Nach einer Gesetzesverschärfung drohen Homosexuellen im Senegal nicht nur bis zu zehn Jahre Haft, auch die „Verherrlichung“ und „Finanzierung“ von Homosexualität stehen nun unter Strafe. Das in der Hauptstadt Dakar ansässige Kollektiv „Free Sénégal“ kämpft gegen die tief verankerte Homophobie in der Gesellschaft und unterstützt Betroffene.

Marsch gegen Homosexualität. Anfang März in der senegalischen Hauptstadt Dakar: Einige der Demonstrierenden führen ein Transparent mit dem Konterfei des Premierministers Ousmane Sonko mit sich, auf dessen Initiative die verschärfte Kriminalisierung von LGBTIQA+-Personen zurückgeht. (EPA/JEROME FAVRE)
Im Senegal hat die Kriminalisierung von LGBTIQA+-Personen ein bisher unbekanntes Ausmaß erreicht. Am 11. März beschloss das Parlament des westafrikanischen Küstenstaats ohne Gegenstimmen eine Gesetzesverschärfung, die das Strafmaß für Homosexualität auf bis zu zehn Jahre Haft verdoppelte. Zudem stehen nun auch „Verherrlichung“ und „Finanzierung“ von Homosexualität unter Strafe. Kritik war nur äußert vereinzelt zu vernehmen. In dem senegalesischen Online-Medium „Seneweb“ schrieb Ousseynou Nar Gueye, das Gesetz sei ein Angriff auf die in der Verfassung garantierte Meinungsfreiheit. „Verherrlichung“ sei so vage definiert, dass sich beispielsweise schon ein Wissenschaftler, der über die Geschichte der Sexualität im Senegal schreibt, schuldig machen könne. Der Straftatbestand der „Finanzierung von Homosexualität“ werde vor allem Organisationen treffen, die gegen HIV/Aids kämpfen.
Das Gesetz geht auf die Initiative des Premierministers Ousmane Sonko von der populistisch-nationalistischen Partei „Pastef“ (Afrikanische Patrioten Senegals für Arbeit, Ethik und Brüderlichkeit) zurück. Er hatte bereits 2022 mit Stimmungsmache gegen Homosexualität seinen Wahlkampf bestritten und diese Haltung religiös und kulturell begründet: „Wenn ich zum Präsidenten Senegals gewählt werde, wird das Gesetz zur Kriminalisierung von Homosexualität eines der ersten sein, über das ich abstimmen lassen werde.“ Kandidieren konnte er bei der Präsidentschaftswahl 2024 aber nicht, da er im Juni 2023 wegen Verführung von Minderjährigen zu zwei Jahren Haft verurteilt und deshalb von den Wählerlisten gestrichen wurde. Im März 2024 kam Sonko aufgrund einer Amnestie frei und wurde einen knappen Monat später von seinem frisch zum Präsidenten gewählten Freund und Parteikollegen Bassirou Diomaye Faye zum Premierminister ernannt.
Wie stark Homosexualität in dem zu 95 Prozent muslimischen Land tabuisiert ist, zeigte sich anhand von Drohungen in den Medien, die gegen jene drei Abgeordneten ausgesprochen wurden, die sich bei der Abstimmung über das Gesetz enthalten hatten. Homophobie kam dagegen ungefiltert zum Ausdruck. „Homosexuelle werden in diesem Land nicht mehr atmen können“, versprach die Abgeordnete Diaraye Bâ von der Regierungspartei Pastef. Ein anderer Abgeordneter prangerte die LGBTIQA+-Werte an, „die ein kulturelles Gift darstellen, das unserem Volk geschickt eingeimpft wurde“. Denn für die sehr große Mehrheit der Senegalesen kommt Homosexualität immer von anderswo: „Sie wird immer als westlicher Import dargestellt“, sagt Malick*. Er ist Sprecher des in Dakar ansässigen Kollektivs „Free Sénégal“, das sich 2020 gegründet hat und gegen die Repression von LGBTIQA+-Personen engagiert.
Die religiös-konservative Bewegung „And Samm Jikko Li“ (das bedeutet in der senegalesischen Umgangssprache Wolof etwa: gemeinsam für die Bewahrung der Werte) hatte die Regierung zuletzt mit einem Ultimatum unter Druck gesetzt und mit einer landesweiten Mobilisierung gedroht, sollte diese die Gesetzesverschärfung nicht forcieren. And Samm Jikko Li habe bereits 2021 versucht, eine noch härtere Bestrafung von Homosexualität zu erwirken, erinnert sich Malick. Damals unterstützte die Bewegung die Opposition bei einem entsprechenden Antrag, den die Nationalversammlung aber mehrheitlich ablehnte.
Wie tief Homophobie in der senegalesischen Gesellschaft verankert ist, zeigt auch ein weiter zurückliegender Fall aus dem Jahr 2009. Damals exhumierten Anwohner eines muslimischen Friedhofs in der Großstadt Thiès die Leiche eines mutmaßlich schwulen Mannes, da sie ihn nicht dort begraben sehen wollten. Nachdem seine Eltern ihn an derselben Stelle wieder begraben hatten, exhumierten Anwohner den Leichnam erneut und schleppten ihn vor das Haus der Eltern.
Insbesondere seit Ende vergangenen Jahres gibt es eine regelrechte Welle von Verhaftungen mutmaßlicher Homosexueller; nicht wenige gehen auf Anzeigen von Bürgern zurück, oft sind es Nachbarn der Betroffenen. „Die Lage ist permanent kritisch“, warnt Malick. Auch einige der elf Kollektivmitglieder seien schon einmal festgenommen worden.
