Malerei: Die Farben des Jazz


Das Palais in Arlon zeigt mit „Henri Matisse – aux sources de la création“ rund 100 Schätze aus dem vielschichtigen Werk des Gründers des Fauvismus. Drucke aus dem Band „Jazz“ geben auch private Einblicke in seinen Schaffensprozess.

1333_Expo_Matisse_ArlonDie Scherenschnitte und leuchtenden Gemälde von Henri Matisse sind in den Museen der Welt zu finden; am einprägsamsten ist wohl sein „Blauer Frauenakt“, der in der Schau in Arlon natürlich nicht fehlen darf.

Die Ausstellung in dem an der Place Léopold gelegenen Palais vereinigt rund 100 originale Werke des Künstlers: Zeichnungen, Skizzen, Collagen, Scherenschnitte, Aquarelle, Drucke, Lithografien, Fotografien sowie auch Manuskripte, anhand derer man sein Bestreben nachvollziehen kann, zurück zu den Farben wie zur Einfachheit der Linien zu gelangen. Matisse gehört zu den wenigen Malern der Moderne, die nicht in die Fußstapfen der Impressionisten getreten sind.

Denn seine provaktiven Gemälde, über die die Kunstwelt anfangs noch die Nase rümpfte, sollten ab Anfang des 20. Jahrhunderts zur neuen „wilden“ Kunstform werden. Mit „Vue de Saint-Tropez“ (1904 ausgestellt im Salon d’automne) läutete Matisse den Fauvismus ein, der zugleich ein Bekenntnis zu leuchtender Farbigkeit war. Diese Vorgeschichte übergeht die Schau in Arlon allerdings; ihr Blick richtet sich auf eine späte, intimere Schaffensphase des Künstlers. Es sind Skizzen, Zeichnungen und Scherenschnitte, sowie auch Auszüge aus Büchern, anhand derer man seinen Werdegang verfolgen kann. Auszüge aus diesen Mappen dokumentieren auch die Freundschaft mit dem Verleger Tériade.

Der Ausstellungsparcours beginnt mit der „Revue cahiers d’art“, die, 1936 editiert, rund 40 Zeichnungen versammelt. Herzstück der Ausstellung ist jedoch der berühmte „Jazz-Band“ (­Tériade, 1947), der in limitierter Auflage während der schweren Krebs-Erkrankung des Künstlers entstand. Der Band umfasst rund zwanzig Illustrationen sowie Texte zu poetischen Themen: Die Zirkus- und Theatermotive zeugen von der Vielschichtigkeit von Matisses Werk. Schalkhaft malt er sich darin als Zirkusartist, zeichnet verspielt und farbenfroh Akrobaten, Kunstreiter und Säbelschlucker, die auf den ursprünglich geplanten Titel „Cirque“ hinweisen. Die Spaßmacher dienen hier als Metaphern der künstlerischen Existenz schlechthin. Der handschriftliche Text illustriert nicht die Bilder, mit ihm reflektiert Matisse vielmehr seine künstlerischen Mittel und philosophiert über existentielle Themen. Die Texte in schwarzer Tusche bilden außerdem ein Gegengewicht zu den farbig-verspielten Illustrationen, von denen sich besonders sein „Schwimmer im Aquarium“ dem Betrachter einprägt. Einige Drucke aus „Jazz“, zum Beispiel „Icarus“, sind häufig als Poster reproduziert worden und sorgen für einen ähnlichen Wiedererkennungswert wie der „Blaue Frauenakt“.

Und es sind diese Zeichnungen der „Jazz“-Mappe, die Matisse als Siebzigjähriger in Angriff nahm, die in der Schau in Arlon besonders beeindrucken und im Gedächtnis haften bleiben. Vielleicht, weil die Verspieltheit ihrer Motive in diametralem Kontrast zu der schweren Krankheit des Künstlers stehen. Ähnlich wie Frida Kahlo war Matisse gezwungen, eine Zeitlang ein Metallkorsett zu tragen; das „Malen mit der Schere“ erleichterte ihm seine künstlerische Arbeit. Wie bereits in früheren Jahren benutzte er eine Schere, um einfache Formen aus Papier auszuschneiden, die dann in Gouache-Technik monochrom eingefärbt wurden.

„Jazz“ wurde im Herbst 1947 veröffentlicht. Das Buch markierte den Höhepunkt von Matisses Technik der „papiers découpés“. Der Verleger Tériade ließ das Buch in einem neuen, aufwändigen Stencil herstellen. Der Titel ergab sich aus dem Improvisationscharakter und dem Rhythmus der Bilder, die den Bezug zu dem Musikstil herstellten. Ein mit Jazzmusik untermalter Kurzfilm zeigt in der Ausstellung in Arlon Etappen der Entstehung. Die Originale der limitierten Erstauflage von 250 Exemplaren wurden nicht gebunden, weil die Bindung die Bilder zerstört hätte; Käufer des begehrten Buches ließen sich daher eigens Umschläge anfertigen.

Die Ausstellung in Arlon lohnt sich vor allem für KunstkennerInnen und LiebhaberInnen von Ilustrationen, setzt sie doch Kenntnisse des Impressionismus voraus, geizt jedoch mit Erläuterungen und Kontextualisierung. Auch die politischen Aktivität(en) des Künstlers thematisiert die Schau leider nur am Rande.

Noch bis zum 28. Februar 2016 im Palais Arlon.

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