Großstadtromane: Umherschweifen im Wahnsinn

Der brasilianische Schriftsteller Luiz Ruffato setzt in seinen Romanen die Tradition der Großstadtromane von James Joyce, John Dos Passos, Alfred Döblin und Roberto Arlt fort und erweitert das Genre mit neuen Elementen. Eine Metropolenbegehung rund um sein jüngstes „Buch der Unmöglichkeiten“.

Kaum ein gutes Haar hatte er an seinem Heimatland gelassen, als Luiz Ruffato mit seiner Rede auf der Eröffnungsfeier der Frankfurter Buchmesse am Ende war. Trotzdem fiel der Beifall so laut aus wie selten bei dem Großevent in der Mainmetropole. Das war 2013. Brasilien, das Gastland des Literaturfestivals, schien von einem unaufhaltsamen Aufstieg beseelt. In den Medien wurde es angesichts seines gestiegenen politischen Einflusses und seiner enormen Wirtschaftskraft zur neuen Großmacht hochgejazzt. So lag nichts näher, als den Shooting Star der brasilianischen Literatur auftreten zu lassen. Doch Ruffato begab sich erst gar nicht auf das verbale Parkett der Diplomatie, sondern prangerte unverhohlen die krassen politischen und sozialen Missstände in seinem Heimatland an. Letzteres besteht bekanntlich nicht nur aus Karneval, Capoeira und Fußball, den gängigen Klischees, sondern auch aus Armut, Rassismus und Kriminalität.

Zwei Dekaden hat der ökonomische und politische Aufstieg des größten südamerikanischen Landes angedauert, ungefähr von 1995 bis 2015. Er umfasste die jeweils zwei Amtszeiten der Präsidenten Fernando Henrique Cardoso (1995-2003)* und Luiz Inácio „Lula“ da Silva (2003-2011)* sowie den Beginn der ersten Amtszeit von Dilma Rousseff (2011-2015)*. Bereits im Jahr 1994 war Brasilien Schwerpunktland der Buchmesse gewesen. Auch die Zeit von damals bis 2013 könnte zur Orientierung dienen. Denn sie entspricht in der Tat einer Phase des Aufstiegs, geprägt von Cardosos Sanierungs- und Stabilisierungspolitik und von Lulas Sozialreformen.

Vom Aufstieg spricht Luiz Ruffato jedoch selten. Seine Bücher, die auf Deutsch im Verlag Assoziation A erschienen sind, handeln nur am Rande von den Gewinnern der brasilianischen Modernisierung. Dem Nachkommen italienischer Einwanderer, der in ärmlichen Verhältnissen aufwuchs, geht es nicht um die Reichen in ihren Villen und Luxusappartements der „Gated Communities“. Im Vordergrund stehen bei ihm vor allem die „marginais“, die Armen und Marginalisierten in den Favelas von São Paulo, Rio de Janeiro und anderen brasilianischen Städten, wo Drogen, Gewalt und Organhandel blühen. „São Paulo é um buquê, buquês são flores mortas“ (São Paulo ist ein Blumenstrauß, Sträuße sind welke Blumen) singt der Rapper Criolo bezeichnenderweise in seinem Lied „Não existe amor em SP“ (Es gibt keine Liebe in São Paulo). Manche Namen von Favelas klingen in der Tat blumig, doch der Kontrast zwischen Bezeichnung und Realität könnte kaum schärfer sein.

In der Favela Paraisopolis (Paradiesstadt) in der südlichen Zone von São Paulo leben rund hunderttausend Menschen zusammen mit Kakerlaken, Ratten und räudigen Kötern, wie Ruffato beschreibt: „Aufrecht auf ihren Hinterpfoten nagt eine Ratte an einer Brotkruste, den Blick auf die anderen gerichtet, die nervös über den Abfall huschen. Eine andere wagt sich an einen Stoff mit frischem Kot drauf und berührt unversehens etwas Weiches, Warmes, das sich bewegt. Sie erschrickt. Dann schlägt sie ihre Zähnchen in das zarte Fleisch und fiepst. Aufgeregt und in Wellen huscht die ganze Bande heran.“ Das Weiche, Warme ist ein Baby, dessen Mutter den Penis ihres Freundes mit Benzin übergossen und angezündet hat, weil der sich an ihrer 13-jährigen Tochter vergriff. Nun breitet sich das Feuer über die Nachbarschaft aus.

