Mediterrane Melange
Eine*r der führenden Musiker*innen, die sich mit den musikalischen Verbindungen zwischen den unterschiedlichen Regionen des Mittelmeeres beschäftigen, ist Stefano Saletti. Er kommt aus Rom, singt und beherrscht eine große Anzahl von Saiteninstrumenten wie die arabische Ud, die anatolische Saz, die griechische Bouzoúki, die kretische Tsouras und die Gitarre. Seine erste Platte erschien bereits 1986. Er arbeitet flexibel in verschiedenen Projekten, doch seit 2005 ist seine feste Band die Banda Ikona, die auch auf dem neuen Album Mediterranima gemeinsam mit weiteren Musiker*innen mitwirkt. Saletti hat neun Stücke geschrieben, die sich mit verschiedenen Aspekten des Lebens im Mittelmeerraum beschäftigen. Man hört neben Melodien, die von der italienischen Musikkultur geprägt sind, anatolische Anklänge sowie solche aus dem Balkan und aus Libyen. Die Texte handeln von Flüchtlingsschicksalen, von Hoffnung und auch der legendäre persische Poet Rumi hat Eingang in die Lyrics gefunden. Besonders bemerkenswert ist, dass sieben große italienische Sängerinnen die Stücke im Einzelvortrag darbieten, darunter auch die berühmte Sardin Elena Ledda. Eine mediterrane Melange mit prima Musik und tollen Vokalistinnen.
Stefano Saletti – Mediterranima – Materiali Sonori
Starkes Mali
Es ist schon merkwürdig, wenn eine Sängerin aus Mali, die bereits vor über zehn Jahren wegen ihrer bemerkenswerten Gesangsleistung bei Liveauftritten von Journalist*innen in ihren Berichten gelobt wurde, erst jetzt mit einer Plattenaufnahme auffällt. Kankou Kouyaté ist eine malische Sängerin, die es eigentlich längst geschafft haben sollte, denn immerhin ist sie die Nichte des berühmten Bassekou Kouyaté und hat bei vielen malischen Größen mitgesungen. Zwar hatte sie 2019 schon ein Album eingesungen, dieses ist aber unbeachtet geblieben. Die Labelchefin von One World Records aus Dänemark, Carolina Vallejo, ist schließlich selbst nach Bamako gereist, hat das vorliegende Album N’Darila produziert und nun veröffentlicht. Die Texte der zwölf Lieder hat Kankou selbst geschrieben und zusammen mit ihrem Cousin Madou Kouyaté vertont. Auch die Instrumente, wie verschiedene Formen der N’Goni-Laute und Perkussion, haben Verwandte von ihr bedient. Der gelegentliche Einsatz einer Kora und eines Keyboards bringen dezent weitere Klangnuancen ins Spiel. Auch ihr Onkel Bassekou hat an drei Stücken mitgewirkt. Ein sehr schönes Album einer Sängerin mit einnehmender Stimme.
Kankou Kouyaté – N’Darila – One World Records
Schottische Drones
Dudelsackmusik ist vielen bekannt in Form martialischer Märsche von Armeekapellen oder in melodiöser Form in der Folkmusik. Was Brìghde Chaimbeul macht, ist etwas anderes. Bei ihr geht es um breite Klangflächen, aus denen auf geheimnisvolle Weise Melodien erwachsen. Die junge, Gälisch sprechende Musikerin stammt von der Isle of Skye im Nordwesten Schottlands und spielt vorzugsweise die Scottish Smallpipes, die, wie die verwandte irische Form, nicht geblasen, sondern mittels eines Blasebalgs unter dem Arm bedient werden. Sunwise ist ihr viertes Album seit 2019. Auf ihren beiden letzten Platten war sie mit anderen Musikern unterwegs, während sie auf der neuen bei der Hälfte der Stücke allein spielt und manchmal auch singt. Auf den anderen Stücken kann man auch – unterstützend – weitere Dudelsackspieler, einen Saxofonisten oder einen Organisten erleben. Die Melodien sind unüberhörbar in der schottischen Tradition verwurzelt, aber die allgegenwärtigen, statischen Borduntöne der tiefen Drones-Pfeifen schaffen bei vielen Tracks eine beinahe mystische Atmosphäre. Bei schnelleren Stücken hört man eine kantige Expressivität. Einzigartig!
Brìghde Chaimbeul – Sunwise – Tak:til/Glitterbeat
Georgische Polyphonie
Im seit 1990 unabhängigen Georgien existiert eine ganz besondere Form des polyphonen A-capella-Gesangs, dessen Wurzeln bis ins vierte Jahrhundert zurückreichen, als die damals herrschende Königin Nana und ihr Mann das Christentum einführten. 2008 wurde der Gesang von der Unesco in die Liste des immateriellen Kulturerbes der Menschheit aufgenommen; es handelt sich um eine lebendige Tradition, die auch in anderen Ländern gepflegt wird. So gründete der US-Bürger Frank Kane, von der Polyphonie begeistert, vor mehr als dreißig Jahren in Frankreich das Ensemble Marani. Im Laufe der Zeit führten personelle Wechsel dazu, dass immer mehr Sänger aus der georgischen Community in Frankreich dazustießen. Heute wird das zwölfköpfige Ensemble, dem zeitweise auch eine Sängerin angehörte, von Tariel Vatchadze geleitet und genießt auch in Georgien hohes Ansehen. Typisch für georgische Polyphonie ist die Dreistimmigkeit und die Verwendung von Dissonanzen, die in der westlichen Musik so nicht vorkommen. Es existieren unterschiedliche regionale Stile, die das Ensemble Marani auf seinem dritten Album Sharatin in 24 Liedern fast immer a capella breit dokumentiert. Glänzend!
Ensemble Marani – Sharatin – Buda Musique
World Music Charts Europe August – Top 10 (print)/Top 20 (online)
1. Brìghde Chaimbeul – Sunweise – Tak:til, Glitterbeat
2. Lina_ & Jules Maxwell – Terra Mae – Schubert Music
3. Elena Baklava – Yorukluk – CPL Music
4. Stefano Saletti – Mediterranima – Materiali Sonori
5. Votia – Bié Kaz – Ajabu!
6. Mustafa Said & Asil Ensemble – Maqam Pilgrims – Mapamundi Música
7. Mandé Sila – Live at Levon Helm Studios – Contre-Jour
8. Ammar 808 – Club Tounsi – Glitterbeat
9. Värttinä – Kyly – Rockadillo
10. Tempvs Fvgit -Da Caminu – Tempvs Fvgit
11. Kadialy Kouyaté – Tona – ARC Music
12. Kaabi Kouyaté – Tribute to Kandia – Buda Musique
13. Natalia Lafourcade – Cancionera – Sony
14. Majid Bekkas, Nguyen Lê, Hamid Drake – Gnawa World Blues – ACT
15. Ensemble Gamut! – MI – Alba Records
16. Haris Pilton & The Balkan Voodoo Orchestra – Soon in your village – Asphalt Tango
17. Kanazoé Orkestra – Balabeatz – Antipodes Music
18. Holly Holden – Al Andar – Holly Holden
19. Elana Sasson – In between – PKMusic
20. Igor Bozanic – Zega – Pop Depresija

