Mit einem feinen Gespür für leise Zwischentöne beschreibt Esther Becker in ihrem Band „Notfallkontakte“, was passiert, wenn das Leben aus den Fugen der Ordnung gerät. In vierzehn feministischen und poetischen Erzählungen, die von präzisem Humor durchzogen sind, spürt sie den Erfahrungen von Menschen in Momenten von Verletzlichkeit nach – zwischen Beziehungen und Trennungen, gesellschaftlichen Erwartungen und dem Wunsch, nicht den Halt zu verlieren.

Esther Becker lebt als Dramatikerin, Schriftstellerin und Drehbuchautorin in Berlin. (© Max Zerrahn)
RETTUNG
Der Rettungsring an der kleinen Brücke fehlt.
Er hing immer am Geländer der Westseite, darüber ein völlig zugeschmiertes Schild. Bis auf die Worte »eigene Gefahr« ist nichts lesbar.
Das Schild ist noch da, der Rettungsring nicht mehr.
Möglicherweise ist das meine Schuld.
Ich kann keine genaue Angabe machen, seit wann er fehlt. Aber ich weiß, wann ich es bemerkt habe. Nämlich genau an demselben Tag, an dem ich gemerkt habe, dass ich verliebt bin.
Ich spazierte am Ufer des Kanals entlang und machte für den Mann, den ich seit einigen Wochen traf, ein Foto von den blühenden Büschen und Bäumen. Der Frühling war über Nacht explodiert, tags zuvor hatte alles noch trostlos ausgesehen. Ich würde ihm dieses Blühen ans andere Ende der Welt schicken, wo er sich gerade befand.
Er unternahm diese Reise jedes Jahr zur selben Zeit. Und ich war gewarnt worden: Bisher waren alle Beziehungen, die er jeweils vor der Reise begonnen hatte, kurz nach seiner Rückkehr gescheitert. Er ging nicht weiter ins Detail, was genau das Problem gewesen ist und welche Rolle er dabei gespielt hat, dass es auseinandergegangen war. Für ihn schien das Ganze eine Art Fluch zu sein, den er zu brechen hoffte, aber nicht recht wusste, wie.
Am Ufer wurde es auf einmal ganz ruhig. Die Vögel in den Büschen und Bäumen legten eine Pause ein, die Enten auf dem Wasser verstummten, keine Menschen- oder Motorengeräusche waren zu hören, nicht einmal der Wind wehte mehr, es war komplett still. Mein Blick fiel auf die kleine Brücke, die einfach eine Brücke gewesen war, bis zu dem Abend, an dem wir uns darauf zum ersten Mal geküsst haben.

(© Verbrecher Verlag)
Wir kamen spätnachts von unserer ersten Verabredung, als er mich ein Stück nach Hause begleitete. Wir leben nicht weit voneinander, die Brücke markiert ziemlich genau die Hälfte des Weges zwischen uns. Er wohnt auf der einen, ich auf der anderen Seite des Wassers. Wir liefen also gemeinsam bis zur Mitte der Brücke, dort verabschiedeten wir uns höflich. Dann sahen wir einander ins Gesicht, und aus dem Nichts begannen wir, wie wild zu knutschen. Ich öffnete währenddessen kurz die Augen, ich weiß nicht, was mich dazu bewog. Es ist immer eine schlechte Idee, beim Küssen die Augen zu öffnen. Auf jeden Fall bemerkte ich den Rettungsring an der Brücke, die ja bis dahin bloß eine ganz normale Brücke gewesen war und kaum Beachtung von mir bekommen hatte. Jetzt beachtete ich sie und registrierte also zum ersten Mal den Rettungsring, der an einem Metallpfahl am Geländer hing. Ich schielte aus den Augenwinkeln auf den Kanal hinab. Er schien mir weder besonders tief noch die Strömung besonders stark. Im Sommer paddeln Paare und Gruppen in Schlauchbooten darüber. Im Herbst füttern Kinder die Enten mit Toastbrot. Im Winter ragen Einkaufswagen und Baustellenabsperrungen aus der vereisten Oberfläche, auf der Wagemutige spazieren gehen.
Ich schloss die Augen wieder, um mich ganz aufs Küssen zu konzentrieren. Wir küssten noch lange weiter, niemand wollte aufhören. Als wir dann schließlich doch aufhörten und tatsächlich auseinandergingen, guckten wir alle paar Meter über die Schulter zueinander zurück, bis wir außer Sichtweite waren.
