NEUE GELDPOLITIK: „Von eins auf hundert Prozent“

Im Gespräch mit der woxx erklärt der Wirtschaftswissenschaftler Hans-Christoph Binswanger, was Geld ist, und warum wir zu viel davon haben. Das von ihm vorgeschlagene 100-Prozent-Geld zielt darauf ab, die Rolle der Zentralbanken zu stärken und Finanzblasen vorzubeugen.

Zur Person:
Hans-Christoph Binswanger, Jahrgang 1929, lehrte bis zu seiner Emeritierung als Professor für Volkswirtschaftslehre an der Universität St. Gallen. Darüber hinaus war er Direktor des Instituts für ökologische Wirtschaftsforschung und entwickelte die Idee einer ökologischen Steuerreform. Der Doktorvater von Josef Ackermann hat mehrere wachstumskritische Bücher geschrieben: „Die Wachstumsspirale“, „Vorwärts zur Mäßigung“ und „Geld und Magie – eine ökonomische Deutung von Goethes Faust“.

woxx: Herr Binswanger, was wäre, wenn es kein Geld gäbe?

Hans-Christoph Binswanger: Dann müssten wir tauschen. Allerdings hat es ein umfassendes Tauschsystem nie gegeben. Früher war die Basis der Wirtschaft die Selbstversorgung. Es gingen höchstens Überflüsse von Hand zu Hand. Wenn ein Bauer zu viele Äpfel hatte, dann tauschte er sie gegen die Birnen von einem anderen, der davon zu viele besaß.

Heute haben wir Banken …

Genauer gesagt ein doppelstufiges Bankensystem. Es besteht aus Zentralbanken wie der Europäischen Zentralbank und aus Geschäftsbanken, einfach Banken genannt. Daher gibt es auch zwei Arten von Geld. Das Papiergeld, also die Banknoten, die von der Zentralbank ausgegeben werden. Und das Bankgeld, also die Giroguthaben bei den Banken. Mit diesen Guthaben zahlen wir vorwiegend. Denn es ist bequemer, Geld zu überweisen, als es von Hand zu Hand weiterzureichen.

Das Bankgeld macht heute den Großteil der Geldmenge aus. Im Euroraum beträgt die Geldmenge über fünf Billionen Euro. Davon sind aber nur rund 900 Milliarden Euro als Scheine und Münzen im Umlauf. Wie kommt es dazu?

Die Kredit- und Geldschöpfung, die heute das ganze Geldwesen dominiert, läuft primär über Geschäftsbanken. Diese gewähren Unternehmen oder Privathaushalten einen Kredit – und schon expandiert die Geldmenge. Denn Kredite werden nicht in Banknoten ausgezahlt, sondern einfach als Giroguthaben in der Bankbilanz verbucht. Es kommt dabei nicht zum Abzug der Summe auf einem anderen Konto. Daher führt die Gewährung von Krediten direkt zur Geldschöpfung.

Was schränkt das Geldschöpfen der Banken denn ein?

Die Banken müssen bei der Zentralbank eine so genannte Mindestreserve halten, ein Guthaben, das sie jederzeit in Banknoten einlösen können. In Europa beträgt die gesetzliche Mindestreserve derzeit ein Prozent. Das ist wahrlich nicht viel: Vergibt die Bank einen Kredit von 100.000 Euro, dann muss sie dafür nur 1.000 Euro vorrätig haben – ein sehr kleiner Teil des vergebenen Kredits.

Hat die Zentralbank keinen Einfluss auf die Geldmenge?

Sie kann diese in einem gewissen Ausmaß regulieren. Und zwar über den Leitzins. Um sich das Guthaben zu holen, nehmen Banken einen Kredit bei der Zentralbank auf, für den sie dann Zinsen zahlen. Den Leitzins kann die Zentralbank bestimmen. Setzt sie ihn herauf, dann holen sich die Banken weniger Zentralbankgeld für ihre Kredite.

„Die Banken können damit rechnen, dass die Zentralbank immer genügend Geld zur Verfügung stellt.“

Reicht das, um die Geldexpansion einzuschränken?

