Zweiter Weltkrieg
: Ungefährliche Archive

Die Historikerin Inna Ganschow ist damit beauftragt die Archive der luxemburgischen Kriegsgefangenen in der ehemaligen Sowjetunion zurückzuholen. Die woxx unterhielt sich mit ihr über ihren Fund und dessen Bedeutung.

Dr. Inna Ganschow forscht seit September 2017 im Rahmen des über Lydie-Schmit-Stiftung unterstützen Projekts zur russischen Migration in Luxemburg im 20. Jahrhundert am Zentrums für Zeitgeschichte und digitale Geschichtswissenschaften C2DH 
an der Universität Luxemburg. (Foto: © LW_Joaquim Valente)

woxx: Sie sind soeben aus Moskau zurückgekehrt, wo Sie versucht haben, die Archive der luxemburgischen Kriegsgefangenen aufzuspüren. Was genau war ihre Mission?


Inna Ganschow: Eigentlich forsche ich über die russischen Kriegsgefangenen in Luxemburg – das war der Ursprung und Ausgangspunkt meiner Arbeit: die Geschichte der Russen in Luxemburg. Im Laufe der Recherche bin ich in den russischen Archiven letztes Jahr auf Unterlagen gestoßen, die mir klargemacht haben, dass ich die russischen Kriegsgefangenen nicht mehr separat von den luxemburgischen Zwangsrekrutierten in russischer Gefangenschaft behandeln kann. Ich habe im letzten September eine Teiluntersuchung geschrieben und auch im Magazin forum veröffentlicht. So bin ich einen Schritt weiter gekommen – oder auch einen Schritt zur Seite gegangen, denn mein ursprüngliches Ziel war das ja nicht – als ich mich auf die Suche nach den luxemburgischen Kriegsgefangenen begeben habe. Ich ging eigentlich davon aus, dass die Kopien dieser Akten längst schon nach Luxemburg gebracht worden sind.

Das ist aber nicht der Fall.


Leider nicht, und da ich auch vorher schon – für das ZDF – Archivbestände durchforstet habe und auch dank meiner historischen Arbeit hier in Luxemburg, konnte ich schnell in Erfahrung bringen, wo die luxemburgischen Kriegsgefangenen-Akten aufbewahrt werden. Zusammen mit Denis Scuto vom C2DH und mit Hilfe der luxemburgischen Botschaft in Moskau habe ich eine Anfrage verfasst, auf die das Archiv sehr entgegenkommend reagiert hat. Ich konnte es also aufsuchen und dort einige Tage lang Inventarlisten erstellen.

Und dort sind Sie auch auf die luxemburgischen Akten gestoßen?


Um Ihnen einen Begriff von der Größe dieser Archive zu geben: Allein zu den ausländischen Kriegsinternierten gibt es knapp zwei Millionen Akten. Eine Archiv-Akte an sich kann bis zu 400 Seiten umfassen. Es gibt ein System, mit dem man gezielt luxemburgische Gefangene herausfiltern kann, aber dieses System ist ziemlich speziell. Man muss sich in die Logik der Archivierung erst einarbeiten. Die Luxemburger Akten sind nicht von den andern getrennt. Das hat nichts mit Luxemburg an sich zu tun, sondern mit der Art und Weise, wie die Sowjetunion Kriegsgefangene behandelte. Man hat sie in Gruppen unterteilt, und da gab es eben verschiedene Grade von Feinden. Aber das Archiv ist keineswegs nach Nationalitäten gegliedert.

Was enthalten die Akten, die Sie durchsehen konnten?


Es gibt erst einmal Personalakten, jeder Kriegsgefangene hat so eine. Das sind vier Seiten (eigentlich ein gefaltetes Din A3-Blatt), die in einer Mappe liegen. Sie enthalten meistens die eigenen Aussagen des Gefangenen. Eine Art Fragebogen mit 40 Fragen, anhand dessen sich die Vernehmungsoffiziere ein Bild des Menschen, den sie vor sich hatten, machen wollten: Herkunft, Herkunft und Stand der Eltern, soziale und materielle Lage, Parteizugehörigkeiten, Gesundheitszustand, Stellung und Dienstgrad in der Wehrmacht und äußerliche Merkmale. Diese Akten sind für sich alleine wenig aussagekräftig, aber die Tatsache, dass sie noch vorhanden sind und der Wissenschaft zur Verfügung gestellt werden, also mit anderen Daten verglichen werden können, stimmt optimistisch. Es gibt daneben noch Karteikarten zu den Gefangenen, deren Anzahl wohl nicht mit denen der Personalakten übereinstimmt. Aber trotzdem werden mit ihrer Hilfe Menschen aufzufinden sein, deren Akten vielleicht verlorengegangen sind oder falsch abgelegt wurden. Separat gibt es auch noch Unterlagen zu den zivilen Gefangenen.

„Es ist sicherlich nicht auszuschließen, dass sich herausstellt, dass unter den Kriegsgefangenen auch Freiwillige waren.

Wer waren diese Zivilisten?


Zum Beispiel Luxemburger, die nach Schlesien zwangsumgesiedelt worden waren. Als das Gebiet Teil der sowjetischen Zone wurde, sind sie automatisch als Deutsche behandelt worden. Diese Menschen wurden für ein paar Wochen oder Monate interniert und konnten dann wieder zurück nach Hause gehen.

