Frauen in der Gruppe 47: Die Vergessenen

von | 11.04.2024

Den Namen Ingeborg Bachmann kennt man, vielleicht auch noch Ilse Aichinger – aber was ist mit all den anderen Frauen, die bei den Treffen der „Gruppe 47“ Texte vortrugen? Sie sind diejenigen, die in Vergessenheit geraten sind. Nicole Seifert legt nun ein Buch vor, das ihre Schicksale auf mitreißende Weise beleuchtet.

Radikale Kritik, scharfzĂŒngige Satire: Die Schriftstellerin Gisela Elsner mischte nicht nur die Gruppe 47 auf. (Foto: SĂŒddeutsche Zeitung Photo/Alamy Stock Photo)

Verunglimpft und klein gemacht, auf ihr Aussehen reduziert, missverstanden und schließlich aus der Literaturgeschichtsschreibung weitgehend getilgt – dieses Schicksal ereilte im Laufe der Zeit nicht wenige schreibende Frauen. In ihrem spannenden und ĂŒberaus gut recherchierten Buch „Einige Herren sagten etwas dazu“ unterzieht Nicole Seifert nun die Geschichte der „Gruppe 47“ einer grĂŒndlichen Revision. Was sie herausfindet: Bei den Treffen der zwischen 1947 und 1967 existierenden Gruppe 47, einer der einflussreichsten Vereinigungen des deutschen Literaturbetriebs der Nachkriegszeit, waren viel mehr Frauen dabei als bisher angenommen.

Nicht nur Ilse Aichinger und Ingeborg Bachmann – die als einzige Frau in keinem Sammelband ĂŒber die Gruppe 47 fehlen darf – nahmen Platz auf dem sogenannten „elektrischen Stuhl“ neben Hans Werner Richter, unter dessen FĂŒhrung die Treffen stattfanden, um sich der Kritik ihrer (ĂŒberwiegend mĂ€nnlichen) Berufskollegen preiszugeben, sondern beispielsweise auch Ruth Rehmann, Ilse Schneider-Lengyel, Ingeborg Drewitz, Barbara König, Gabriele Wohmann und Gisela Elsner.

Dass diese Namen den heutigen Leser*innen vermutlich meist wenig sagen, obwohl die Frauen in den 1960er- und 1970er-Jahren mitunter sehr erfolgreich waren, Preise gewannen, in Schulen und UniversitĂ€ten gelesen wurden – also auf dem besten Weg waren, kanonisiert zu werden â€“, ist zwar ein Skandal, aber wenig ĂŒberraschend. Von dem gesamten, damals – man darf es ruhig so sagen â€“ ausgesprochen sexistischen Literaturbetrieb wurden die Frauen in Kritiken nicht selten geradezu zerfleddert. Das galt besonders dann, wenn sie in ihren Werken und in ihrem Leben versuchten, aus den damals festgesetzten weiblichen Rollenbildern auszubrechen.

Auch in Nachrufen wurden sie selten so gewĂŒrdigt, wie sie es verdient gehabt hĂ€tten, im Gegenteil, oft sprach man ihnen eine mit ihren mĂ€nnlichen Arbeitskameraden vergleichbare Könnerschaft ab. So schrieb das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ 1986 zum Beispiel in einem Nachruf auf Ingeborg Drewitz: „Der gute Wille, komplizierte Existenzfragen der Moderne kĂŒnstlerisch aufzuarbeiten, ist grĂ¶ĂŸer als die schriftstellerische analytische Kompetenz.“ Hier zeigt sich die ganze HĂ€me und Verachtung, die den Autorinnen wieder und wieder entgegenschlug und gegen die sie sich als Individuen kaum wehren konnten.

Von den Historikern der Gruppe 47 wurden die schreibenden Frauen, die um öffentliche Anerkennung rangen, grĂ¶ĂŸtenteils ausgeklammert oder als vernachlĂ€ssigbare Randfiguren ins Spiel gebracht, wobei sie unter dem Zerrspiegel mĂ€nnlicher Projektion mal als medusenhaft gefĂ€hrliche Wesen, mal als aufopferungsvoll-mĂŒtterliche Engel dargestellt wurden. Ihre Werke traten bei diesen Beschreibungen vollends in den Hintergrund, kaum wurde ĂŒber ihr Schreiben reflektiert.

Seiferts materialreiche Untersuchung ermöglicht es schreibenden Frauen von heute, sich in eine von MÀnnern nicht dominierte literarische Tradition zu stellen.

Meistens konzentrierten sich die Beschreibungen der Historiker – zu nennen wĂ€ren hier zum Beispiel Hans Werner Richter, Heinz Ludwig Arnold, Jörg Magenau und Helmut Böttiger – auf den Körper der Frau, ihre Person, ihr Sex-Appeal. Über seine erste Begegnung mit Barbara König schrieb Richter zum Beispiel: „Du lieber Gott, eine Mischung zwischen einer Schlange und einer Katze, was will die hier, und wie kommt sie hierher?“ Und fĂŒr Ilse Schneider-Lengyel hatte Nicolaus Sombart folgende Worte ĂŒbrig: „Eine Zauberin, wie sich herausstellte, der es gelang, diesen wilden Haufen, der da in ihr Reich hereinbrach, mit einem sanften, mysteriösen LĂ€cheln zu bĂ€ndigen. Sie hĂ€tte Melusine heißen mĂŒssen.“ Die Zuschreibungen, mit denen die MĂ€nner die Autorinnen bedachten, dienten dazu, letztere gleichzeitig abzuwerten und zu mythisieren – sie also ins Reich der Fiktion zu verbannen, wo sie ihnen als reale Personen und letztlich auch Konkurrentinnen nicht mehr gefĂ€hrlich werden konnten.

