KARIKATUREN: „Ich gehe davon aus, selbst eine Witzfigur zu sein“

Guy W. Stoos ist seit 20 Jahren Zeichner der woxx und damit der dienstälteste freie Mitarbeiter unserer Zeitung. In unserem Interview tauscht er ausnahmsweise Bild gegen Wort.

Zeichnet, filmt, gibt Interviews: Guy W. Stoos. Nebenbei stellt er auch noch im Exit07 aus, bis zum 30. November.

woxx: Wann wurde dir bewusst, dass die Motive, die du zeichnest, Karikaturen sind?

Guy W. Stoos: Das muss auf der Schulbank gewesen sein, als ich anfing meine Lehrer zu malen. Aber es hat dann noch eine ganze Weile gedauert, bis ich begriff, was ich da tat. Jedenfalls waren meine Eltern nie besonders erfreut über mein Talent, denn die Hälfte der Schulhefte ging für Zeichnungen drauf.

War Zeichnen für dich schon immer mit der Idee verbunden, dich zur Wehr zu setzen?

Ja, diese Verbindung gab es schon ganz früh bei mir.

Wie kam es zu deinen ersten Veröffentlichungen?

Anfang der Siebzigerjahre erschienen die ersten meiner Zeichnungen in verschiedenen noch auf einfache Weise vervielfältigten Publikationen. Damals war der 68er-Geist endlich – mit der üblichen Verspätung – in Luxemburg angekommen. Und es war genau die Zeit, in der ich mich zu politisieren begann – ebenfalls mit Verspätung übrigens.

Du hast dich bis dahin nicht für Politik interessiert?

Nein, ganz und gar nicht. Das hat bei mir eine Weile gedauert. Ich war schon ein paar Jahre in den Arbeitsalltag integriert – das half mir, gewisse Zusammenhänge ziemlich schnell zu begreifen. Damals arbeitete ich noch als Buchhalter, nach zwei Jahren wechselte ich aber zur Informatik. Obwohl man das noch Mechanografie nannte und es nicht allzuviel mit der heutigen virtuellen Welt zu tun hatte. Das war die Zeit der Lochkarten.

Wie ging es dann weiter?

Ich engagierte mich immer mehr in alternativen Medien. Für die Asti – die auch in der Zeit gegründet wurde – habe ich eine Reihe Zeichnungen gemacht. Um zum Beispiel für das Wahlrecht für Fremdarbeiter zu kämpfen. Und ich begann Trickfilme zu drehen. Ganz einfache Schiebetrickfilme. Ich hatte damals schon eine ganze Reihe Möglichkeiten, um mich auszudrücken.

In wessen Auftrag hast du diese Filme gedreht?

In meiner Freizeit gehörte ich einem Cineastenclub an. 1973 nahm ich eine Kolumne von Art Buchwald aus der Herald Tribune zur Vorlage für einen Trickfilm und gab damit den Anstoß für ein ökologisches Bewusstsein in unserem Land. Die Kolumne hieß „Earth Day“ und erzählte die Geschichte der Menschheit und deren Verfehlungen. Man verlieh mir prompt die Goldmedaille des nationalen Cineastenvereins, auch deshalb, weil es damals etwas relativ Neues war, in Luxemburg einen Zeichentrickfilm zu produzieren. Im Jahr darauf erhielt ich nur noch die Silbermedaille für eine Animation zum Thema Ölkrise, da hatten die schon die Nase voll von den kritischen Themen.

Welchen anderen Aktivitäten bist du damals nachgegangen?

In der frisch ins Leben gerufenen Spillfabrik, die Kindertheater produzierte habe ich die Dekors gebaut. Ich bin mit beiden Füßen voran in diese kreativen Sphären gesprungen. Später, in den Achtzigern, war ich auch Mitbegründer der Billerfabrik, wo wir Filme produzierten. Ich kann mich erinnern, dass ich während einer Sommerakademie einen Workshop über Videoarbeiten hielt. Man hatte mich gefragt, weil ich das Material zu Verfügung hatte. Nebenbei arbeiteten wir auch viel mit Behinderten. Das Ganze kann man als alternative Medienarbeit mit Video bezeichnen. Der Höhepunkt war für mich, dass ich 1985 in Brasilien mit Markus Franz ein Video drehen konnte.

Zu welchem Thema?

Die Arbed und deren Werke in Brasilien. Mitte der Achtziger hatte das Unternehmen behauptet, dass es sich in Südamerika vorbildlich engagiere und seinen Arbeitern sogar den doppelten Mindestlohn auszahle. Wir haben dann einiges davon widerlegt und unsere Recherchen wurden sogar im Parlament diskutiert.

Was habt ihr in Brasilien herausgefunden?

Das mit dem doppelten Mindestlohn stimmte sogar. Dumm nur, dass man zum Überleben mindestens viermal soviel brauchte, wenn man eine Familie hatte. Das erklärte auch, wieso an jeder Straßenecke Kinder standen, die Autofenster putzten. Nebenbei haben wir auch noch die Methoden, mit denen die Arbed sich Grundbesitz verschaffte, aufgedeckt. Daher auch der Titel des Films „5 Liter Schnaps fir 1.000 Hektar Land“. Das Personal der Arbed hat damals absichtlich Leute betrunken gemacht, damit sie vorformulierte Verträge unterschreiben. Als die Leute wieder zu sich kamen, hatten sie fast alles verkauft, was sich seit Jahrhunderten in Besitz ihrer Familie befand.