Die Zivilisten kamen aber nicht in die gleichen Lager wie die anderen Luxemburger – die in Tambov zum Beispiel?


Soweit ich gesehen habe, kamen diese Menschen nicht nach Tambov. Tambov war ausschließlich ein Kriegsgefangenenlager. Die Zivilgefangenen kamen zum Beispiel in Transitlager nach Odessa, an andere Knotenpunkte, die mit Massen-Transportmitteln erreichbar waren. Und – ohne zu pauschalisieren, da ich bis jetzt nur ein paar Akten einsehen konnte – kann man wohl davon ausgehen, dass die Zivilisten viel schneller nach Hause zurückkehren konnten als die Kriegsgefangenen.

(Photo : SIP)

Ist denn jetzt fest vereinbart, dass die luxemburgische Botschaft in Moskau das Kopieren der Akten organisiert?


So sieht es aus. Das russische Militär-
archiv hat einen Vertrag mit der Luxemburger Regierung abgeschlossen. Die Akten aus dem Moskauer Archiv werden dann endlich, mehr als 20 Jahre nach einer ersten historisch-diplomatischen Mission in Moskau, der Forschung zugänglich gemacht. Wie genau das geschehen wird, kann ich noch nicht sagen, aber es ist geplant, dass die Akten gescannt werden und dass z. B. die Forscher und Forscherinnen am C2DH sie in der digitalisierten Form einsehen können.

Wie „gefährlich“ schätzen Sie den Inhalt dieser Archive für das nationale Narrativ in Luxemburg ein?


Als jemandem, der erst vor 14 Jahren zugezogen ist, fällt es mir momentan noch schwer, einzuschätzen, was als „gefährlich“ zu gelten hat. Ich habe diese Traumatisierung als Außenstehende beobachten können. Es ist sicherlich nicht auszuschließen, dass sich herausstellt, dass unter den Kriegsgefangenen auch Freiwillige waren. Aber das Ziel der ersten Mission in den 1990er-Jahren war auch bereits nach Akten über Zwangsrekrutierte und Freiwillige zu suchen. Es ist aber nicht einfach anhand der Akten herauszufinden, ob jemand freiwillig in den Krieg gezogen ist oder dazu gezwungen wurde.

Spüren Sie einen gewissen politischen Druck in der Frage um diese Archive?


Nein, ich persönlich nicht.

Was erwarten Sie von einer kompletten Durchsicht dieser Archive?


Diese Archive enthalten viel mehr als die Personalakten der luxemburgischen Kriegsgefangenen. Personal-
akten sind nur eine der Dokumenten-
sorten, die dort gelagert werden. Natürlich wollen wir diese als erste sichern, weil dies das Offensichtlichste ist: Der Person war dann und dort am Leben, hat angegeben, von wo sie gekommen ist, und so weiter. Die Akten enthalten viele Informationen, die man auswerten und mit denen man auch Lücken in den Vermisstenlisten schließen kann. Wir werden zwar definitiv nicht alle, aber doch einige Schicksale klären können. Und aus den anderen Dokumententypen, wie Korrespondenzen, Transport-
listen, Lagerberichten, Friedhofsbüchern kann man auch andere Namen und Informationen ermitteln, die der Aufklärung nützen. Vielleicht auch bei Personen, deren andere Akten verlorengegangen sind. Denn was wir wissen, ist, dass es zwei Lager gab, in denen viele Luxemburger interniert waren: Tambov 188 und Morschansk 64 mit ihren Spitälern. Es gibt eine Vermisstenliste aus dem Jahre 1947, die ich letztes Jahr aus Moskau mitgebracht habe. In dieser finden sich Verweise wie: Wurde zuletzt in dem und dem Lager lebend angetroffen oder wurde von hier nach dort verlegt. Wenn wir allein das Tambover Lager durchforsten, werden wir um die 1.000 Luxemburger finden, aber jetzt müssen wir auch noch all die anderen Lager durchsuchen – und von denen gab es Hunderte – um die fehlenden Elemente zu finden. Eine erste Liste von Luxemburger Kriegsgefangenen in russischen Lagern enthielt 2.600 Namen. Aber das wird der zweite Schritt sein.


Freiwillig oder doch nicht ganz?

Die brennende Frage in Bezug auf die Archive der luxemburgischen Kriegsinternierten in der ehemaligen Sowjetunion ist ob diese Männer wirklich alle „enrôlés de force“ waren. Dies mag auch ein Grund sein wieso diese Archivbestände nie nach Luxemburg geholt wurden: Man wollte den nationalen Mythos nicht beschädigen und den politisch nicht unmächtigen Opferverbänden nicht auf den Schlips treten. Aber auch wenn die Personalakten, die digital nun ins C2DH überführt werden sollen, an sich keine definitiven Urteile in der Frage erlauben, so gibt es einen einfacheren Weg zumindest teilweise Ansätze zu finden. So ist das Geburtsjahr der Internierten öfters ausschlaggebend. Da „nur“ die Jahrgänge 1920 bis 1927 von der Wehrpflicht betroffen waren, sind luxemburgische Wehrmachtsoldaten die vor 1920 geboren wurden de facto eher verdächtig doch nicht so gezwungen in den Krieg gezogen zu sein als bisher angenommen. Dies sagt natürlich nichts über Einzelfälle aus, noch kann es den Verdacht aushebeln, dass diejenigen die unter die Wehrpflicht fielen auch tatsächlich gegen ihren Willen loszogen.


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