Durch den stetigen Wechsel der Formen und Sprachebenen entsteht das Bild einer nervösen, hektischen Metropole.

Die Geschichte dieser Familie in einem Verschlag aus Pappe ist eines von 69 Kapiteln in Ruffatos Roman „Es waren viele Pferde“, der in São Paulo spielt, dem Moloch mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern – wenn man die gesamte Metropolregion zusammenzählt sogar rund 21 Millionen. Es sind nicht einmal richtige Geschichten, sondern nur Fetzen, Fragmente davon. „Es waren viele Pferde“ von 2001 war Ruffatos erster Roman, inzwischen sind mehrere auf Deutsch erschienen, zuletzt im vergangenen Jahr „Das Buch der Unmöglichkeiten“. Bereits 2008 im Original veröffentlicht, ist es der vierte Band aus dem fünfbändigen Zyklus „Vorläufige Hölle“. Ruffato gelingt es darin auf relativ beschränktem Raum – in der Regel umfassen seine Bücher plus minus 150 Seiten – ein Panoptikum des urbanen Chaos zu erschaffen, oder besser: des babylonischen Wahnsinns.

Der 1961 im Bundesstaat Minas Gerais geborene Autor, der in Juiz de Fora studierte, das einst „Manchester Mineira“ genannt wurde und wo später der deutsche Autobauer Daimler der wichtigste Arbeitgeber wurde, arbeitete früher unter anderem als Schlosser, Textilarbeiter und später als Journalist, ehe er sich der Literatur widmete und sich bis heute an den Hauptwerken der literarischen Moderne orientiert.

Ruffato stellt sich dabei nicht zuletzt in die Tradition des Großstadtromans. „Es waren viele Pferde“ spielt zum Beispiel wie „Ulysses“ (1922) von James Joyce an einem einzigen Tag. In der klassischen Vorlage streift der jüdische Ire Leopold Bloom am 16. Juni 1904 durch Dublin. Joyce hat jedes der 18 Kapitel seiner modernen Odyssee in einem bestimmten charakteristischen Stil verfasst. Essay, Drama, Reportage, Farce, Elegie und Gerichtsrede werden dabei zu einem Ganzen vermischt und im letzten Kapitel mit dem berühmten inneren Monolog der Molly Bloom über viele Seiten tausende Wörter zu einem einzigen Satz zusammengefügt. Joyce entfaltet dabei eine Fülle von Assoziationen, Anspielungen, intertextuellen Bezügen und Sprachfeldern. Ruffato orientiert sich hieran, nur ist bei ihm der 9. Mai 2000 der einzige Tag der Handlung.

Aus Alfred Döblins „Berlin Alexanderplatz“ (1928) hat der Brasilianer die Technik der Montage und Collage übernommen. Bei dem Schöpfer des berühmtesten deutschen Großstadtromans sind es Zeitungsausschnitte, Reklameslogans, Bibelzitate, Nachrichtenmeldungen, Wetterberichte und Liedtexte, die übergangslos ineinander übergehen und die Welt des aus dem Zuchthaus entlassenen ehemaligen Transportarbeiters Franz Biberkopf entstehen lassen. Hinzu kommen unterschiedliche Sprachstile vom Jargon bis zu lyrischen Passagen. Konzentriert auf die Person von Franz Biberkopf herrscht mehr und mehr eine personale Erzählsituation vor, die durch das Verwenden des inneren Monologs, der erlebten Rede und montierter Textpassagen einen sogenannten „Stream of Consciousness“, einen Bewusstseinsstrom ergeben.

Arbeitete früher unter anderem als Schlosser, Textilarbeiter und Journalist: 
der brasilianische Autor Luiz Ruffato. 
(Foto: Wikimedia)

Auch bei Ruffato gibt es innere Monologe und Selbstgespräche. Hinzu kommt eine Kakophonie aus Gesprächsfetzen, Nachrichten auf Anrufbeantwortern, dem Geschrei während eines Überfalls, dem Gestammel von Junkies, den Delirien von Klebstoffschnüfflern und den Halluzinationen von Trinkern, den Frühstücksgesprächen von Familien und den Streitigkeiten von Ehepaaren. Der Autor war dazu durch São Paulo gelaufen und hatte alles registriert und aufgelesen, was er nur aufschnappen konnte. Bilder und Straßenszenen prägte er sich ebenso ein wie mündliche Äußerungen von Passanten und Radio- oder Fernsehausschnitte. Er sammelte Stellen- und Sexanzeigen, Speisekarten, Reklameflyer und gedruckte Gebete. In dem Roman kommt das Inventar einer Küche ebenso vor wie die Bücher im Regal eines besoffenen Lehrers oder der Brief einer Mutter an ihren Sohn, der den Kontakt zu ihr abgebrochen hat.

