Universität Luxemburg: Digital, aber unsichtbar

Die Jahrespressekonferenz der Luxemburger Uni bot die Gelegenheit, eine erste Bilanz nach dem Umzug nach Belval zu ziehen.

StudentInnen machen sich auf dem Universitätsplatz vor der „Maison du savoir“, dem Hauptgebäude der Uni mit dem Rektorat im charakteristischen Turm, noch ziemlich rar. (Foto: woxx)

StudentInnen machen sich auf dem Universitätsplatz vor der „Maison du savoir“, dem Hauptgebäude der Uni mit dem Rektorat im charakteristischen Turm, noch ziemlich rar. (Foto: woxx)

Das Jahr 2015 dürfte in vielfacher Hinsicht als eines der spannenderen in die Annalen der Universität Luxemburg eingehen: Neben der Berufung des neuen Rektors Rainer Klump, der am vergangenen Mittwoch seine erste „eigene“ Jahresbilanzpressekonferenz einberief, war es sicherlich vor allem der Umzug eines Teils der Fakultäten – und der Uni-Verwaltung – zum neuen Campus-Belval, der das vergangene Jahr geprägt hat.

„7.000 Umzugskisten, 900 Mitarbeiter und 2.000 Studenten“ wurden zwischen dem Sommer und dem Wintersemester 2015 vom Campus Walferdingen und von Limpertsberg, wo die Verwaltung untergebracht war, nach Belval geschafft. Die logistische Operation scheint größtenteils gelungen zu sein, auch wenn die Verantwortlichen der Geschichts-Fakultät einige Buchcontainer vermissen, die zwar in Walferdingen auf den Weg geschickt wurden, aber nie in der Maison des sciences humaines in Belval nie angekommen sind.

Apropos Buch: Die „Maison du livre“, also die zentrale Bibliothek der Universität auf Belval, soll im Herbst 2018 eröffnet werden. Bis dahin müssen die bereits vor Ort präsenten Fakultäten ihre Fachbibliotheken provisorisch einzeln organisieren. Gerade die Geisteswissenschaftler hatten schon in der Planungsphase mit Nachdruck betont, dass es sinnvoll wäre, die Uni-Bibliothek, die in Zukunft als sogenanntes „Learning Center“ eine zentrale Rolle im Universitätsbetrieb spielen soll, als erstes zu planen und zu errichten und die einzelnen Studienbereiche um sie herum zu konzipieren.

Als die woxx im Vorfeld dieses Umzugs (woxx 1275) von den Befürchtungen einiger Uni-MitarbeiterInnen hinsichtlich des neuen Standortes berichtete, wurde ihr Übertreibung vorgeworfen. Denn, so die Entgegnung, immerhin erwarteten die ProfessorInnen, ForscherInnen und StudentInnen ja ein Komplex modernster Gebäude und ein besonderes Umfeld, das zuverlässig nach und nach an ihre Bedürfnisse angepasst werden würde.

Vor allem die Aussicht, nur eine Art Untermieter in den vom Fonds Belval verwalteten Gebäuden zu sein und damit nicht ungehindert über den täglichen Betrieb entscheiden zu können, wurde damals als Kritikpunkt vorgebracht. Daneben wurde bemängelt, dass außerschulische Infrastrukturen, angefangen von Restaurants und Kneipen bis hin zu Kinderbetreuungsstätten, gar nicht, oder nicht ausreichend, mitgeplant waren.

Flair eines Konferenzzentrums

Gemäß dem Erfahrungssatz, dass sich das Angebot entsprechend der Nachfrage von selber entwickelt, wollten die Standortbetreiber hier keine Initiativen ergreifen. Doch waren es nicht zuletzt die Verzögerungen bei der Fertigstellung des Campus, die so manches Restaurant oder Geschäft pleite gehen ließen, noch ehe die ersten StudentInnen gesichtet wurden.

Als, Ende der 1990er Jahre, die Idee einer „richtigen“ Universität Luxemburg anfing konkret zu werden, herrschte in Europa die Doktrin der Liberalisierung und Effizienzsteigerung: Große Einsparungen wären zu erzielen, wenn man die Dienstleistungen von ihren Infrastrukturen abkoppelte. Am konsequentesten wurde das Prinzip bei der Telekommunikation und bei den Eisenbahnen zur Anwendung gebracht. Für die Nutzung der Netze zahlen die Dienstleister Miete, sind aber nicht mehr für ihre Unterhaltung zuständig. Die dadurch erzielte Kosten-Transparenz führte dazu, dass einige Dienstleistungen für die EndnutzerInnen tatsächlich günstiger wurden. Andere verteuerten sich jedoch, oder wurden einfach als unrentabel wegrationalisiert.

Einen ähnlichen Ansatz wollte man auch bei der Uni verfolgen: Die Damen und Herren Professoren sollten sich auf ihre Kernaufgabe – Lehre und Forschung – konzentrieren; um alles andere, die Verwaltung der Gebäude und sonstigen Liegenschaften etc., würde sich der Fonds Belval kümmern. Eine Arbeitsteilung die auf den ersten Blick einiges für sich hatte, die aber in der Praxis, wie sich nun zeigt, erhebliche Probleme schafft.

