
(© Parasitenpresse)
Fluchtpunkt von Jacek Dehnels Langgedicht ist, wie der Titel bereits preisgibt, Chopins Herz: allerdings nicht etwa das lebendige, pulsierende Künstlerherz als Thron feiner Seelenregungen, sondern das in Cognac eingelegte Organ, das in der Heiligkreuzkirche in Warschau ruht. Ausgehend vom Leitgedanken dieses konservierten Hohlmuskels als fast barockem Vanitas-Symbol begibt sich das lyrische Ich auf eine nächtliche Erkundungstour durch die schlummernde Stadt. Eine melancholische Grundstimmung begleitet es dabei wie eine nach allen Seiten hin ausstrahlende Aura. Die an ihre Verhältnisse präzise angepasste Kamera seines Auges vermag es, Details einzufangen und zugleich menschliche Schicksale zu fokussieren, die das archaische Bedürfnis an eine weltenlenkende, „göttliche“ Kraft zu glauben, versinnbildlichen. Schillernde Lyrik, die genau dort kometenhaft einschlägt, wo sich der Tod und die Liebe als Grundthemen der Literatur überkreuzen.

