US-Präsident Donald Trump hat das Asylrecht de facto abgeschafft. Flüchtlinge, die hofften, in die USA zu gelangen, sind in mexikanischen Grenzstädten gestrandet. Viele wollen sich nun erstmal dort eine neue Existenz aufbauen.

Früher waren hier ständig Gruppen von Flüchtlingen unterwegs, in der Hoffnung durch ein Schlupfloch in die USA zu gelangen: Der eingedämmte Flusslauf, der das in Mexiko gelegene Ciudad Juárez von El Paso im US-Bundesstaat Texas trennt, wurde auf der dortigen Seite stark fortifiziert. (Foto: Carolina Rosas Heimpel)
Pastor Francisco Gonzalez steht in der Vorratskammer und blickt auf die sich stapelnden Reissäcke, Milchtüten und Konservendosen. „Das hier war mal unser Schlafzimmer“, sagt er und lächelt. Das kleine Wohnhaus haben er und seine Familie schon vor fünf Jahren geräumt, um Raum für die Migrant*innenherberge „Vida“ zu schaffen. Geflüchtete aus Mittel- und Südamerika kommen seitdem hier unter. Das Haus steht im alten Fabrikarbeiter*innenviertel „Revolucion Mexicana“. Direkt daneben bietet ein Kirchensaal Platz für 200 Menschen. Die Stühle sind grün gepolstert. Ein Schlagzeug steht in einem schalldämpfenden Glaskasten, davor Mikrofonständer und Instrumente der Band, die den evangelikalen Gottesdienst begleitet. Rund 200 Flüchtlinge haben in den über dem Saal gelegenen Schlaf- und Aufenthaltsräumen im neu gebauten Obergeschoss Platz.
„Die Menschen wollen nach all den traumatischen Erlebnissen auf ihrem Weg ein Zuhause.“ Zu Fuß hätten sie es durch den Dschungel des Darién (dieser liegt auf der Landenge, die Süd- und Zentralamerika miteinander verbindet; Anm. d. Red.) geschafft und durch das von Kartellen kontrollierte Mexiko. In der Herberge abseits der großen Fabrikanlagen an der Hauptstraße, wo für den Weltmarkt Automobilelektronik hergestellt wird, konnten sie sich niederlassen. Ebenso die Binnenvertriebenen aus zahlreichen mexikanischen Bundesstaaten von Zacatecas bis Chiapas. „Die Kartelle verjagen die Familien nicht nur von ihrem Land; sie zwingen sie, ihnen die Papiere dafür zu übertragen.“ So hätten sie keine Felder und keine Häuser mehr, zu denen sie zurückkehren könnten. „Oft konnten sie nur mit dem, was sie am Leibe tragen aus den von den Kartellen kontrollierten Territorien fliehen.“
In sämtlichen Fragen hat Pastor Francisco für sie ein offenes Ohr. Er sitzt in seinem Büro, das dank der Glasfront für Ratsuchende einladend wirkt. Doch seit Donald Trump das Asylrecht der USA im Januar einfach abgeschafft hat, ist das höfliche Klopfen ans Glas selten geworden. „Nur noch wenige Geflüchtete und Vertriebene bleiben bei uns in der Herberge“, sagt der Kirchenmann. Als der Amtsantritt von US-Präsident Donald Trump herannahte, war dieser hier angstvoll erwartet worden.
Über Nacht zu Papierlosen erklärt

Maria Padilla wurde auf ihrem Weg von Nicaragua in den Norden von einem Kartell entführt, hat es aber in die mexikanische Grenzstadt Ciudad Juárez geschafft. Jetzt arbeitet sie im Imbiss „Lolo’s“, denn der Traum, in die USA zu gelangen, bleibt ihr verwehrt. (Foto: Carolina Rosas Heimpel)
Die Schreckensmeldung erreichte die in der Grenzstadt Ausharrenden noch am Morgen der Amtseinführung: In der App „CBP One“, die einzige Möglichkeit, um zum von US-Expräsident Joe Biden digitalisierten Asylrecht Zugang zu finden („Asylantrag nur per App“; woxx 1738), waren alle bereits anberaumten Termine ersatzlos gestrichen. Die App selbst war über Nacht zynischerweise zur Meldeplattform zur „Freiwilligen Rückkehr“ umfunktioniert worden. Rund 1,2 Millionen Menschen, die unter Biden über die App ihren Asylprozess in den USA begonnen hatten sowie eine knappe Million, die einen humanitären Aufenthaltsstatus hatten, wurden von Trump über Nacht zu Papierlosen erklärt.