Nein. Unter den heutigen Bedingungen ist die Zentralbank nicht in der Lage, eine restriktive Geldpolitik durchzuführen. Bei so geringen Mindestreserven brauchen sich die Banken bei der Kreditvergabe gar nicht um sie kümmern. Sie können vielmehr damit rechnen, dass ihnen die Zentralbank immer genügend von ihrem Geld zur Verfügung stellt. Denn diese muss fürchten, dass eine Bremsung der Kredit- und Geldschöpfung zu Arbeitslosigkeit und zum Konkurs der Kreditnehmer führen könnte. Das will die Zentralbank nicht in Kauf nehmen.

Früher musste die Zentralbank ihr Geld in Gold einlösen. Die letzten Reste einer solchen Einlösungspflicht verschwanden zu Beginn der Siebziger Jahre des letzten Jahrhunderts. Welche Folgen hat der Wegfall der Golddeckung?

Die Zentralbank muss keine Rücksicht mehr darauf nehmen, dass es zu einem vermehrten Goldabfluss kommt und sie in Zahlungsschwierigkeiten geraten könnte. Sie ist vollkommen frei in der Schöpfung von Geld. Der Wegfall der Golddeckung hat einen unheilvollen Prozess in Gang gesetzt: Er erlaubt eine im Prinzip unbeschränkte Erhöhung der Geldmenge. Das Papier, in Form von Banknoten, ersetzt dabei das Gold. Man kann also sagen: Die gesamte Geldmenge wird aus dem Nichts, aus Papier, geschaffen. Das ist zwar ein bisschen übertrieben, weil die Banken auch Betriebskosten haben. Aber der polnische Aphoristiker Stanislaw Jerzy Lec hat gesagt: Übertreibung ist erlaubt, wenn es der Wahrheit dient.

Warum hat man die Einlösungspflicht des Zentralbankgeldes in Gold aufgehoben?

Man wollte das Wachstum des Sozialprodukts mit Hilfe von bleibend niedrigen Zinsen fördern. Das war der eine Grund. Der andere war, es den Staaten zu ermöglichen, ihre Ausgaben über ihre Einnahmen hinaus zu erhöhen, also sich zu verschulden, was bei niedrigen Zinsen natürlich leichter ist. Dabei hat man zu wenig an mögliche Folgen einer solchen Geldexpansion gedacht, besonders in Form von Finanzblasen.

Wie entwickeln sich Finanzblasen?

Spekulanten – und potenzielle Spekulanten sind wir ja alle – nehmen Kredite auf. Damit kaufen sie Vermögenswerte: Grundstücke, Aktien oder so genannte Derivate. Was sich lohnt, solange die Zinsen niedriger sind als die erwartete Steigerung der Vermögenswerte. So kann der Spekulant ohne Leistung viel Geld verdienen. Er kann darauf bauen, dass die Vermögenswerte weiter steigen, weil ja auch die Kredit- und Geldmenge ansteigt. Diese ständige Steigerung der Vermögenswerte zielt im Prinzip ins Unendliche – und es bilden sich Finanzblasen. Die müssen schließlich platzen, weil der Kredit- und Geldschöpfung keine realen Gegenwerte gegenüberstehen. Es kommt zu einer Bankenkrise, die in eine Wirtschaftskrise münden kann.

„Es kann nicht mehr beliebig Geld geschöpft werden, dafür stabilisiert 100-Prozent-Geld das Geldsystem.“

Die letzte Blase platzte vor fünf Jahren. Sind die Ursachen zumindest zum Teil beseitigt? Oder steuern wir geradewegs auf die nächste Krise zu?

Das Bankenregulierungsabkommen Basel III schreibt, um eine solche Krise zu verhindern, eine höhere Eigenkapitaldeckung vor. Der Versuch, die Kredit- und Geldschöpfung auf diese Weise zu bremsen, kann aber zu leicht manipuliert werden. Denn das Risiko wird weitgehend von den Banken bestimmt. Sie legen es so fest, dass es die Kredit- und Geldschöpfung möglichst wenig stört. Die Erhöhung der Eigenkapitaldeckung wird daher kaum erfolgreich sein. Außerdem bietet Basel III normalen Bankkunden zu wenig Sicherheit.

Was schlagen Sie vor? Wie können neue Spekulationsblasen verhindert werden?

