Theater: Flucht vor dem schwarzen Tod


Mit „Totentänze“ eröffnet das Kasemattentheater die Herbstsaison. Ein düsteres Stück, das zur Reflexion über die eigene Endlichkeit anregt.

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Teufelskreis der Verschwörung? Szene einer Hexenverbrennung im Kasemattentheater. (Foto: F. Muno)

Die Warnung vor der Pest steht drohend im Raum und wird wirkungsvoll unterstrichen durch das schlichte, dunkle Bühnenbild in Form einer hölzernen Mauer. Über einen Dia-Projektor werden mittelalterliche Drucke eingeblendet, düstere Töne untermalen das Szenario. Gebeugt huschen die Figuren über die dunkle Bühne – auf der Flucht vor der tödlichen Seuche.

Die Bedrohung durch die Pest, die zwischen 1347 und 1353 in Europa rund 25 Millionen Menschen – und damit rund ein Drittel der Bevölkerung – dahinraffte, wird auf der Bühne ausdrucksstark dargestellt; Belichtung und Bühnenbild schaffen eine beklemmende Atmosphäre. Bilder der Ebola-Epidemie stellen sich unwillkürlich ein, wie auch die von flüchtenden Menschen an den Außengrenzen Europas. Dankenswerterweise wird man jedoch nicht mit der Nase auf diese Zusammenhänge gestoßen: Die Reflexion über sie bleibt ganz dem Zuschauer überlassen.

Dass die Totentänze im Stück nie im eigentlichen Sinne als Tänze zu verstehen sind ist, sondern symbolisch für den Todeskampf des Individuums stehen und es nicht um eine historische Rekonstruktion geht, stellen der Regisseur Thierry Mousset und die Dramaturgin Claire Wagener plausibel dar. So finden etwa die antijüdischen Pest-Pogrome und die durch die Kirche befeuerte Mär, dass Juden durch Giftmischerei und Brunnenvergiftungen die Epidemie auslösten, keinerlei Erwähnung. Die unverschämt grinsenden und lockenden Skelette, die in der Kunst in der Folge der Pest-Pandemie entstanden, dienen hier als Reflexionsgrundlage.

Mousset arbeitet mit einer bunten intergenerationellen Truppe. Vor allem Germain Wagner glänzt in seiner Doppelrolle als Antonius Block und als Tod und hält amüsante Zwiegespräche mit sich selbst, in denen er schalkhaft das Hinausschieben seines Todes mittels Schachspielen aushandelt. Die anderen Schauspieler, allen voran Leila Schaus und Raoul Schlechter, bleiben jedoch hinter ihren Möglichkeiten zurück und wirken in ihren Rollen eigentlich unterfordert. Leider ist die Handlung der einstündigen Inszenierung nicht durchgehend konsistent, wirkt das Stück streckenweise recht zerfasert und mehr wie eine Collage. Einige Dialoge, wie ein Gespräch unter Männern über die Niedertracht der Frauen, in dem es heißt „die Liebe ist die schwärzeste Pest“, kommen ziemlich plump daher. Der schwarze Humor wirkt hier eher kalauerartig.

Die freie Adaption des Einakters Trämålning (Wood Painting, 1955) sowie des Films „Det sjunde inseglet“ (Das siebte Siegel) von Ingmar Bergman, dem es ebenfalls nicht darum ging, ein realistisches Bild des Mittelalters zu zeichnen, erlaubt es dem Regisseur, allgemeine Fragen über das Sein und die Endlichkeit des Lebens zu stellen, die letztlich jede seiner Figuren umtreiben. In diesem Sinne möchte nicht zuletzt Mousset selbst sein Stück verstanden wissen: als experimentellen Raum, der zur Auseinandersetzung mit der eigenen Endlichkeit anregt.

Mousset zeigt an sieben ganz unterschiedlichen Figuren die individuelle Betroffenheit und Furcht vor der tödlichen Seuche, mit der jede auf eine andere Art und Weise fertigzuwerden versucht. Letztlich lebt jeder in seinem Mikrokosmos mit der Krankheit und der Todesangst, ist allein mit seiner Furcht. Die scheinbar lapidaren, oberflächlichen Dialoge sind so nur ein Spiegelbild der Gesellschaft, in der sich Menschen gerade im Angesicht des Todes in Banalitäten flüchten.

Am 2., 3., 6. und 8. Oktober im Kasemattentheater.

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