Wie viele Verhaftungen es insgesamt gab, ist schwer zu sagen. Malick erzählt, dass den Behörden der Fall eines französisch-senegalesischen Netzwerks von Pädosexuellen als Vorwand diente, um etwa 50 Homosexuelle festzunehmen, oft „ohne direkten Bezug zu den Tatsachen“. Zudem habe das Kollektiv „mindestens 186 weitere Personen gezählt, die in verschiedenen Städten des Landes inhaftiert sind, in Touba, Saint-Louis, Mbour“.
Auf den Polizeistationen sei Gewalt an der Tagesordnung: „Auf die Festnahmen folgen Prügel, Folter und anschließend die Durchsicht von Telefonverzeichnissen, um weitere Personen zu identifizieren“, so Malick. Jede Festnahme löst neue aus, und das betrifft nun auch Frauen: Die Schauspielerin Bigué Diop befindet sich seit Ende März wegen des Verdachts „widernatürlicher Handlungen“ mit einer anderen Frau in Haft, nachdem ihr Telefon wegen eines mutmaßlichen Diebstahls durchsucht worden war. Außerdem infiltriere die Polizei Dating-Plattformen und nutze dafür gefälschte Profile. In Gerichtsverfahren würden Homosexualität, Pädophilie und die Übertragung von HIV in einen Topf geworfen. Angesichts dessen versucht das Kollektiv zu warnen: „Nutzt VPN, bevorzugt sichere Messaging-Dienste wie Signal, wechselt das Gerät statt nur die SIM-Karte.“
„Die Jugendlichen wissen nicht mehr, an wen sie sich wenden sollen, Hilfe aus dem Ausland gibt es nicht, und wir sind heute die Einzigen, die Ausreisen organisieren.“ – Kollektiv „Free Sénégal“
Fälle wie die der Schauspielerin Diop bekommen viel Aufmerksamkeit. Aber die Homosexuellenhatz trifft auch diejenigen, die weder im Rampenlicht stehen noch andere Ressourcen haben, um sich zu verteidigen. Einer unter vielen ist Idrissa*. Er stammt aus dem Nordosten des Landes und musste aus seiner Region und vor seiner Familie fliehen, nachdem seine Homosexualität entdeckt worden war. Nun lebt er allein in einer Küstenstadt im Westen des Landes – ohne Bindungen, ohne Freunde, ohne Netzwerk. Die Angst bestimmt sein ganzes Leben: seine sexuellen Begegnungen, die auf heimliche Treffen beschränkt sind, seine prekäre Arbeit, bei der er jeden persönlicheren Kontakt vermeidet, seine einsamen Abende, die er allein zu Hause oder am Strand umherstreifend verbringt. Seine Lage macht ihn verletzlich. Sein Arbeitgeber hat diese schon mal ausgenutzt, um ihn um seinen Lohn zu prellen.
„Tiere werden im Senegal besser behandelt als Homosexuelle“, sagt Idrissa. „Und wenn du im Gefängnis landest, wird dich kein Anwalt verteidigen.“ Das bestätigt Malick vom Kollektiv Free Sénégal: „Wir haben mit drei Anwälten zusammengearbeitet, aber nun haben sie Angst.“ Seit der Gesetzesverschärfung ist der Druck so hoch, dass niemand mehr die Angeklagten verteidigen will. Dem Kollektiv fehlen die Mittel für alles: Unterbringung, medizinische Betreuung von Menschen mit HIV, Rechtsbeistand für Inhaftierte. Nachdem die Zufluchtsstätte des Kollektivs in Mbour entdeckt worden war, wurde sie im Juni geschlossen. Seither arbeitet das Kollektiv mobil und über temporäre Anlaufstellen in Dakar. „Die Jugendlichen wissen nicht mehr, an wen sie sich wenden sollen, Hilfe aus dem Ausland gibt es nicht, und wir sind heute die Einzigen, die Ausreisen organisieren.“
Denn es gibt einen Zufluchtsort in Afrika, der für Senegalesen visumfrei ist: Kap Verde. „Es ist eine der wenigen sicheren Optionen auf dem Kontinent. Homosexualität ist dort nicht strafbar, und wir haben bereits Menschen dorthin vermittelt. Aber die Einreise kostet etwa 1.000 Euro, eine Summe, die wir in der Regel nicht aufbringen können.“ Dabei handelt es sich um eine Art Unterhaltsgeld, das die einreisende Person aufweisen muss. Das Kollektiv unterhält auch Verbindungen zu LGBTIQA+-Vereinigungen in Ghana, Kamerun und in den Ländern der „Allianz der Sahelstaaten“ (AES) – vor allem in Mali und Burkina Faso, wo Homophobie vor dem Hintergrund antiwestlicher Ressentiments gedeiht.
„Die Berichte, die wir über Mali erstellen, sind sehr besorgniserregend.“ Die großen NGOs und UN-Organisationen schweigen. „Wir haben keinerlei Unterstützung erhalten“, sagt Malick. Die senegalesische Diaspora und der französische LGBTIQA+-Verein „Ardhis“ sind die einzigen wirklichen Unterstützer. Ein offener Brief ist in Vorbereitung, und das Kollektiv erwägt, die Uno zu kontaktieren. „Es ist starker Druck von außen auf die senegalesischen Behörden erforderlich, zumal das Land mehrere Menschenrechtskonventionen ratifiziert hat.“
Luxemburgs Außenminister Xavier Bettel hatte im März angekündigt, man werde das Kooperationsabkommen mit dem Senegal angesichts der Gesetzesverschärfung nicht verlängern („L’aide au développement dans un monde bouleversé“; woxx online).

