OSTTIMOR: Kein Platz für Märtyrer

von | 21.02.2008

Der Guerillero in Zeiten seiner Überflüssigkeit: An der zunehmenden Stabilisierung Osttimors wird das Attentat auf Präsident Ramos Horta vermutlich nichts ändern.

Noch ist nicht vollständig erwiesen, wie es zu dem Schusswechseln kam, bei denen vier Männer zu Boden sanken (woxx 941). Während Präsident José Ramos Horta und ein Bodyguard schwer verwundet wurden, standen der Rebellenführer Alfredo Reinado und einer seiner Kämpfer nicht mehr auf. Die zum Teil widersprüchlichen Zeugenberichte ergeben ein bruchstückhaftes Bild.

Am 11. Februar, gegen sechs Uhr morgens, dringt Alfredo Reinado mit einer Handvoll Rebellen in die Präsidentenvilla ein, entwaffnet das Sicherheitspersonal und verlangt nach Ramos Horta. Doch Reinado begeht gleich zwei Fehler: Er weiß nicht, dass Ramos Horta sich auf seinem morgendlichen Spaziergang am Strand befindet und dass weitere Sicherheitsbeamte auf dem Weg sind, um ihre Kollegen abzulösen. Als die Beamten eintreffen, eröffnen sie das Feuer auf die Rebellen. Eine Kugel durchschlägt Reinados Stirn.

Als Ramos Horta den Schusswechsel hört, eilt er zurück zur Villa, wahrscheinlich aus Sorge um seine Nichte oder im Glauben, er könne mit Reinado, den er gut kennt, verhandeln. Doch Reinado ist tot und die führungslosen Rebellen verzweifelt und wütend. Als Ramos Horta ihnen entgegenkommt, schießen sie ihn und seinen Bodyguard über den Haufen.

Kurz darauf umkreist ein anderer Trupp Rebellen das Haus des Premierministers Xanana Gusmão. Auch dieser Angriff verläuft nicht nach Plan. Gusmão hat bereits vom Attentat auf Ramos Horta erfahren und daraufhin sein Haus verlassen. Eine dritte Gruppe versucht den Wagen des Premierministers mit Schüssen in die Reifen zu stoppen, doch Gusmão bleibt unversehrt und entkommt zu Fuß.

Medien und Ermittler gingen zunächst von einem doppelten Attentat aus. Doch mittlerweile scheint die These einer missglückten Entführung wahrscheinlicher. Die Motive der Rebellen bleiben im Dunkeln: Was erhoffte sich Alfredo Reinado von einer Entführung?

Die Motive der Rebellen bleiben im Dunkeln: Was erhoffte sich Alfredo Reinado von einer Entführung des Präsidenten?

Die Verhandlungen zwischen der Regierung und den Rebellen schienen kurz vor einem erfolgreichen Abschluss. Anscheinend stellte Ramos Horta den Rebellen und den mit ihnen verbundenen 600 ehemaligen Soldaten, den so genannten peticionistas, deren Streik und anschließende Entlassung im Frühjahr 2006 eine folgenschwere Krise ausgelöst hatte, eine Wiedereingliederung in die Armee in Aussicht. Reinado, des fünffachen Mordes bezichtigt, sollte sich den Behörden Gericht stellen und später in einer Amnestie begnadigt werden. Wollte Reinado durch die Entführungen Druck auf die Regierung ausüben? Wähnte er eine Falle? Oder wollte er die Politiker entführen, um sie dann großmütig wieder freizulassen und sich so seine eigene Begnadigung zu verdienen?

Vielleicht fürchtete Reinado um den Rückhalt in seinen eigenen Reihen. Eine Woche vor dem Angriff nahmen 77 peticionistas eigenständig ein Angebot der Regierung an. Reinados Führungsanspruch und die Einigkeit seiner Anhänger schienen in Gefahr. Möglicherweise wollte Reinado die Front zur Regierung verhärten, um seine Truppe zusammenzuschweißen.

Bereits seit längerem drohte Reinado an Einfluss zu verlieren. Als der Major während der Krise 2006 zu den Waffen griff und desertierte, genoss er die Sympathien vieler Timoresen, vor allem junger Männer aus dem Westen des Landes, die sich um die Früchte des Befreiungskampfes betrogen sahen. Reinado wandte sich gegen zwei Fraktionen: die mehrheitlich aus dem Osten stammenden Veteranen der ehemaligen Befreiungsarmee Falintil, die den Kern der neuen timoresischen Armee bildeten, und die sogenannten Diplomaten, die die indonesische Besatzung im Exil verbracht hatten und nun die Regierung der Fretilin-Partei dominierten.

Die Wahlen im vergangenen Juli kippten die politischen Verhältnisse. Ramos Horta wurde mit den Stimmen von Reinados Sympathisanten zum Präsidenten gewählt. Die Demokratische Partei, die ihre Anliegen vertritt, ist nun Teil der Regierungskoalition. Gegen wen und für wen also konnte Reinado noch kämpfen? Zusehends kämpfte er vor allem für sich selbst. Vielleicht fürchtete Reinado, der sich nicht nur in Interviews als Kriegsheld und Volksbefreier gerierte, um seine Daseinsberechtigung, vielleicht klammerte er sich an die Logik des Krieges, der er seinen Ruhm verdankte. Von Anfang an war sein Kampf und sein Versteckspiel in den Bergen auch eine Neuinszenierung des Guerillakriegs, den die Falintil gegen die indonesische Besatzungsarmee geführt hatte.

Der Angriff der Rebellen am 11. Februar jedoch kam völlig unerwartet. Die Lage in Osttimor ist so friedlich wie lange nicht mehr. Die Gangs frustrierter Jugendlicher, die ihrerseits die Gewalttaten der pro-indonesischen Milizen reinszenierten (woxx 889), sind unter Kontrolle. Die Investitionspolitik der neuen Regierung bringt die Wirtschaft in Gang und bietet den Einwohnern Perspektiven.

An der wachsenden Stabilität wird sich nichts ändern. Eher im Gegenteil. Die Ereignisse werden vermutlich die Zersplitterung der Rebellen und peticionistas beschleunigen. Die timoresische Regierung wird den militärischen Druck auf die Rebellen erhöhen und gleichzeitig die Möglichkeit einer friedlichen Lösung offenhalten. Einige Rebellen haben sich bereits vom unrühmlichen Angriff auf die Volksvertreter distanziert. Auch Reinados Sympathisanten reagieren ruhig: Reinado galt als Kriegsheld. Er taugt nicht zum Märtyrer.

Gilles Bouché arbeitet als freier Journalist und lebt in Australien. Im vergangenen Jahr war er in Osttimor als Wahlbeobachter aktiv.

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