Mein Vorschlag ist die Erhöhung der Mindestreservepflicht auf 100 Prozent. Die Banken dürfen dann nicht einfach Kredite vergeben und sich erst danach um die Erfüllung der – sowieso geringen – Mindestreservepflicht kümmern. Es wäre umgekehrt: Die Banken müssen sich zuerst das Zentralbankgeld holen – und zwar 100 Prozent des Kredits. Erst danach können sie die neuen Kredite auch vergeben. Damit erhält die Zentralbank die Hoheit über die Kredit- und Geldschöpfung zurück, die sie heute verloren hat. Sie ist wieder frei, den Leitzins wenn nötig, zu erhöhen oder die Ausgabe von Zentralbankgeld mengenmäßig zu begrenzen. Die Idee ist übrigens schon älter. Sie stammt von Irving Fisher, dem bedeutendsten amerikanischen Ökonomen des 20. Jahrhunderts. Er formulierte sie im Zusammenhang mit der Weltwirtschaftskrise von 1929.

Auf welche Weise erhöht sich durch die 100-Prozent-Regel die Sicherheit der Bankkunden?

Dies ergibt sich aus der 100-Prozent-Regel selber. Die Giroguthaben sind vollständig gedeckt, wenn im Fall eines Bankrotts die Konkursmasse zuerst an die Inhaber der Giroguthaben geht. Bankgeld ist dann ebenso sicher wie die Banknoten.

Wie steht es in Europa um die Chancen einer solchen Reform?

100-Prozent-Geld bedeutet keine Revolution. Es bleibt bei einem doppelstufigen Bankensystem, sodass die Geschäftsbanken weiter Kredite nach eigenem Gutdünken vergeben können. Es handelt sich um eine quantitative Veränderung: von 1 auf 100 Prozent. Und bei Hegel heißt es ja: Quantität kann in Qualität umschlagen.

Aber mit Widerstand rechnen Sie schon?

Den Banken wird nicht gefallen, dass sie nicht mehr beliebig Geld schöpfen können. Andererseits können sie ja froh sein: 100-Prozent-Geld stabilisiert das Geldsystem. Es bedeutet zwar weniger kurzfristigen Gewinn, aber dafür mehr Sicherheit.

Bedeutet die Idee auch die Abkehr von der Vorstellung, nur Wachstum könne Wohlstand bringen?

Ohne ein gewisses Wachstum funktioniert unsere Wirtschaft nicht. Aber das Wachstum darf nicht zu hoch sein. Sonst verbrauchen wir so viele Ressourcen, dass irgendwann nichts mehr da ist. Die Zentralbank muss auch ökologische Aspekte in ihre Politik einbeziehen.

Reicht die Einführung von 100-Prozent-Geld allein, um unsere Wirtschaft zu stabilisieren?

Nein, wir benötigen zudem eine Aktienrechtsreform, genauer eine Zweiteilung von Aktien: Namensaktien, die nicht mehr an der Börse gehandelt werden, aber weiterhin eine ewige Dauer haben, und Inhaberaktien, die an der Börse gehandelt, aber nach 20 oder 30 Jahren zurückgezahlt werden. Auf diese Weise wird die zunehmende Spekulation, die unsere moderne Wirtschaft kennzeichnet, stark reduziert. Außerdem erhalten Genossenschaften und Stiftungen mehr Spielraum, also Unternehmensformen, die mehr Sicherheit bieten.

Sie haben ein Buch über „Geld und Magie“ verfasst. Sie schreiben, Wirtschaft sei ein alchimistischer Prozess, eine Suche nach künstlichem Gold. Fausts Reichtum basiere nicht auf Leistung, sondern auf Magie. Steckt zu viel Faust im heutigen Finanzsystem?

Die momentane Geldschöpfung birgt ein sakrales Element: Sie geht ins Unendliche. Diese Unendlichkeitsvorstellung zieht Menschen an, weil sie glauben, sie könnten schon im Diesseits ins Unendliche streben. Wir müssen uns aber an die realen Möglichkeiten halten, die eine endliche Welt vorgibt. Geldschöpfung wird immer nötig sein, sie darf aber nicht ins Unendliche gehen.


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