„Trotz der Tragik dieser politischen Kehrtwende haben es die Menschen gefasst aufgenommen“, sagt Pastor Gonzalez, ein großer schlanker Mann mit wasserblauen Augen. Es sei keine Panik ausgebrochen, keine Verzweiflung. „Wir hatten aber auch schon Vorarbeit geleistet und immer wieder auf den Plan B verwiesen, sich hier in Mexiko niederzulassen.“ Nur wenige Familien sind in Herbergen geblieben; die meisten haben sich auswärts eingemietet. Lediglich 625 Flüchtlinge und Vertriebene finden sich noch auf die 23 Häuser verteilt – zur Hochzeit beherbergten diese in den vergangenen Jahren bis zu 8.000 Menschen. In der großen gemütlichen Wohnküche neben der Vorratskammer geht es aber weiterhin hoch her. Eine Handvoll Frauen aus Kolumbien und Venezuela haben sich zusammengetan, um Mittagessen zuzubereiten. Ein fröhliches Stimmengewirr vermischt sich mit den Essensdämpfen aus großen gusseisernen Töpfen.
Wer in der Herberge Vida gelebt hat, bleibt dieser oft verbunden. So streamt Pastor Francisco von hier seinen Gottesdienst für die Menschen, die im vergangenen Jahr noch in die USA einreisen konnten. „Unter Trump, trauen sie sich nicht mehr auf die Straße. Wir bieten da eine digitale Gemeinschaft abseits der Gefahr, beim Kirchgang von der US-Einwanderungsbehörde ICE verschleppt zu werden.“ Auch WhatsApp-Gruppen aus den verschiedenen Epochen der Herberge bleiben weiter in Benutzung. „Per Sprachnachricht erfahren wir, wer vor der nächsten Asylgerichtsvorladung bangt. Wir beten mit den Betroffenen, dass die Termine verschoben werden.“ Denn bei diesen Terminen erfolgen Festnahmen und nur wer sich legal vertreten lassen kann, verliert nicht automatisch den Asylstatus. Doch Anwält*innen nehmen aktuell 15.000 Dollar pro Fall, fast das Doppelte im Vergleicht zum Vorjahr. „Viele können sich das nicht leisten.“ Es sei ein Teufelskreis.
„Trumps Politik bewegt sich völlig außerhalb der Menschenrechte“, bestätigt auch Schwester Antonia Aranda Díaz. Ihre Kongregation ist eine von fünf weiblichen Ordensgemeinschaften, die sich in Ciudad Juárez zusammengeschlossen haben, um Geflüchtete zu unterstützen. Es sind Frauen mit grauen Haaren, einfachen Blusen und Faltenröcken, die mit den Ärmsten der Armen leben. Und diese sind oftmals Geflüchtete. „Sie leben in extremer Armut, kämpfen gegen Depressionen und Angstzustände an und müssten eigentlich in Therapie, um all die Gewalterlebnisse zu verarbeiten, die sie in ihrem Herkunftsland und auf ihrer Flucht erlebt haben“, berichtet die Ordensschwester.
Trump contra kapitalistische Rationalität
Doch Trump hat den internationalen Organisationen, die sie an der Grenze unterstützen, den Geldhahn zugedreht. Das UN-Kinderhilfswerk „Unicef“, das UN-Flüchtlingskommissariat „UNHCR“, die „Internationale Organisation für Migration“ (IOM) und die großen Hilfsorganisationen, die aus den USA finanziert wurden – ihnen allen sind die Hände gebunden. Auf dem gesamten Kontinent stehen Menschen, die auf der Flucht sind oder in einem anderen Land leben wollen, heute alleine da. Programme für Therapien, legale Beratung, außerschulische Bildung, kulturelle Angebote fehlen. Es bleiben zumeist nur solidarische Gemeinden und Organisationen der Kirchen, die die Menschen mit dem Nötigsten versorgen. „Die Situation, die Trump schafft, ist fatal“, sagt Schwester Antonia.

