IRAK: Heavy Metal gegen maskuline Härte

Teile der irakischen Gesellschaft und auch die Staatsgewalt machen gegen Homosexuelle, „weibische“ Jugendkulturen und andere vermeintliche Abweichler mobil. Erstaunlich ist, dass Jugendliche es angesichts dieses sozialen Klimas wagen, das vorherrschende Männlichkeitsideal sichtbar in Frage zu stellen.

Als Vertreter einer „weibischen“ Jugendkultur im Irak verfolgt: Die Mitglieder der Metal-Band „Acrassicauda“, deren Werdegang der preisgekrönte Dokumentarfilm „Heavy Metal in Bagdad“ zum Thema hat.

Die irakische „Sozialpolizei“, die in Wirklichkeit nichts anderes als eine islamische Sittenpolizei ist, schlug Anfang Februar Alarm: Unter jugendlichen Männern verbreite sich ein bedrohliches Phänomen – der „Emo-Kult“. Junge Iraker ließen sich die Haare lang wachsen, trügen enge Hosen und T-Shirts mit Totenköpfen. Gegen diese die Gesellschaft und Moral gefährdende Entwicklung müsse dringend und mit Härte vorgegangen werden. „Emo“ ist eine Abkürzung für „Emotional Hardcore“, eine aus der Punkszene der USA stammenden Subkultur, die dieser Tage in Bagdad offenbar en vogue ist.

Das irakische Innenministerium, das de facto vom Ministerpräsidenten Nouri al-Maliki geleitet wird, veröffentlichte sogar ein Schreiben, in dem die Eliminierung des Emo-Kultes gefordert wird. Dessen Anhängern warf das Ministerium Teufelsanbetung, Vampirismus und „perverse“ sexuelle Praktiken vor. Einige Tage später tauchten vor allem in schiitischen Stadtvierteln Bagdads Namenslisten von „Emos“ auf, deren Hinrichtung angedroht wurde, sollten sie sich nicht ihre langen Haare abschneiden, künftig adäquat kleiden und „wie Männer benehmen“. Kurz darauf fanden tatsächlich Dutzende von brutalen Morden an männlichen Jugendlichen statt: Einige wurden von Hausdächern gestoßen, anderen der Schädel mit Backsteinen eingeschlagen.

Wie viele junge Iraker bislang dieser Kampagne zum Opfer gefallen sind, ist unklar. 14 Todesfälle sind offiziell bestätigt, Menschenrechtsorganisationen sprechen allerdings von über 90 Morden. Solche Hetzkampagnen sind nichts Neues, in der Vergangenheit hatten im Irak schiitische Milizionäre bereits Jagd auf vermeintliche Homosexuelle gemacht, wobei jeder Mann, der sich „weibisch“ kleidete oder benahm, dem Terror zum Opfer fallen konnte.

Ein „Emo“ kann für die mordenden Schiiten-Milizen und für das Innenministerium jeder sein, der enge Jeans und lange Haare trägt, tätowiert oder gepierct ist.

Das Startsignal für deren Verfolgung hatte der oberste schiitische Ayatollah des Irak, Ali al-Sistani, 2006 gegeben. Damals erließ er eine Fatwa, die offen zur Tötung Homosexueller aufforderte. Später relativierte er zwar den Aufruf, aber vor allem im schiitisch dominierten Südirak wüteten Milizionäre der Mahdi-Armee, die dem radikalen Prediger Muqtada al-Sadr untersteht, gegen Abweichlerinnen und Abweichler: unverschleierte Frauen, Männer mit langen Haaren, so genannte Ehebrecher und Christen. 2009 wurde eine besonders brutale Foltermethode gegen Homosexuelle bekannt: Die Täter verschlossen ihren Opfern den Anus mit Sekundenkleber und zwangen sie danach, Abführmittel zu schlucken.

Ein „Emo“ kann für die mordenden Schiiten-Milizen ebenso wie für das Innenministerium jeder sein, der enge Jeans und lange Haare trägt, tätowiert oder gepierct ist. In der Stadt Mossul wurden erst kürzlich zwei Musiker einer Heavy-Metal-Band ermordet. Ob man im irakischen Innenministerium ernsthaft glaubt, dass diese jungen Männer, wie es heißt, Vampire seien und den Teufel anbeteten, ist nebensächlich. Offenbar geht von ein paar Jugendlichen, die sich nicht an die herrschenden Kleidervorschriften halten, eine so große Bedrohung aus, dass die Regierung und die Kleriker meinen, sich des Problems auf höchster Ebene annehmen zu müssen. Zwar verurteilte das Büro des Ayatollah Sistani die Mordserie und bezeichnete die Täter gar als „Terroristen“, zugleich wurde aber gefordert, man müsse die „Emos“ unblutig wieder auf den richtigen Weg bringen.

Immerhin ging eine Gruppe von Parlamentariern jüngst einen Schritt weiter. Sie verurteilten die Morde und forderten darüber hinaus die Einsetzung einer Untersuchungskommission. Der Parlamentssprecher Ussama Najaifi erklärte, die Tötungen, deren Befürworter sie als „Reform der Gesellschaft“ zu legitimieren suchen, seien nichts als kriminelle Akte, die zu einer Kultur der Gewalt und des Terrors führten und gegen das Gesetz verstießen.

