FUSSBALL-EM: Swissness gegen Habsburg

von | 06.06.2008

Während in Österreich noch über Autofahnen und Otto von Habsburg gestritten wird, wartet die Schweiz in Fußballsongs mit Habsburger-Bashing auf und hat die Landesfahne zum Popsymbol gemacht.

Eine Stichprobe: drei Ampelphasen am Wiener GĂĽrtel, der am stärksten frequentierten Verkehrsader der österreichischen Bundeshauptstadt. Acht Tage vor Beginn der FuĂźballeuropameisterschaft ebendort. Von 175 Fahrzeugen, die an dem schwĂĽlen Freitagnachmittag auf drei Fahrbahnen vorbeirollen, sind gerade einmal vier mit rot-weiĂź-roten Autofähnchen ausstaffiert. Dennoch werden die Fähnchen von den Medien als „Massenaccessoire“ wahrgenommen. Wochenlang hatten „Patrioten“, FuĂźballfans und die Kronenzeitung fĂĽr die Autowimpel gekämpft, bis der Verkehrsminister Werner Faymann sich erweichen lieĂź und fĂĽr die Zeit der EM das Autofahnen-Verbot aufhob.

Ă–sterreich habe „wenig Vertrautheit im Umgang mit patriotischen Symbolen“, schreibt Barbara TĂłth in der Wiener Stadtzeitung Falter. Am Fahnenmast vielleicht, im Teller aber gar nicht. SchlieĂźlich gibt es immer noch Schnitzel und Sachertorte. Dagegen wird selbst die größte rot-weiĂź-rote Fahne als sinnfreie Stoffbahn immer im Hintertreffen bleiben.

Anders als viele europäische Landesflaggen erzählt jene Österreichs nichts von Freiheitsbewegungen oder Revolutionen. Sie geht schlicht auf ein altes Wappen des Herrschergeschlechts der Babenberger zurück, später übernommen von den Habsburgern. Keine Spur von Emanzipation, nichts von kollektiver Willensanstrengung. Die österreichische Fahne ist ein Zeichen der Regierten. Das Zeichen einer Landkartenkontur, die übrig blieb, als eine größere Kontur mit dem Ende der Habsburger Monarchie auf ihr heutiges Maß zusammenschrumpfte.

Fändel-Streit? In Ă–sterreich gibt es Schnitzel und Sachertorte – dagegen wird selbst die größte rot-weiĂź-rote Fahne als sinnfreie Stoffbahn immer im Hintertreffen bleiben.

Im Gegensatz dazu hat die Schweiz, Ă–sterreichs Nachbarin und Veranstaltungspartnerin bei der EM 2008, frĂĽh alles richtig gemacht: die Habsburger rausgeschmissen, keinen fĂĽrstlichen Mittelbau akzeptiert, stattdessen Selbstverwaltung und regionale Autonomie zur Anwendung gebracht, sich im Europa des 13. Jahrhunderts behauptet.

Dass in der Schlacht am Morgarten die Habsburger Ritter von der schweizerischen Landbevölkerung 1315 eine empfindliche Watsche gekriegt haben, spielt im österreichischen Geschichtsbewusstsein keine Rolle. In der Schweiz nach wie vor sehr wohl. Etwa auf den Seiten des rechtskonservativen Wochenmagazins „Die Weltwoche“, das in beständiger Regelmäßigkeit auf Morgarten, Hellebarden und das daraus hervorgegangene Prinzip der Selbstbestimmung verweist. Oder in dem Song „Gedanke zur EM“ des ZĂĽrcher/Berner Folk-Duos Schoedo. Auf Schwyzer-dĂĽtsch wird darin vorgetragen, dass „mit Waffengewalt die Habsburger entfernt“ worden seien und „in jedem schwyzer Knochen eine schwyzer Geschichte“ stecke. Dieses Betonen historischer Leistungen in Verbindung mit dem Grundwert der Volkssouveränität steckt auch in der Wortschöpfung „Swissness“, seit einigen Jahren der schweizerische Begriff fĂĽr eine Neuinterpretation des nationalen Selbstverständnisses.

„Swissness“, das ist der neue Gradmesser des Schweizerischen, ein gelungener Relaunch wie aus einem Marketing-Lehrbuch. Mit dem weiĂźen Kreuz auf rotem Grund als Warenzeichen, das nicht nur die politischen (direkte Demokratie, keine EU-Mitgliedschaft) und gesellschaftlichen (unterschiedliche Sprachgruppen) Besonderheiten meint, sondern auch die der Schweiz zugeschriebenen Werte (Qualität, PĂĽnktlichkeit, Verlässlichkeit). Während Ă–sterreich noch verhandelt, warum sich ein „Anti-Fahnen-Reflex“ (Michael Möseneder in „Der Standard“) als kontraproduktiv erweisen könnte, zeigen viele Schweizer längst auch fernab von Sportereignissen auf T-Shirts, Kappen oder Taschen unbekĂĽmmert Flagge. Der „Swissness“ geht es aber wie Morgarten: Sie ist in Ă–sterreich kein Thema. Verglichen mit der Aufmerksamkeit, die dem groĂźen Nachbarn Deutschland entgegengebracht wird, werden Entwicklungen in der Schweiz kaum reflektiert.