Durch den stetigen Wechsel der Formen und Sprachebenen entsteht das Bild einer nervösen, hektischen Metropole. Die Menschen darin sind Politiker ebenso wie Obdachlose, Dealer und Diebe, sie sind Straßenhändler und Manager, Architekten, Taxifahrer, Kleiderverkäuferinnen und Prostituierte. Keine Spur von Sozialromantik. Auch nicht im „Buch der Unmöglichkeiten“, das weitere fragmentarische Stadtgeschichten aus São Paulo liefert, wie die anderen Romane Ruffatos einmal mehr kongenial übersetzt von Michael Kegler.

Gesellschaftskritik im Stile des sozialen Realismus ist bei Ruffato nicht zu finden. Nachdem die ersten drei Romane aus dem Zyklus „Vorläufige Hölle“ noch das Leben in den ländlichen Regionen thematisiert hatten, landet der Leser im „Buch der Unmöglichkeiten“ erneut im Schlund der Megalopolis, ähnlich den Zugewanderten aus der Provinz, die in dem Moloch aus Beton und Utopie stranden, aus Prestigewahn und Müllhalden inmitten von Smog und Gewalt, zwischen der in Bürotürmen erstarrten und in Verkehrstaus steckengebliebenen Wachstumsdynamik, zwischen Wellblech und zerplatzten Träumen.

Gesellschaftskritik im Stile des sozialen Realismus ist bei Ruffato nicht zu finden.

Wie schon in Ruffatos erstem Roman besteht das „Buch der Unmöglichkeiten“ aus fragmentierten Schicksalen. Doch es ist keineswegs eine anonyme Masse die einem darin begegnet, sondern es sind einzelne Menschen, die in ihrem Charakter unverwechselbar bleiben. Es sind mutige Frauen wie Natália und Nelly, doch alle stoßen sie an ihre sozialen Grenzen. Das Glückversprechen, das man ihnen gab, wird nicht eingehalten.

Ruffato habe dem Großstadtroman des 21. Jahrhunderts eine Sprache gegeben, nachdem die brasilianische Literatur aus der regionalen Provinzialität wieder in die Metropolen zurückgekehrt ist, heißt es über sein Werk. Seine Sprache ist zu einem Amalgam aus Poesie und Prosa verschmolzen. Den Verlust der Illusionen von Zugewanderten hat er auch in seinem Roman „Ich war in Lissabon und dachte an dich“ von 2010 auf die portugiesische Hauptstadt übertragen. Darin erzählt er von Einwanderern aus aller Welt, unter anderem von einem ukrainischen Kellner und einer Angolanerin, die ihre Familie als Prostituierte ernährt, von entwurzelten Menschen.

Wo Lissabon als modernes Babylon erscheint und in Ruffatos Werken die Gedanken sich wie bei Joyce und Döblin zu einem „Bewusstseinsstrom“ überlappen, einer Erzähltechnik, die unter anderem auch bei William Faulkner und Virginia Woolf zu finden ist, sind in den Lissabon- und São-Paulo-Romanen des Brasilianers auch zahlreiche Elemente von John Dos Passos zu finden.

Dieser hat mit „Manhattan Transfer“ (1925) wohl den Prototyp des US-amerikanischen Großstadtromans geschaffen. Wie später Lissabon bei Ruffato ist New York bei Dos Passos ein von Heterogenität und Dynamik geprägter Zwischenstopp. Für manche jedoch wird die Metropole an Hudson und East River wie auch São Paulo zur Endstation.