US-Präsident Trump und sein amerikanischer Traum, von mexikanischer Seite aus gesehen: Plakat vor dem Institut für Architektur, Design und Kunst an der Autonomen Universität von Ciudad Juárez. (Foto: Carolina Rosas Heimpel)
Seine Politik sei rassistisch, diskriminierend und führe auf dem gesamten Kontinent in eine Wirtschaftskrise. In den USA stünden der Restaurantbetrieb, Bau, Pflege, Gebäudereinigung, Kinderbetreuung und die Schlachthäuser still, die Ernte liegt brach, aber es wird auch nichts mehr ausgesät. Verschleppungen und Entführungen durch ICE verbreiteten Terror und Angst. „Die Menschen können nicht mehr arbeiten und können deswegen auch ihren Verwandten in den Herkunftsländern, unterwegs oder an der Grenze kein Geld mehr schicken.“
Seit Trump erklärt habe, die Grenzen komplett dicht zu machen, wollten viele Migrant*innen in Ciudad Juárez bleiben. Die meisten hätten jedoch keine Papiere. „Entweder haben sie sie verloren oder irgendjemand hat sie ihnen weggenommen. Zu allem Überfluss wurde nun auch noch die Möglichkeit abgeschafft, den humanitären Aufenthaltsstatus zu verlängern“, so die Ordensfrau. Sie ist heute in der Stadt unterwegs, wo vereinzelte Gruppen aus Venezuela an den Kreuzungen der Hauptverkehrsstraßen Windschutzscheiben putzen.
An der vierspurigen Schnellstraße, die auf die Grenze zuführt, springen die Ampeln auf Rot. Die Mauer, die Mexiko von den USA trennt, ist hier in Sichtweite, direkt davor thront das rote gigantische „X“, das Wahrzeichen von Ciudad Juárez, das für Mexikanität steht und noch im benachbarten El Paso in Texas weithin sichtbar ist. Ein Dutzend Menschen strömen koordiniert auf die sich bildenden Autoschlangen zu und machen den Autofahrer*innen Zeichen, ob ihre Dienste gefragt sind.
Ein neues Zuhause?
Sonnengegerbte Gesichter und ausgemergelte Körper zeugen von den Strapazen eines Lebens auf der Straße. Ein Zwölfjähriger zählt stolz alle süd- und mittelamerikanischen Länder auf, in denen er in seinen jungen Jahren schon gelebt hat. „In Venezuela sind Lebensmittel rar und teuer; eine Gesundheitsversorgung gibt es nicht“, sagt sein Vater Ramón Gallardo*. Er habe dort ein kleines Geschäft gehabt, aber die Erpressung von Ladenbesitzer*innen sei in dem Land an der Tagesordnung. „Wir sind geflohen, weil wir bedroht wurden und ich meine Familie in Sicherheit bringen musste.“
Schwester Antonia informiert über die Suppenküche und Lebensmittelausgabe in den Kellerräumen der Kathedrale und über das einzige Krankenhaus in der Stadt, in dem Menschen ohne Papiere widerwillig, aber zuverlässig behandelt werden; in anderen Kliniken werden sie abgewiesen. Geflüchtete in Ciudad Juárez bräuchten eigene Räume, in denen sie Beratung für ein selbständiges Leben in der Stadt fänden, sagt Antonia. Die Ordensschwester träumt von einem interkulturellen Zentrum in Ciudad Juárez. „Menschen aus allen Teilen der Welt sollen sich austauschen können, sie sollen einen Raum haben, wo sie sich willkommen und zuhause fühlen, wo sie als neue Bürger und Bürgerinnen der Stadt empfangen werden.“ Ein Ort für sie sollte das sein und doch solle es auch die Möglichkeit geben, bei Aktivitäten und Veranstaltungen mit der lokalen Bevölkerung zu interagieren. Mit dem Bürgermeister habe sie schon gesprochen und auch mit Migrationsforscher*innen von der Universität, um diese für ihr Vorhaben zu gewinnen.
Auch wenn es noch keinen solchen Ort der Begegnung gibt, macht sich Schwester Antonia Gedanken, wessen es bedarf, damit Menschen hier ankommen können. „Wir bieten Geflüchteten Stadtführungen an, damit sie sich mit ihrer Umgebung vertraut machen können. Wir bringen sie zum Camino Real, der Umgehungsstraße in den Bergen mit Blick auf das riesige Ballungsgebiet, damit sie sich orientieren können, wo sie nun hier wohnen, wo Texas und New Mexico beginnen und wie sich Juárez nach Süden und Nordwesten zieht. Viele sagen, oh, ich dachte, das Zentrum von Juárez sei schon die gesamte Stadt.“ Ciudad Juárez ist eine Industriemetropole mit gigantischen Ausmaßen, riesigen Autostraßen und Wohnvierteln, die sich bis in die Wüste und die Bergkette über der Stadt ziehen. Die Mehrheit der in Ciudad Juárez lebenden Bevölkerung ist in den letzten Jahrzehnten zugezogen, um in den Montagefabriken an der Grenze zu arbeiten. Schwester Antonia hofft, dass auch die neuen Stadtbewohner*innen sich eines Tages hier zuhause fühlen.