Dank der EM-Vergabe an die zwei Nachbarländer schenkt man einander nun mehr Beachtung. Das Duo Schoedo wird zwar nicht dabei sein, wenn der 30 Bands umfassende Sampler „Lieber ein Verlierer sein“ pĂĽnktlich zum Anpfiff der EM in der Schweiz vorgestellt wird. Es spielt aber am 28. Juni in der Strandbar Hermann am Donaukanal, einer der besten Freiluft-Locations in Wien, die sich die gewieften Schweizer während der EM als offiziellen „Swiss Beach“ gesichert haben. Mit roten LiegestĂĽhlen, Armeedecken, Rösti, Public Viewing und „Kulturprogramm“ will man eine auf „Swissness“ gekommene Schweiz in Wien präsentieren. 1:0 fĂĽr die Schweizer, zumal der Bezirksvorsteherin des Wiener Bezirks Innere Stadt, Ursula Stenzel von der konservativen Volkspartei (Ă–VP), zur EM bislang nicht mehr als der Abschluss einer Vandalismusversicherung einzufallen schien.

Mit Pfiffen fĂĽr ihr Habsburger-Bashing brauchen Schoedo in Wien nicht zu rechnen. Erstens wird SchwyzerdĂĽtsch ohnehin nur im westlichen Bundesland Vorarlberg verstanden. Zweitens existiert zwischen den beiden Nachbarländern keine nennenswerte sportliche Rivalität – auch wenn sich die Fernsehanstalten ORF und SF mit einer Doku-Soap namens „Das Match“ (Schweizerisch „Der Match“), bei der sich zwei Teams aus Promis der Kategorie „C“ beider Länder zum Finalspiel gegenĂĽberstehen, im Hinblick auf Quoten gerade um eine solche Rivalität bemĂĽhen. Und drittens erinnern sich bestimmt noch einige an den Auftritt des greisen Otto von Habsburg im österreichischen Parlament bei einem Ă–VP-„Gedenkakt“ zum „Anschluss“. Bei dem hatte der älteste Sohn des letzten Kaisers Karl I. die Huldigungen fĂĽr Hitler am Heldenplatz – passend zum EM-Jahr – mit der Harmlosigkeit eines FuĂźballmatches verglichen, den alten Opfermythos aufgewärmt und damit nicht nur die rote Reichshälfte gegen sich aufgebracht. Doch nicht alle beteiligten sich an diesem – diesmal österreichischen – Habsburger-Bashing: Die abschlieĂźenden Standing Ovations von Parlament und Publikum fĂĽr den Nachkommen des Kaisers, wie bereits dessen Einladung durch die Regierungspartei, zeigen, wie undifferenziert in Ă–sterreich mit einer republikanischen Grundhaltung umgegangen wird. Dem souveränen Schweizer muss das fremd erscheinen.

Apropos fremd. Zur neuen Beachtung der Schweiz in Ă–sterreich hat neben der EM-Partnerschaft auch der Aufstieg der rechtskonservativen Schweizer Volkspartei (SVP) beigetragen. Vergleiche zwischen deren Vorsitzendem und vormaligem Bundesrat Christoph Blocher mit Jörg Haider zu Zeiten einer prosperierenden FPĂ– wurden laut, und tatsächlich erinnern Blochers Themen und Rhetorik, aber auch die Verteidigungsreden und Angriffe der Medien an die österreichische Situation vor ein paar Jahren. Der Begriff des DĂ©jĂ -vu scheint passend, denn Blocher ist mit einem anderen politischen Hintergrund als Haider ausgestattet, ohne sich jedoch angesichts von „Schäfchen-Plakaten“ oder einer EinbĂĽrgerungsinitiative, die zum Ziel hatte, dass Schweizer BĂĽrger an der Urne entscheiden dĂĽrfen, welche Ausländer ebenfalls Schweizer BĂĽrger werden dĂĽrfen, letztendlich von Haider abzuheben. Passend ist, dass auch Blocher damit zuletzt eine Niederlage hinnehmen musste: Die EinbĂĽrgerungsinitiative wurde erst am Sonntag landesweit mit 63,8 Prozent Nein-Stimmen abgelehnt, im Kanton Genf gar mit 82,1 Prozent. FĂĽr den eindeutigen Ausgang wird nun auch die positive Stimmung durch die EM mitverantwortlich gemacht. Ob die siegreichen SVP-Gegner dann mit Autofahnen durch ZĂĽrich gefahren sind, ist in Ă–sterreich nicht bekannt.

Andreas Kump ist Sänger der Linzer Band Shy und Kolumnist des österreichischen FuĂźballmagazins „ballesterer“.

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