„Man muss nicht selber Hausbesitzer sein, auch als Mieter kann man Gebäude sinnvoll nutzen“, meint beschwichtigend Uni-Rektor Rainer Klump. Dass es im ersten Jahr der Nutzung eher so aussah, als sei die Uni Luxemburg ein nur widerstrebend geduldeter Fremder, der sich die Nutzung der Infrastruktur bis ins Detail vorschreiben lassen muss, sieht er auch als eine Folge der Luxemburger EU-Ratspräsidentschaft: „Ich habe Verständnis dafür, dass in diesem Rahmen etwas darauf geachtet wurde, wie sich die in Belval mitgenutzten Räumlichkeiten präsentieren.“

In Zukunft muss der Rektor also wie ein Diplomat die Vorgaben des Hausherrn Fonds Belval behutsam und stufenweise an die – nur zu berechtigten – Ansprüche der StudentInnen und der MitarbeiterInnen heranführen. Auch nach der Anfangsphase sehen viele von diesen ihre Bedenken bestätigt: Eine Uni-Atmosphäre ist unter den gegebenen Bedingungen nicht nur schwer herzustellen, sie wird sogar überall da, wo sie aufkeimen könnte, entschlossen erstickt. So hat die Geschichte von den Mitteilungszetteln mit abreißbaren Telefonnummern, die nicht einfach auf die nächstbeste Betonwand geklebt werden dürfen, sondern fein säuberlich in dafür vorgesehenen, aber leider verschlossenen Schaukästen aufgehängt werden müssen, bis in die FAZ geschafft.

1375stoosIm Uni-Hauptgebäude, der „Maison du savoir“, aber auch in den gemeinsam genutzten Teilen der anderen Gebäude, gilt nämlich ein allgemeines Plakatverbot. Hörsäle, Seminarräume, aber auch normale Versammlungszimmer, können auch von Außenstehenden gegen Gebühr angemietet werden. Dass die Uni in diesen Bereichen eher die Atmosphäre eines sterilen Kongresszentrums verbreitet, ist also durchaus gewollt.

Rainer Klump sieht seine Aufgabe jetzt darin, die Fonds-Verantwortlichen davon zu überzeugen, dass gerade das Flair einer Uni eher anziehend als abstoßend wirken kann. Es gehe nicht darum, „egal waat“ auf Belval zu machen, wie gewisse Politiker argwöhnen, sondern dem Campus, der ein ungeheures Potenzial aufweise, richtiges Leben einzuhauchen.

Bis es soweit ist, müssen sich die Betroffenen also damit abfinden, dass man einen Raum schon am Vortag bestellt haben muss, wenn man spontan ein Meeting anberaumen will. ProfessorInnen und StudentInnen müssen sich in der Eingangshalle auf dem Laufenden halten, wo welcher Kurs oder welches Seminar abgehalten wird, denn das System – Flexibilität ist nun einmal das A und O des Fortschritts – teilt die Räumlichkeiten jeden Tag neu zu. Wer allerdings mehrere Vorlesungen hintereinander besuchen will, sollte ein gutes Gedächtnis haben, denn auf den einzelnen Stockwerken werden jeweils nur die Veranstaltungen, die dort stattfinden, elektronisch angezeigt. Wer also nicht mehr weiß, wo der Raum für das nächste Seminar ist, muss zurück zur allgemeinen Tafel im Erdgeschoss.

Bibliothek als Learning Center

Auch der neue Vize-Rektor für „academic affairs“, Romain Martin, der als Erziehungswissenschaftler den woxx-LeserInnen bestens bekannt sein dürfte, sieht in der Ausgestaltung einer universitätsgerechten Ausgestaltung des Campus Belval einen Schwerpunkt seiner zukünftigen Arbeit. Seit seiner Berufung am 1. März dieses Jahres ist er für die Entwicklung neuer, an die Luxemburger Uni angepasster pädagogischer Konzepte verantwortlich sowie – neben noch weiterem – für die Gestaltung des studentischen Lebens.

Eine wichtige Etappe wird dabei die Inbetriebnahme des erwähnten „Learning Center“ spielen, auf das Romain Martin großen Wert legt. Es soll zum zentralen Ort des Lehrbetriebs werden und so gestaltet sein, dass auch BesucherInnen von Außen den Weg dorthin finden. Seine Begeisterung für den Einsatz neuer Technologien will er aber nicht falsch verstanden wissen: „Die Uni Luxemburg soll nicht zu einer rein virtuellen Universität werden, aber nicht alles muss immer vor Ort stattfinden.“

„Big data for all departments“ lautet denn auch einer der Hauptaufsätze im Jahresbericht 2015. Als junge Institution will die Uni Luxemburg voll und ganz auf die neuen Technologien setzen und sich zur einer Art Modellanstalt für die Forschung und Lehre des 21. Jahrhunderts entwickeln. Die Begeisterung der beiden Rektoren lässt einen fast übersehen, dass ausgerechnet die zeitgemäße Verkabelung der Uni-Gebäude bei der Planung vergessen worden war und über eine rechtlich nicht ganz unumstrittene Zusatzfinanzierung nachgeholt werden musste. Vielleicht wird auch noch anderes nachgeholt; und es tauchen – wer weiß? – auch die von den Geisteswissenschaftler so schmerzlich vermissten Buchcontainer noch fristgerecht zur Eröffnung des Learning Center wieder auf.

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