Hat der Film etwas an den Zuständen verändert?

Nein, wir sind damit zwar durchs Land getingelt und haben den Film in Kneipen, Vereinshäusern und Kulturzentren gezeigt und dabei Geld eingesammelt. Dabei haben wir nie Eintritt verlangt, sondern nur kleine Spenden, die wir dann nach Brasilien schickten, um die dortigen Gewerkschaften zu unterstützen. Aber das waren auch nur Tropfen auf den heißen Stein – zumal das brasilianische Gewerkschaftssystem denkbar schlecht organisiert ist: Es gibt dort keine großen Gewerkschaften, sondern eine für jeden Betrieb. Das macht die Organisation schwieriger, so werden die Leute klein gehalten. Unsere Kontaktpersonen dort unten wurden mit Prozessen überzogen, sie hätten Millionen benötigt, um diese Rechtsstreitigkeiten auszufechten. Da konnten unsere 150.000 Luxemburger Franken auch nicht viel ausrichten.

Ende der Achtzigerjahre wurdest du dann vom Grengespoun angesprochen.

Ich hatte damals auch schon für andere Zeitungen gearbeitet, deshalb lag es auf der Hand, mich zu fragen. Ich hatte bereits für das Luxemburger Land gezeichnet und sogar eine kurze Karriere im Tageblatt. Aber diese Zusammenarbeit hat nicht angedauert. Damals war Fernand Weides noch Chefredakteur und bei der dritten oder vierten Zeichnung hat Danièle Fonck nicht mehr verstanden, worum um es mir eigentlich ging. Sie meinte dann, wenn sie es schon nicht kapiere, könne es ihren Lesern nur schlimmer ergehen. Da habe ich die Zusammenarbeit beendet.

Hättest du damals gedacht, dass dein Engagement beim Grengespoun 20 Jahre dauern würde?

Zu Anfang sah es nicht danach aus. Sich in der hiesigen Presselandschaft einen festen Platz zu verschaffen ist sicher nicht einfach und immer ein Risiko. Da die Presse hier eben so debil ist, dass jede Zeitung einer Partei, Kirche oder sonstigen Institution anhängt, kommt man als unabhängiges Medium eben nicht so schnell weiter. Der Kampf des Grengespoun, überhaupt an Pressehilfe zu kommen, sagt ja einiges darüber aus. Zumal der Staat immer gern tönt, er unterstütze den Pluralismus. Am Ende diente die Pressehilfe doch immer nur den großen Blättern und das ist auch heute noch so. Die Devise lautet: Hauptsache, das „Wort“ bekommt das dickste Stück vom Kuchen, das ist jedenfalls mein Eindruck.

Gibt es einen Unterschied zwischen deinen Karikaturen in der woxx und denen in anderen Publikationen?

Mein Problem ist, dass ich über all die Jahre hinweg eine gewisse Routine entwickelt habe, mit der ich die Themen angehe. In diesem Sinne ist die woxx auch immer eine kleine Herausforderung, da hier auch Themen besprochen werden, die nicht auf der Tagesordnung stehen. So bin ich gezwungen, anders zu arbeiten als ich es zum Beispiel für den „Feierkrop“ oder „goosch.lu“ mache. In dieser Hinsicht ist die Arbeit für die woxx interessanter. Ich muss mich selbst mit dem Thema auseinandersetzen und muss recherchieren, ehe ich zeichne, auch wenn ich unter Zeitdruck stehe.

Wie sieht so ein Arbeitsablauf aus?

Zunächst lese ich natürlich den Text, den mir ein Redakteur geschickt hat und vergleiche ihn mit anderen Texten aus ähnlichen Publikationen oder schaue im Internet nach. Gewöhnlich finde ich jedoch schon im Ursprungstext thematische Aspekte, wo ich mich einklinken kann.

Ist es nicht schwer, jede Woche auf Kommando witzig zu sein?

Ich gehe davon aus, selbst ein wenig eine Witzfigur zu sein, das macht die Sache erheblich einfacher. So bin ich auch auf der richtigen Frequenz, wenn es darum geht, einen ernsteren Artikel zu illustrieren.

Gibt es Zeichnungen, die du bereust, mit denen du zu weit gegangen bist?

Nein, zu weit nicht. Aber als ich vorletzte Woche die Ausstellung in der Kulturfabrik besichtigte, die politische Plakate rund um 1968 zeigt, bin ich auf einige meiner Jugendsünden gestoßen, die zwar zum Teil immer noch ihre Qualitäten haben, deren Stil mir jedoch nicht mehr gefällt. Damals bestanden meine Figuren hauptsächlich aus ein paar Strichen. Mit der Zeit habe ich über dem Zeichnen tatsächlich Zeichnen gelernt. Obwohl ich auch heute immer noch versuche, so wenig wie möglich in eine Zeichnung einzubringen, wenig Details oder Hintergrund. Vor allem habe ich es irgendwann fertig gebracht, Politiker zu malen, die man wiedererkennen kann.

Wer ist dein Lieblingsopfer?

Luc Frieden zu malen ist schon fast ein Automatismus geworden. Das kommt davon, dass er auf meiner „Wen hassen Sie am Liebsten?“-Liste ganz oben steht. Bei ihm oder bei Juncker brauche ich auch keine Fotovorlage mehr. Für irgendwelche Hinterbänkler oder andere Figuren des öffentlichen Lebens ziehe ich mein Fotoarchiv zu Rate.


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