Das sehen viele jener Milizionäre anders, die in den vergangenen Wochen gruppenweise umherzogen, um ihre Opfer ausfindig zu machen. Erstaunlich ist, dass es in schiitischen Stadtvierteln, die von solchen Milizen de facto kontrolliert werden, überhaupt Jugendliche gibt, die es gewagt haben, sich im „Emo-Look“ zu kleiden und das vorherrschende Männlichkeitsideal offen in Frage zu stellen. Die Mahdi-Milizionäre und andere islamische paramilitärische Einheiten zelebrieren als Männerbünde maskuline Härte und Aggressivität und sorgen mit Tugendterror für die Aufrechterhaltung einer Gangherrschaft, die auf einer rigiden Auslegung der Sharia beruht. Die Mitglieder der islamistischen Gangs halten sich bei ihren Gewaltexzessen an wehrlosen Opfern schadlos. Damit ziehen sie unzählige Jugendliche aus den armen schiitischen Stadtvierteln Bagdads an, denen sie ein Einkommen und eine kollektive Identität anbieten. Im Irak ist die große Mehrheit der Bevölkerung jünger als 30 Jahre. Wem es gelingt, möglichst viele junge Männer in solchen Banden zu organisieren, der verfügt über einen entsprechenden politischen und sozialen Einfluss. Anders als ihre säkularen Kontrahenten haben islamistische Parteien dies schon vor Jahrzehnten begriffen und ihre Anhängerschaft gezielt aus diesem Milieu rekrutiert. Überall in der Region entstand so eine islamistische, Gewalt verherrlichende Jugendkultur.

Jugendliche, die sich dieser Definition von Männlichkeit entziehen oder gar wagen, offen gegen sie zu rebellieren, müssen den Islamisten deshalb in doppelter Hinsicht als Bedrohung erscheinen: Sie verkörpern nicht nur die so mühsam unterdrückten und als feminin bekämpften Seiten von Sexualität und Liebe, sondern auch eine alternative Jugendkultur, die von Individualismus, Erotik und der Absage an Gewalt bestimmt ist. So ist es keineswegs Zufall, dass in letzter Zeit verstärkt Männer dem Tugendterror im Irak zum Opfer fallen, wobei es sich eben keineswegs nur um Homosexuelle handelt, denen überall im Nahen Osten das Leben zur Hölle gemacht wird, sondern um alle, die irgendwie anders wirken, sich anders kleiden oder, in den Worten der sie verfolgenden Milizionäre, eben „feminin“ erscheinen.

Seit längerem etwa stellen Beobachter im kurdischen Nordirak fest – wo es im Gegensatz zu anderen Teilen des Irak keinen Milizterror gibt -, dass sich das Erscheinungsbild junger Männer im Stadtbild rasant wandelt: Sie rasieren sich den Schnurrbart ab, der bis vor Kurzem noch als männliches Statussymbol galt, tragen enge, hüftbetonte Kleidung, lassen sich die Haare wachsen und kopieren Modetrends aus Beirut und Istanbul. Sie treffen sich in Jugendcafés und unterlaufen, soweit dies möglich ist, traditionell festgeschriebene Geschlechterrollen. Auch wenn die meisten dieser Jugendlichen nicht politisch aktiv sind, wird ihr Verhalten doch als Politikum verstanden, als Rebellion gegen die herrschende rigide Sexualmoral, deren Aufrechterhaltung und Durchsetzung ein Hauptanliegen aller islamischen Parteien ist. Eine Unzahl von Fatwas beschäftigt sich mit nichts anderem als damit, vermeintlich abweichende, also unislamische Sexualität zu denunzieren.

Ein Studentenvertreter in Bagdad, der der Bewegung des radikalen schiitischen Predigers al-Sadr nahesteht, behauptete jüngst in der „Neuen Zürcher Zeitung“, man müsse nun, nachdem die US-amerikanische Besatzung beendet sei, die „kulturelle und intellektuelle Besatzung beseitigen“. Damit bringt er den Sinn des blutigen Kulturkampfes, den die Islamisten der vermeintlichen Amerikanisierung der Alltagskultur angesagt haben, auf den Punkt.

Berichten aus der irakischen Hauptstadt zufolge lassen sich dieser Tage unzählige junge Männer aus Angst vor den Milizen die Haare schneiden und verdecken ihre Tätowierungen. Wo die Polizei nicht offen mit den Tätern kollaboriert, sieht sie zumindest tatenlos zu. Ihrer Aufgabe, für den Schutz der Bürgerinnen und Bürger zu sorgen, also das Gewaltmonopol durchzusetzen, kommt sie nicht nach. Denn die Regierung unter Ministerpräsident al-Maliki, die auf die Unterstützung al-Sadrs und anderer radikaler Schiiten angewiesen ist und die seit dem Abzug der US-amerikanischen Truppen immer mehr unter den Einfluss des Iran gerät, führt sich inzwischen offen als oberste Hüterin einer islamisch legitimierten Moral auf, die sie notfalls auch mit Gewalt durchsetzt. Schwach waren deshalb auch die Worte, mit denen die amerikanische Botschaft die Morde verurteilte. Schließlich war es die US-amerikanische Regierung, die das Versprechen gegeben hatte, den Irakerinnen und Irakern beim Aufbau einer Ordnung beizustehen, die dem Einzelnen Schutz vor staatlicher Willkür gewährleisten sollte. Für den übereilten US-amerikanischen Abzug aus dem Irak zahlen nun „Emos“, Homosexuelle, Frauen und diejenigen, die sich nicht den Vorschriften der Islamisten beugen wollen, den Preis.

Thomas von der Osten-Sacken berichtete für die woxx zuletzt aus Tunis. Er ist Geschäftsführer der vor allem im Irak tätigen NGO wadi e.V.


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