Nanni Balestrini: Der Verleger

von | 31.03.2021

Der experimentelle Roman um den mysteriösen Tod des Verlegers Giangiacomo Feltrinelli ist mehr als ein Zeugnis der bleiernen Jahre in Italien: Die Neuverlegung kann auch ein Wegweiser für die heutige Linke sein.

(©Assoziation A)

März 1972, im ländlichen Norditalien kurz vor Mailand: Bauern finden die zerfetzte Leiche eines Mannes in der Nähe eines beschädigten Strommasts. In seiner Tasche und am Sockel des Masts kleben genug Dynamitstangen, um die Leitungen zu unterbrechen und potenziell in der halben Großstadt die Lichter auszuknipsen. Schnell ist klar, dass es sich bei dem Toten nicht um irgendeinen Terroristen handelt, sondern um den Verleger Giangiacomo Feltrinelli – eine kontroverse Figur der italienischen Linken. Ein Millionärserbe und gewiefter Geschäftsmann, der riesige Erfolge mit Büchern von Boris Pasternak („Doktor Schiwago“) oder mit Giuseppe Tomasi di Lampedusas „Der Gepard“ feierte, aber auch Gewagteres verlegte wie etwa Henry Millers Romane. Feltrinelli war aber auch ein Finanzier der militanten Linken, Mitglied der kommunistischen Partei und so etwas wie ein intellektueller Popstar seiner Zeit.

1969, dem Jahr des rechtsextremistischen Attentats an der Piazza Fontana in Mailand mit 16 Todesopfern, das den Anarchisten in die Schuhe geschoben werden sollte, verschwindet Feltrinelli in den Untergrund. Und taucht als Leiche auf einem Seziertisch wieder auf. Hier setzt auch Balestrinis – ein Weggefährte des Verlegers – Roman an: In RAF-typischer Kassiber-Kleinschrift ohne Punktation schwebt er quasi über den Köpfen der Ärzt*innen und Polizist*innen, die langsam das Rätsel um die Identität des Toten lösen. In den weiteren Kapiteln wechselt immer wieder die Perspektive: Mal zu den Anhänger*innen des Verlegers, die es nun mit der Angst zu tun bekommen, mal zum großen Weltgeschehen der Zeit. Das Ganze verteilt sich auf zwei Zeitschienen, eine 1972 und eine 1989 – als Gespräch zwischen früheren Freunden Feltrinellis, die einen Film über ihn planen, das Projekt aber wieder verwerfen.

Balestrinis kompromisslose Schreibweise reflektiert den Zeitgeist nicht nur in seiner Radikalität, sondern auch in seiner Komplexität. Das Fragmentarische spiegelt die verschiedenen Sichtweisen unter denen das zentrale Element, das schiefgelaufene Attentat, zu sehen ist. Bemerkenswerterweise nennt der Autor Feltrinelli nie beim Namen, und trotzdem ist klar, um wen es geht. Noch bemerkenswerter ist nur, dass Balestrini sich nie auf eine der Thesen zum Tod des Verlegers festlegt: War es nun ein „False-Flag“ des Geheimdienstes oder der Rechtsradikalen die sich seiner entledigen und die gesamte Linke mit in Verruf bringen wollten? Oder hat sich Feltrinelli wirklich selbst aus Versehen in die Luft gejagt? Alles bleibt offen. Und in dem Sinne ist „Der Verleger“ auch wichtig für die linke Debatte heute: Statt wieder einmal die Welt in Schwarz und Weiß aufteilen zu wollen, ständig die moralische Karte zu ziehen und Cancel Culture zu betreiben, würde es sich lohnen, mit Balestrini den Blick von oben in das Uhrwerk der – linken – Geschichte zu werfen, um zu erkennen, dass solche Urteile und Einschätzungen alles sind, außer zeitlos.

Der Verleger: erschienen bei Assoziation A. (Erstausgabe 1989)

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