Jugendliche in Luxemburg: Und sie lebten glücklich und zufrieden bis ans Ende der Pandemie?

Die Lebenszufriedenheit und das Wohlbefinden der meisten Jugendlichen in Luxemburg ist hoch. Das zeigt der am 16. Juni veröffentlichte Jugendbericht. Doch welche Nachwirkung haben eingeschränkte soziale Kontakte, ausbleibende Freizeitaktivitäten sowie Fernunterricht auf sie? Und wie können junge Menschen verpasste Erlebnisse jetzt nachholen?

Foto: Loretto-Gemeinschaft / flickr.com

Luxemburgs Jugendliche sind im Schnitt glücklich. Diese Erkenntnis geht aus dem von der Universität Luxemburg verfassten „Nationalen Bericht zur Situation der Jugend in Luxemburg 2020“ hervor, der am 16. Juni veröffentlicht wurde. Darin beschreiben junge Menschen ihr Wohlbefinden, ihre allgemeine Lebenszufriedenheit sowie ihr Gesundheitsempfinden als hoch. Trotzdem machen sich Unterschiede bemerkbar, die durch den Ausbruch der Pandemie verstärkt wurden.

Die Empfindungen der Jugendlichen variieren je nach Geschlecht, sozioökonomischem Hintergrund und Alter. Am zufriedensten sind die 11- bis 12-Jährigen, am unglücklichsten junge Menschen zwischen 21 und 23 Jahren. Frauen haben außerdem häufiger Beschwerden als Männer. Was den sozioökonomischen Hintergrund angeht, so ist die Lebenszufriedenheit bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund niedriger als bei Kindern ohne. Je niedriger die finanziellen Ressourcen desto geringer ist die Zufriedenheit. Die Pandemie hat laut Bericht „den Lebensalltag vieler Jugendlicher stark verändert“. Auch hier waren schlechter situierte Jugendliche besonders betroffen und diejenigen, die sich am meisten um die Zukunft sorgten.

Laut dem Sozialwissenschaftler, Jugendforscher und Mitverfasser des Berichts Robin Samuel, beeinträchtigte der Wegfall von persönlichen Kontakten zu Freund*innen und Sportmöglichkeiten zwar die Lebenszufriedenheit der Jugendlichen, jedoch nicht bei allen in gleichem Maße. Auf Nachfrage der woxx erklärt Samuel: „Einige Jugendliche konnten die wegfallenden Faktoren durch andere ersetzen oder die Nutzung bereits bestehender Faktoren weiter ausbauen.“ Als Beispiele für diese Faktoren nannte Samuel die Unterstützung der Familie oder auch das Selbstvertrauen.

Was sagen die Betroffenen?

Schulstress, Leistungsdruck, berufliche Integrationsprobleme, Wohnungsnot und die Umweltzerstörung beschäftigten die Jugendlichen neben der Pandemie am meisten. So hält der Bericht fest, dass neben vielen anderen Punkten beispielsweise den Folgen der sozialen Ungleichheit gezielt entgegengewirkt werden muss. Institutionen, die Kinder bei der Bewältigung einer Krise wie der Covid-19 Pandemie begleiten, sollten stärker unterstützt werden. Genauso Familien.

Die woxx hat mit zwei Schülervertreterinnen aus Luxemburg über ihre Sicht auf die Pandemie gesprochen. Wie Marie-Brufina Leshwange-Mokita von der CNEL (Conférence nationale des élèves du Luxembourg) erzählt, war der Übergang vom Fern- zum Präsenzunterricht nicht leicht: „Als wir wieder in die Schule gehen konnten, mussten wir erst ‚wieder lernen‘ wie man in die Schule geht, weil es natürlich viel anstrengender ist als Zuhause zu lernen, auch weil man sich dort besser konzentrieren konnte als Zuhause.“ Der Mangel an Konzentration sowie der beschränkte Zugang zu oder begrenzte Kompetenzen im Umgang mit technischen Geräten und Programmen, sorgten bei einigen Schüler*innen für Defizite. Um verpassten Lernstoff nachzuholen, wurden jedoch bereits Maßnahmen ergriffen. „Wir haben Nachhilfeangebote von den Schulen, Angebote für Sommerschulen und das, was verpasst wurde, wird auch individuell von Lehrer*innen und Schüler*innen wiederholt“, meint Estelle Née, Pressesprecherin der Schülervertretung UNEL (Union Nationale des Étudiant-e-s du Luxembourg). Leshwange-Mokita lobt das bestehende Nachhilfeangebot ebenfalls, plädiert aber für ein einen weiteren Ausbau.