In völliger Stille lief ich auf die Brücke, jeder meiner Schritte war überdeutlich auf dem Stahlbeton zu hören. Ich blieb genau an der Stelle stehen, wo wir uns geküsst hatten, und schickte ihm das Blüten-Foto. Das würde ihm zeigen, dass es sich lohnte, zurückzukehren. Zu mir und der Explosion in meinem Herzen.
Sobald das Bild gesendet war, sangen die Vögel wieder, Autos hupten und es übte sogar jemand in der Ferne Trompete. Da fiel mir auf, dass der Haken am Metallpfosten leer war, der Rettungsring also fehlte.
Ich erkannte das Zeichen sofort: Ich liebte auf eigene Gefahr.
Wie die Knospen an den Zweigen, hatte ich das Signal zum Erwachen aus der Winterruhe verstanden: Der Frost ist Vergangenheit, wir dürfen uns zu Kühnem hinreißen lassen, es wird Wärme geben. Ich war verliebt und hatte jede Vorsicht über Bord geworfen, für eine Rettung war es zu spät. Ich war bereit, der Prophezeiung die Stirn zu bieten und das Schicksal zu einer Abweichung zu bewegen.
Lächelnd spazierte ich nach Hause. Ich nahm das Telefon mit ins Bett, legte es neben mein Gesicht aufs Kissen und schlief tief.
Ich erwachte in genau derselben Position, in der ich eingeschlafen war, dem Telefon zugewandt. Ich nahm es in die Hand und hielt es an meine Wange. Dann drehte ich mich auf den Rücken, drückte es an mein Herz und dachte fest an den Mann, in den ich verliebt war. Ich war ihm einige Stunden voraus.
Auf der Fahrt zur Arbeit überquerte ich eine andere große Brücke. Auch daran fehlte der Rettungsring. Das konnte kein Zufall sein. Ich wurde ekstatisch.
In der Mittagspause setzte ich mich mit meinem Sandwich in die Sonne und las meine Nachrichten. Der Mann, in den ich verliebt war, hatte dem Foto einen Smiley mit Sternenaugen hinzugefügt und geantwortet, er würde umgehend vom anderen Ende der Welt zurückkehren. Mein Herz hüpfte, ich ließ mein halb gegessenes Sandwich sinken, hielt mein Gesicht in die Sonne und fantasierte, wie wir uns am Flughafen in die Arme fallen würden.
Aus Übermut nahm ich auf dem Heimweg eine andere Route, um folgende Entdeckung zu machen: Es fehlten an allen Brücken, die ich passierte oder überquerte, die Rettungsringe. Ich verlangsamte ungläubig an einer nach der anderen, es wurde wütend gehupt. Bei der letzten Brücke hielt ich schließlich an.
Ich ließ das Auto im absoluten Halteverbot stehen, stieg aus und schaute aufs Wasser hinab, als könne es mir Antwort geben.
Zwei Enten trieben auf mich zu. Die eine machte schnelle, hackende Bewegungen, die andere gar keine. Ich vermutete Futterstreit oder aggressives Paarungsverhalten.
Als sie näherkamen, erkannte ich, dass die reglose Ente tot war und die lebendige an dem Kadaver herumpickte.
Ich griff in meine Jackentasche und holte die Reste meines Sandwichs hervor, um die lebendige Ente vom Leichnam der anderen abzulenken. Ich begann, das Sandwich in kleine Stückchen zu reißen und war im Begriff, sie ins Wasser zu werfen, als eine Passantin neben mir stehenblieb und mit großer Dringlichkeit auf mich einredete. Brot sei schädlich für Enten. Es quelle in ihren Mägen auf und könne einen Erstickungstod herbeiführen. Außerdem könne das Füttern generell zu einer zu großen Gewöhnung an Menschen führen. Die Enten würden ihre Scheu verlieren und so leichter durch Straßenunfälle oder von Hunden getötet werden.
Ich ließ sofort vom Sandwich ab, klatsche ein paar Mal so laut, wie ich konnte, in die Hände und gab zischende Laute von mir, in dem Versuch, die kannibalische Ente zu verscheuchen. Sie hielt tatsächlich kurz inne und schaute zu mir herüber. Dann machte sie ungerührt weiter.
Nachts lag ich wach.
Enten starben von Brot. Gewöhnung war gefährlich. Hatte ich die Scheu verloren?
Schlauchboote konnten kentern, Eisflächen brechen. Ich war noch nie gut im Schwimmen gewesen.

