BRASILIEN: Zwischen allen Fronten

In den Favelas von Rio de Janeiro kämpfen Drogenbanden um die Vorherrschaft. Kaum weniger gefährlich für die Bewohner sind die rücksichtslosen Polizeieinsätze.

Wenn die Polizei in den Favelas von Rio de Janeiro zur Tat schreitet, heißt es schleunigst in Deckung gehen: Im vergangenen Jahr zählte die Behörde 1.260 Todesopfer bei ihren Einsätzen. Die tatsächliche Zahl dürfte deutlich höher liegen.

Es ist kein Zufall, dass die Sambaband aus Maré, einer Gruppe von Favelas im Norden von Rio de Janeiro, „Bekreuzige sich, wer durchkommt“ (Se benze que da) heißt. Wer in Maré, wo drei Banden von Drogenhändlern einander bekämpfen, die Straße betritt, riskiert, ins Kreuzfeuer zu geraten. Besonders gefährlich ist es, die unsichtbaren Grenzen zu passieren, die die Territorien der Banden voneinander trennen.

Die Sambaband wurde im Jahr 2004 von jungen Bewohnern der verschiedenen Viertel der Maré gegründet. Sie trifft sich einmal im Monat, um Samba zu hören und zu spielen. Bei Erbsensuppe und kühlem Bier werden die Texte komponiert, politische Texte, die die Zustände in den Favelas und die Kriminalisierung der Armen kritisieren: „Wir wollen Grenzen aufbrechen, die Spaltung unserer Viertel überwinden, wir glauben an die Stärke der Bewohner, an den Kampf der Bewohner (?) dieser Tag muss kommen, bekreuzige sich, wer durchkommt!“ Mit dem Samba ist es einfacher, die Bevölkerung zu erreichen.

Von einem Kriegszustand zu sprechen, ist kaum übertrieben. Jährlich werden in Brasilien etwa 50.000 Menschen ermordet, bei Brasilianern im Alter zwischen 15 und 44 Jahren ist Mord die häufigste Todesursache. Die Bosse der kriminellen Organisationen sind städtische Warlords, deren Kampftruppen in Kompaniestärke auftreten und mit automatischen Waffen ausgerüstet sind.

In Maré drangen kürzlich 150 Mitglieder des „Roten Kommandos“, das mit den kolumbianischen Drogenkartellen zusammenarbeitet, mit 20 geklauten Autos in die Viertel Timbão, Baixa de Sapateiro und Conjunto de Tijolinhos ein. Ziel der Aktion war die Übernahme des Drogenhandels dort. Angeblich war das Dritte Kommando von Timbão seit Oktober geschwächt und deshalb geneigt, den Angriffen der rivalisierenden Bande auszuweichen.

Seltsam ist, dass die schwer bewaffneten Männer unbemerkt den Posten der Militärpolizei an der Straße Linha Vermelha passieren konnten. „Es erscheint mir etwas unwahrscheinlich, dass einige Teile der Polizei nichts von der Invasion gewusst haben sollen. Zuvor sind sehr viele Autos in derselben Region geklaut worden“, sagte der Abgeordnete Marcelo Freixo. „Dies hätte die Polizei darauf aufmerksam machen müssen, dass irgendeine Aktion geplant war. Die Linha Vermelha liegt ziemlich weit entfernt von der Südzone Rio de Janeiros, wo die Regierung sehr besorgt um die Sicherheit der Bevölkerung ist“, fügt er hinzu. „Hätte die Invasion in den Favelas Rocinha oder Vidigal stattgefunden, die nahe an den Nobelvierteln der Südzone liegen, so hätte die Polizei mit Sicherheit schneller reagiert.“ Freixo ist Mitglied des P-Sol (Partei für Sozialismus und Freiheit), der sich von der sozialdemokratischen Regierungspartei PT abgespalten hat. Er kämpft seit Jahren für eine Wende in der Sicherheitspolitik.

Jährlich werden in Brasilien etwa 50.000 Menschen ermordet, bei Brasilianern im Alter zwischen 15 und 44 Jahren ist Mord die häufigste Todesursache.

Ein Jahr nach dem Amtsantritt des Gouverneurs Sergio Cabral hat die Gewalt im Bundesstaat Rio de Janeiro extrem zugenommen. Die Nordzone der Stadt wird nicht nur in sicherheitspolitischer Hinsicht vernachläßigt, es mangelt auch an Investitionen in Schulen und Gesundheitseinrichtungen. Die Mitgliedschaft in einem der „Kommandos“ gehört zu den wenigen Möglichkeiten für Jugendliche, an Geld zu kommen.

Das Gefängnissystem festigt die Bandenstrukturen. Nach 20 Jahren hoher Mordraten in Rio de Janeiro, die zu 70 Prozent auf die Drogenkriege zurückgehen, werden die Gefangenen immer nach Bandenzugehörigkeit in großen Gruppen zusammen inhaftiert. Wer bis zur Inhaftierung nicht Mitglied einer kriminellen Vereinigung war, ist es spätestens kurz danach.