Foto: www.my-life.lu

Née sorgt sich derweil auch um Schüler*innen und Student*innen, die ihre Ausbildung während der Pandemie beendet haben. Viele von ihnen hätten Angst vor zukünftigen Vorurteilen. Viele der Jugendlichen befürchteten, dass ein Abschluss, der zu Corona-Zeiten gemacht wurde, später als minderwertig angesehen werden könnte und dass sich das negativ auf ihren weiteren Ausbildungsweg oder in der Arbeitswelt auswirken könnte. „Das sollte mit der Hilfe von Politik, aber auch der von anderen Akteuren, wie den Unternehmen selbst, verhindert werden. Es ist wichtig, dass wir wieder Kontakt zu Personen und der Arbeitswelt bekommen. Praktika könnten auf mehreren Ebenen helfen“, schätzt Née.

Durch den Lockdown und die Isolation wurde aber nicht nur weniger Lernstoff abgearbeitet. Auch beim Thema Sprache treten Probleme auf – vor allem in einem mehrsprachigen Land wie Luxemburg. Da innerhalb der eigenen Familie häufig eine andere Sprache als Luxemburgisch, Deutsch oder Französisch gesprochen wird, verlernen jüngere Kinder diese besonders schnell. Auch hierzu hat Née einen Lösungsansatz: „Es braucht jetzt dringend Aktivitäten, in denen sich Kinder wieder treffen können. Beim miteinander spielen bringen sich die Kinder die Sprachen wieder gegenseitig bei.“

Entschädigung für verpasste Lebenszeit

Wenn es um zwischenmenschliche Kontakte geht, weichen die Meinungen der Jugendlichen voneinander ab: Auch wenn der Jugendbericht offenbart, dass sie den meisten fehlten, steht dem Wunsch nach Normalität und Kontakt zu Gleichaltrigen immer noch die Angst vor einer Corona-Infektion und deren Folgen gegenüber. Née würde sich hier Unterstützung von der Politik wünschen: „Kostenlose außerschulische Freizeitangebote wären schön und ein Gewinn für alle Kinder und Jugendliche. Es braucht ein kulturell vielseitiges Angebot, das Abwechslung bietet.“ Zum Thema Freizeitpolitik ist Leshwange-Mokita jedoch anderer Meinung und gibt zu bedenken: „Die Politik sollte die Freizeitaktivitäten lieber noch ein bisschen eingrenzen – auch wenn die Situation im Augenblick gut aussieht.“

Auch von politischen Parteien, wie etwa „Dei jonk Gréng“ gibt es Forderungen für eine Entschädigung für junge Leute. Neben kostenlosen Corona-Tests für Jugendliche in Luxemburg fordern sie auch einen Freizeit-Gutschein von 300 Euro für Jugendliche zwischen 16 und 24 Jahren. Dieser soll vielfältig einsetzbar sein: für Bahnreisen, Übernachtungen, aber auch für kulturelle, sportliche und weitere Freizeitaktivitäten. Die Gültigkeit des Gutscheins soll drei Jahre betragen, damit die Nutzer*innen genug Zeit haben, um von dem Gutschein zu profitieren. Vorbild dieses Konzeptes ist der „Pass culture“ in Frankreich. Dieser ist dort bereits zugänglich und funktioniert nach einem ähnlichen Prinzip.

Née gibt zu bedenken, dass die Situation von Jugendlichen in Frankreich ein wenig anders ist als in Luxemburg: „Durch den Pass culture in Frankreich wird Kultur für viele Jugendliche erst zugänglich – unabhängig von ihrem finanziellen Status. In Luxemburg dagegen existieren bereits zahlreiche kostenlose beziehungsweise kostengünstige Kulturangebote für Schüler und Studenten.“ Dennoch begrüßen beide Schülervertreterinnen die Vorschläge der jungen grünen Partei.* Besonders gut finden sie, dass durch den Gutschein auch lokale Organisationen und Unternehmen unterstützt werden können und auch, dass die Politik so beweisen kann, dass die Jugendlichen in Luxemburg nicht vergessen werden.

*Alle Fragen wurden von den Schülervertreterinnen aus persönlicher Sicht beantwortet.

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