Denn auch von jenseits der Grenze kommen Menschen an. Schon nahezu 83.000 mexikanische Staatsbürger*innen sollen laut Angaben der hiesigen Regierung hierher abgeschoben worden sein. Diese hatte schon vor dem Amtsantritt Trumps riesige Auffanglager in Tijuana und Ciudad Juárez errichten lassen und unterstützt Betroffene, die in ihre Herkunftsländer zurückkehren wollen, mit 2.000 Pesos, umgerechnet rund 100 Euro, für ihre Reise. Doch viele Abgeschobene haben Jahre oder gar Jahrzehnte in den USA gelebt und nicht alle haben noch Familie zu der sie zurückkehren können. Sie blieben lieber an der Grenze in Mexiko und suchten sich Arbeit. „Ich glaube, dass Trump noch viele Menschen abschieben wird, auf illegale und verfassungswidrige Weise“, sagt Schwester Antonia. „Die Bevölkerung von Ciudad Juárez wird deutlich anwachsen.“
Gekidnappt von den Kartellen
Direkt am Grenzzaun ist es ruhig geworden. Niemand campiert mehr auf der großen staubigen Freifläche vor dem Grenzstreifen, darauf hoffend, dass die „US Border Patrol“ vielleicht doch eines der Tore im Zaun öffnen wird. Auch die kleinen Menschengruppen gibt es nicht mehr, die man früher häufig gesehen hat: Die Rucksäcke geschultert, kleine Kinder an der Hand, in der sengenden Wüstensonne den Betonkanal des Rio Bravo entlangeilend, auf der Suche nach einem Schlupfloch in den Klingendrahtfeldern. Stille herrscht auch unter der Grenzbrücke Santa Fe, die die Stadtzentren von El Paso in Texas und Ciudad Juárez in Mexiko verbindet. Der Wind weht über den Müll hinweg, der ans Ufer geschwemmt wurde.

Seitdem US-Präsident Trumps das Asylrecht faktisch abgeschafft hat, stranden zahllose Menschen in Mexikos Grenzstadt Ciudad Juárez. Für viele gibt es weder vor noch zurück; ihnen bleibt ein ergezwungener Neustart. (Foto: Carolina Rosas Heimpel)
Die Menschen, die entlang der Grenze gestrandet sind, versuchen sich nun im Zentrum der mexikanischen Industriemetropole ein neues Leben aufzubauen, fern ihrer Familien in den Herkunftsländern und auch fern der Familienangehörigen, die es in die USA geschafft haben. Im kleinen Eckimbiss „Lolo‘s“ sind die Barhocker an der Außentheke voll besetzt, in der Küche stehen zwei Frauen an heißen gusseisernen Platten und bereiten Arepas, runde Maisfladen, zu. „Neben den einheimischen Burritos laufen die richtig gut“, sagt die Chefin. Sie und ihr Bruder sind aus dem mexikanischen Bundesstaat Sinaloa nach Ciudad Juárez an die Grenze gezogen. Ihre beiden Köchinnen sind aus Venezuela und haben das Rezept für die Arepas von dort mitgebracht. Auf einem der Barhocker wartet der honduranische Fahrer eines Lieferdienstes auf eine Essensbestellung. Nur die Kellnerin aus Nicaragua langweilt sich im gekühlten Innenraum des Eckimbisses, denn dort stehen die Tische leer. Maria Padilla streckt die Füße aus. Die 30-Jährige ist aus der nicaraguanischen Hauptstadt Managua. Interviews mit Journalist*innen hat sie schon damals in der katholischen Herberge gegeben, wo sie Unterkunft fand, als sie vor einem Jahr in Ciudad Juárez ankam. Damals habe sie immer weinen müssen, wenn sie von all den Schrecken, die sie in Mexiko erlebt hat, erzählte. Doch in der Herberge habe sie psychologische Unterstützung erhalten und heute läge der lange Weg hierher weit hinter ihr. „Nochmal würde ich dieses Risiko aber nicht auf mich nehmen“, sagt sie und „Gott sei Dank habe ich die Kinder bei meinem Mann und meinen Eltern gelassen.“
Es begann kurz hinter der Grenze bei Tapachula. Da nahm das Kartell „Jalisco – Neue Generation“ alle Flüchtlinge hoch, die klandestin den Grenzfluss Suchiate durchquerten. „Wer nicht zahlen konnte, wurde in einen Käfig gesteckt und jeden Tag verprügelt, solange, bis die Familie Geld überwiesen hat“, erinnert sich Maria mit Schaudern an die Praktiken der Bande. Bei ihrer Freilassung bekam sie einen Code in die Hand gedrückt. Wer einmal gezahlt hat, kann sich bei weiteren solcher „Kontrollen“ damit ausweisen und wird, zumindest vom gleichen Kartell, nicht ein zweites Mal entführt.
