seele. Luxemburger kommen hier auf ihre Kosten.

Leider fiel die Eröffnung an der ersten Station, dem Parkplatz des 1535° in Differdingen, nicht nur mit der jährlichen Fête multiculturelle, sondern auch noch mit dem Pokalsieg des FC Déifferdeng zusammen, sodass Bürgermeister Traversini die Eröffnung sausen ließ. Tonnar & Co. ließen sich jedoch dadurch den Spaß nicht verderben. Fröhlich trällerte der Tausendsassa seine Lieder beim Thé Dansant. Dass die eine oder andere Besucherin meckerte, dass nicht noch mehr Tanzlieder gespielt wurden, lässt sich bei der Programmation wohl nicht verhindern.

Die erste Vorstellung seiner „Frittparade 2000“ am Dienstag war denn auch ausverkauft, und bevor den Besuchern von einer luxemburgischen Version Freddy Mercurys ein Platz zugewiesen wurde, empfing einen Mady Durrer wie in einem Zirkuszelt auf einem Hochsitz thronend: „We bass Du dann?“ Die halbe Stunde verfressenes Schweigen, in denen das Publikum das Essen in sich hinein schaufelte, ließen einen Ausschau nach der Regie halten, doch, als es dann endlich losging, nahmen die Schauspieler Fahrt auf und glänzten in ihren überdrehten (Klischee-)Rollen.

Da ist ein Proll-Italiener (Gianfranco Celestino), dessen Begleiterin (Sabine Tonnar-Stoltz) von der Bedienung gleich als „déi kleng Schéks mat der décker Panz“ denunziert wird – der Startschuss für eine Flut von Italiener-Stereotypen, die einem nur so um die Ohren fliegen. Da ist die schrullige „Patin“ Mme Adams (Annette Schlechter), eine einflussreiche Luxemburgerin, mit ihrem Hund Corleone, die natürlich darauf besteht, dass ihr kleiner Fiffi mitkommt ins Frittenzelt und erstmal einen Pinot Gris vorgesetzt bekommt. Oder Larisa Faber als schüchternes Mauerblümchen mit großer Brille, die berichtet, wie ihr Vater dem Friture-Henriette-Clan in die Hände gefallen ist. Und schließlich Katie Roch, die so ungelenk Blockflöte spielt, dass es den Zuschauern die Schamröte ins Gesicht treibt … Und bei allem das Brutzeln des Fetts als Soundeinlage, als läge der Geruch von Fritten nicht schon längst in der Luft.

Und wenn Al Ginter den Blues vom Frittenman intoniert, auf der Bühne noch eilig für seinen nächsten Auftritt in Rumelingen wirbt – im Café des Amis, anlässlich des 35. Bestehens des Kleintierzüchtervereins -, wenn der Kellner (Nilton Martins) als Freddy Mercury auf der Bühne in Lackleder den Besen schwingt und aus voller Brust „I Want to Break Free“ singt, wenn alte Luxemburger Werbespots persifliert werden oder Jeannette-Henriette (grandios!) mit lasziver Stimme Tiernummern mimt und versichert, sie habe jahrelang unter ihnen gelebt, und wenn schließlich Kalle und Ralle (Tonnar und Feinen) sich als Ruhrpott-Asis mit Vokuhila unters Publikum mischen, dann geht man irgendwann nur noch mit.

„Mehr Fritten essen!“ scheint die einzige Lösung, wenn die aus der Ettelbrücker Anstalt zurückgekehrte Oma ihre Homophobie auf ihren Hund projiziert und eine Szene aus „Der Pate“ verblüffend echt nachspielt. Nur ist es freilich Andy Bausch, der dem transsexuellen Mercury-Verschnitt eine Rolle in seinem nächsten Film verweigert. Irgendwann wird sich das Mauerblümchen in eine Rächerin verwandeln und das italienische Pärchen seinen mafiösen Trieben nachgeben. Tarantino läßt grüßen! Und letztlich liegt im Projizieren von Schlüsselszenen ins Lëtzebuergesche der Witz des Ganzen. Sind es doch gerade diese Szenen, bei denen man sich biegt vor Lachen – vorausgesetzt natürlich, man zieht bei dem Klamauk mit. Doch ist die anfängliche Fremdscham überwunden, ist es genau diese geballte (Selbst)ironie, die die Wirkung des Stücks ausmacht.

Mit einem klassischen Theaterstück hat Tonnars „Frittparade 2000“ ungefähr so viel zu tun wie das Trinken von Weizenbier in einer Sauna. Aber die Show wirkt gerade durch ihren Mut zum Trash. Luxemburg und seine Einwohner werden in der Frittparade liebevoll und nie wirklich feindselig durch den Kakao gezogen. Es ist freilich ein derber Humor, über den alle lachen können – und nur wirkliche Spießer pikiert sein dürften.

Die Frittparade 2000 findet jeweils um 19h30 statt: Am 6. Juni in Differdingen, 
vom 16. bis 20. Juni in Wiltz, am 29., 30. Juni sowie 2. und 4. Juli in Remich, 
vom 14. bis 18. Juli in Echternach und am 28., 29. und 30. Juli und 1. August in Luxemburg-Stadt.

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