Seifert erzĂ€hlt anhand von zwölf verschiedenen Kapiteln, die sich meist auf eine oder mehrere der Schriftstellerinnen konzentrieren, wie es den weiblichen Schreibenden innerhalb der Gruppe 47 erging und wie sie stĂŒckweise aus dem kulturellen GedĂ€chtnis entfernt wurden. Dabei wird klar, dass den Frauen oft von Anfang an Steine in den Weg gelegt wurden, indem ihre Texte, die sich öfters mit Themen wie Mutterschaft, Paarbeziehungen, familiĂ€re Dynamiken und (weibliches) Alltagsleben befassten, abwertend in die Schublade der „Frauenliteratur“ gesteckt wurden, wĂ€hrend traditionell „mĂ€nnliche“ Themen wie zum Beispiel der Krieg als literaturfĂ€hige Sujets von allgemeinem Interesse angesehen wurden.

Die Dichtung, Dramentexte und erzĂ€hlerische Prosa der Frauen wurden somit oft unter dem genannten Etikett der „Frauenliteratur“ vermarktet und als solche in Rezensionen devaluiert. Die „SĂŒddeutsche Zeitung“ schrieb nach einer Tagung der Gruppe 47, wĂ€hrend der auch Ruth Rehmann ein Romankapitel mit dem Titel „Das erste Kleid“ vorgelesen hatte, die Autorin habe „ein ĂŒberaus heikles Thema zum Spitzentanz zwischen eleganter, psychologisierender ,Frauen‘-Literatur und vorbehaltloser Schriftstellerei hinaufstilisiert“.

Weder die Kritik noch die bei dem Treffen anwesenden MĂ€nner wollten in dem Vorgelesenen ein StĂŒck Hochliteratur sehen, das, obschon von einer Frau geschrieben und die weibliche Perspektive ins Zentrum stellend, die einengenden Grenzen der „Frauenliteratur“ – an sich schon eine sexistische und damit völlig unzulĂ€ssige Kategorie – durch seine Tiefsinnigkeit und sprachliche QualitĂ€t transzendierte. Was sich allgemein sagen lĂ€sst: Durch das besagte Label, das allen von Frauen geschriebenen Texten unweigerlich anhaftete, gerieten diese langsam in Vergessenheit.

Seifert fĂŒhrt unzĂ€hlige Beispiele an, die zeigen, wie schwer es die Frauen im Dunstkreis der Gruppe 47 hatten, wie ungerecht sie behandelt wurden. So durften die ,Herren der Runde‘ ihre Ehefrauen mitbringen, die fĂŒr das leibliche Wohl der MĂ€nner zu sorgen hatten, also fĂŒrs Kochen, Tischdecken und AbrĂ€umen zustĂ€ndig waren. Im Gegensatz dazu verwehrte man Gabriele Wohmann ihren Wunsch, von ihrem Ehemann zur Zusammenkunft begleitet zu werden. Eine BegrĂŒndung fĂŒr diese Entscheidung blieb aus, rĂŒckblickend rĂ€umte Richter ein, das sei „ziemlich ungerecht“ gewesen, er habe sonst eigentlich „verhĂ€ltnismĂ€ĂŸig emanzipatorisch“ gedacht. Auch mussten sich die Frauen wiederholt gegen das ĂŒbergriffige Verhalten ihrer mĂ€nnlichen Berufskollegen wehren, so versteckten sich letztere nachts auch mal in den KleiderschrĂ€nken, die in den Schlafzimmern der Frauen standen. Einmal lag in Ilse Aichingers Bett ein nackter Mann – ein junger Lyriker, den Richter in seinen Berichten ĂŒber die Gruppe 47 nicht namentlich nennen wollte und damit schĂŒtzte.

Letztlich möchte man als Leser*in bei nicht wenigen Passagen in „Einige Herren sagten etwas dazu“ verzweifelt die HĂ€nde ĂŒber dem Kopf zusammenschlagen. Aus heutiger Sicht ist vieles, das Seifert gekonnt in ihrem Buch zusammentrĂ€gt, kaum mehr nachzuvollziehen – auch wenn der Literaturbetrieb nach wie vor die Ungleichbehandlung von Frauen und anderen Personengruppen zulĂ€sst. Seiferts materialreiche Untersuchung ermöglicht es schreibenden Frauen von heute, sich in eine von MĂ€nnern nicht dominierte literarische Tradition zu stellen, und nennt viele Autorinnen, die man nun mit Freude neu entdecken kann. Da gibt es nur ein Haken: Zahlreiche Werke, die aus der Feder von Frauen stammen, sind inzwischen vergriffen oder nur noch antiquarisch zu erwerben.

Nicole Seifert: „Einige Herren sagten etwas dazu“. Kiepenheuer & Witsch, 352 Seiten.

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