Die hohe Mordrate und die Zustände in den Favelas sind mittlerweile ein Thema für die Uno, die im November vergangenen Jahres Philip Alston als Sondergesandten nach Brasilien schickte, aber auch für die Literatur und die Unterhaltungsindustrie. Der kürzlich erschienene Roman „Die Elitetruppe“ von Andre Batista, Rodrigo Pimentel und Luis Eduardo Soares schildert die brutalen Ausbildungsmethoden der Spezialeinheit Bope und wurde sofort zum Bestseller. Kurz danach kam im Spätherbst der gleichnamige Film in die Kinos, den Pimentel gemeinsam mit José Padilha produzierte. Für den Film untersuchte Padilha zwei Jahre lang die Arbeit der Bope und interviewte ehemalige Mitglieder von Drogenbanden.

Entgegen den aufklärerischen Intentionen der Autoren steigerte insbesondere der Film die Begeisterung von Kindern und Jugendlichen für die „Stärke“ der Elitetruppe. Vor allem die Spielzeugindustrie, die seit dem Erscheinen des Romans verschiedene Modelle von Elitepolizisten auf den Markt brachte, hat daran verdient.

„Was für viele Fiktion ist, ist für mich Realität“, sagt Pedro Monteiro*, der als Lehrer in der Maré arbeitet. Er wurde mehrmals von Militärpolizisten als Schutzschild benutzt, die versuchten, auf den Hügel des Timbão vorzudringen. Morde sind in Maré an der Tagesordnung, Monteiro wurde bereits unfreiwillig Zeuge. Als Drogenhändler des Dritten Kommandos einen ihrer Kunden angriffen, so erzählt er, flüchtete er in einen Laden und versteckte sich hinter dem Kühlschrank. Von dort aus habe er mitgehört, dass der Drogenabhängige Stoff bei der Konkurrenz gekauft hatte. Dass er die Angreifer verzweifelt anflehte, habe nichts genützt. Sie hätten ihn kaltblütig erschossen.

Gouverneur Cabral sieht den Kampf gegen die Drogenbanden als militärisches Problem. Im Jahr 2007 gab es viele groß angelegte Operationen der Militärpolizei in der Nordzone Rio de Janeiros. Bei der Operation in der Favela Complexo do Alemão im Juni vergangenen Jahres drangen 1.350 Militärpolizisten, ausgerüstet mit automatischen Waffen, in die Favela ein. Dabei töteten sie 19 Menschen, 40 Personen starben an Schusswunden, und weitere 80 wurden verletzt.

In diesem Jahr wurden die Operationen weitergeführt, am 10. Januar starben sieben Menschen, unter ihnen ein dreijähriges Kind, als Polizisten die Favela Jacarezinho stürmten. Die Opfer der meist rücksichtslosen Operationen der Polizei tauchen in der Mordstatistik nicht auf. Im gesamten Stadtgebiet von Rio de Janeiro zählte die Polizei im vergangenen Jahr 1.260 Todesopfer bei ihren Einsätzen, aber die tatsächliche Zahl liegt höher, denn nur zwei Drittel der Polizeistationen sind mit Computern ausgerüstet und registrieren Todesopfer für die Statistik.

Neben den Zivilisten, die ins Kreuzfeuer geraten, treffen solche Polizeieinsätze nur jene, die auf der untersten Ebene als Straßendealer oder Killer arbeiten. Für diejenigen, die die Drogen und Waffen an die Banden verkaufen, scheint sich der Gouverneur nicht zu interessieren. „Der Drogenhandel wird nicht in den Favelas organisiert. Sie dienen dem Drogenhandel als billige Umschlagplätze“, argumentiert Freixo. „Sowohl der Drogen- als auch der Waffenhandel gehen auf eine weltweite Gewinnlogik zurück. Es sind nicht die Bewohner der Favelas, die am meisten an dem Handel verdienen. Wollte die Regierung Cabral wirklich den Drogenhandel bekämpfen, so würde sie Maßnahmen ergreifen, die an der Basis des Drogen- und Waffenhandels ansetzen und nicht am Umschlagplatz der Ware.“

Noch im Wahlkampf hatte Cabral versprochen, dass die Dinge sich ändern würden. Doch nach seinem Amtsantritt stellte sich heraus, dass die angekündigten strukturellen Verbesserungen bei der Organisation der Militärpolizei, die Entwicklung von Mechanismen zur Auswertung der Polizeiarbeit und die Erhöhung der Gehälter ausblieben. Entgegen seinen Versprechungen glich die Regierung Cabrals die Gehälter der Militärpolizisten bisher lediglich der Inflationsrate an.

Die Militärpolizisten sind in der Regel arm und zum größten Teil schwarz. „Es ist offensichtlich, dass mit Militärpolizisten, die umgerechnet 270 Euro monatlich verdienen, die öffentliche Sicherheit nicht zu gewährleisten ist“, sagt Freixo. Auch auf Seiten der Polizei gibt es Todesopfer, und die Versuchung ist groß, das niedrige Gehalt durch die Annahme von Bestechungsgeld aufzubessern.

So dient auch die Politik des neuen Gouverneurs vornehmlich dem Schutz der oberen Klassen, deren Wohngebiete besser gesichert werden, und der Touristen. Nicht zu Unrecht befürchtet Cabral, die Kriminalität könnte die Attraktivität der Cidade Maravilhosa, der „wunderschönen Stadt“ Rio de Janeiro, mindern. Das will der Gouverneur unbedingt verhindern, zumal die Stadt sich um die Austragung der Olympischen Spiele im Jahr 2016 bemüht.

* Name von der Redaktion geändert.

Astrid Schäfers hat für diesen Artikel in Rio de Janeiro recherchiert.


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