In dem vor zwei Jahren neu ins Deutsche übersetzten Roman montiert Dos Passos ein Gesamtbild aus etwa hundert mehr oder weniger flüchtig oder ausführlich erzählten Einzelgeschichten zusammen. Es gibt zwar einige zentrale Figuren, aber eine durchgehende Handlung wird kaum erzählt. Dos Passos lässt Repräsentanten der wichtigsten Schichten auftreten, Politiker und Spekulanten, Künstler und Intellektuelle, Land- und Industriearbeiter, Bettler und Kriminelle, Legale und Illegale. Auch hier entsprechen Thema und Erzählform einander, werden Unmittelbarkeit und Kontraste durch Montage und mittels Collage erzeugt.

Roberto Arlts Buch „Die sieben Irren“ gilt als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Romane und als einer der bedeutendsten Großstadtromane.

Dass der moderne Großstadtroman seinen Weg nach Südamerika fand, ist nicht zuletzt einem anderen bedeutenden Autor der lateinamerikanischen Literatur zu verdanken: Der von Fjodor Dostojewski beeinflusste Argentinier Roberto Arlt (1900-1942) hat in „Die sieben Irren“ (1929) mit seinem Protagonisten Remo Erdosain einen „Verstoßenen und Gedemütigten“ erschaffen, der zusammen mit seinen Freunden den phantastischen Plan einer revolutionären Verschwörung und die Umsetzung einer gesellschaftlichen Utopie entwirft. Mittels einer Bordellkette sollen Gelder für Giftgas erwirtschaftet werden, um einen gewaltsamen Umsturz zu organisieren.

Arlt verwendet in dem labyrinthischen Roman perspektivische Brechungen und kryptische Satzkaskaden ebenso wie den großstädtischen Jargon der Metropole am Rio de la Plata, das Straßen- und Gauneridiom „Lunfardo“. Sein Stil ist der einer „Vermischung“, wie ihn Ricardo Piglia im Nachwort von Carsten Reglings neuer Bearbeitung des Romans nennt, „immer in Aufruhr, aus Resten bestehend, aus Abfällen der Sprache“.

Arlts Buch gilt als einer der wichtigsten lateinamerikanischen Romane und als einer der bedeutendsten Großstadtromane. Er wird häufig in einem Atemzug mit „Ulysses“, „Manhattan Transfer“ und „Berlin Alexanderplatz“ genannt. Der Roman ist ein pralles Gemälde, expressionistisch und voll existenzialistischer Tiefe. Und er deutet bereits den Niedergang Argentiniens an. Ein Jahr nach dem Erscheinen des Buches wurde der bürgerliche Präsident Hipólito Yrigoyen durch einen Militärputsch gestürzt. Die darauffolgende Dekade, die 1930er-Jahre, sind in dem einst reichen Land als die „década infame“, das „berüchtigte Jahrzehnt“ bekannt. Es folgte in den 1940er-Jahren die Machtergreifung von General Juan Domingo Perón.

Ähnlich hat auch Luiz Ruffato auf eine politische Wende in Brasilien hingewiesen. Der erste Teil des Machtwechsels fand mit dem Sturz von Dilma Rousseff 2016 statt, der zweite mit dem Amtsantritt des rechtsextremen Präsidenten Jair Bolsonaro vor gut einem Jahr. Bei einer „Democracy Lecture“ an der Berliner Volksbühne im Mai vergangenen Jahres warnte Ruffato vor den Gefahren eines Rückfalls in die dunklen Zeiten der brasilianischen Militärdiktatur. Der Titel des Vortrags lautete „Brasilien: Der neue Faschismus?“

* Cardosos Partei war und ist der in der Mitte des politischen Spektrums angesiedelte Partido da Social Democracia Brasileira (PSDB), die von Lula und Rousseff der linke Partido dos Trabalhadores (PT).
Luiz Ruffato: Das Buch der Unmöglichkeiten. Vorläufige Hölle, Band 4. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. Assoziation A 2019, 152 Seiten.
Luiz Ruffato: Es waren viele Pferde. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. Assoziation A 2016, 160 Seiten.
Luiz Ruffato: Ich war in Lissabon und dachte an dich. Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Michael Kegler. Assoziation A 2015, 96 Seiten.
Roberto Arlt: Die sieben Irren. Aus dem argentinischen Spanisch von Bruno Keller, neu bearbeitet von Carsten Regling. Mit einem Nachwort von Ricardo Piglia. Klaus Wagenbach Verlag 2018, 320 Seiten.

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