Von welchem Kartell die Vermummten waren, die auf der Nachtfahrt von Mexiko-Stadt nach Juárez in den Bus stiegen, weiß Maria nicht. Sie hat nur zitternd vor Angst genickt, als sie ihren Code zeigen sollte und durfte im Bus bleiben, der nach der nächtlichen Straßensperre nur noch halb besetzt weiter fuhr. Doch einen Tag später wurde sie am Militärstützpunkt von Samalayuca, gerade einmal eine Stunde von der Grenze zu Texas entfernt, aus dem Bus gezogen und nach Veracruz zurückgeschoben. Einige Monate später gelang es ihr, Transitpapiere zu bekommen und einen Flug in die Grenzmetropole Ciudad Juárez zu nehmen. Da blieben nur noch wenige Wochen bis zum Amtsantritt Trumps. „Ich versuchte Tag und Nacht eine Asylvorladung über die App CBP One zu bekommen, aber ich hatte keine Chance.“ Als Trump am 20. Januar Präsident wurde und das Recht auf Asyl in den USA de facto komplett abschaffte, wusste Maria, das ab jetzt ein noch längerer Atem gefragt sein würde.
Die USA sei ihr Ziel, nach wie vor, sagt sie. Nicht, um dauerhaft dort zu leben – nur um ein, zwei, drei Jahre etwas zu verdienen und dann mit einem kleinen Guthaben nach Hause zurückzukehren. „Oft überkommt mich die Einsamkeit und ich würde gerne sofort zurück“, sagt Maria. Aber dann reden ihre Brüder in New York ihr zu und sagen: „Was willst du denn zuhause?!“
Erstmal wartet Maria ab, vielleicht bis Trump wieder weg ist, vielleicht bis sich irgendwas an der Grenze tut. In Ciudad Juárez hat sie auf dem Bau in der Inneneinrichtung gearbeitet. Böden verlegen, Schweißen, Wände verputzen – all das hat sie dort gelernt. „Aber sie haben uns als Migranten unglaublich schlecht behandelt. Ich habe Depressionen bekommen von der ständigen Erniedrigung.“ Da ist sie im Eckimbiss Lolo‘s wesentlich glücklicher. „Hier geht es familiär zu, das Team ist multinational, aber Nationalität spielt tatsächlich gar keine Rolle.“
In Nicaragua habe sie eine Ausbildung zur Krankenschwester begonnen, diese aber nicht abschließen können. „Nach außen behauptet die Regierung, dass alles in bester Ordnung sei, aber das Land wird von einer Diktatur beherrscht und geht den Bach runter.“ Falls sich die Situation an der Grenze nicht mehr ändere, versuche sie in Mexiko zu bleiben und ihren Mann und ihre Kinder nachzuholen. „Hier lebt es sich gut. Ich fühle mich sicher.“ Die Polizei lasse einen in Ciudad Juárez in Ruhe, ebenso die Kartelle. „Ich bewege mich hier im Zentrum zu Fuß und kenne viele Menschen aus aller Welt, aus Kolumbien, Haiti, Venezuela, Guyana. Wir sind alle in derselben Situation.“ Eine Möglichkeit, in die USA zu gelangen sieht sie derzeit nicht mehr. Aber auch der Weg zurück nach Nicaragua sei weit. Wie Maria warten auf viele, die in einer ähnlichen Lage sind, in ihrem jeweiligen Herkunftsland nur miserable Löhne, mangelnde Gesundheitsversorgung, Bandenkriminalität und korrupte Regierungen.

