LAND GRABBING: „Faktisch umsonst“

Zur Person:
Henk Hobbelink ist Mitbegründer der internationalen NGO Grain, die er von Barcelona aus koordiniert. Seit 1990 unterstützt und berät Grain – zunächst im Themenbereich Biodiversität und Nahrungsmittelsicherheit – Kleinbauern und Soziale Bewegungen in den Ländern der so genannten Dritten Welt. Seit einigen Jahren beschäftigt sich die Organisation auch mit dem Phänomen des Land Grabbing (Landnahme), dem Aufkaufen oder Pachten ganzer Landstriche in den Ländern des Südens durch internationale Konzerne oder institutionelle Investoren aus den Industrie- oder Schwellenländern. Auf Einladung Luxemburger NGOs und der Universität Luxemburg referierte Henk Hobbelink vergangene Woche in Luxemburg über jüngste Entwicklungen in der Frage des Land Grabbing und der Folgen für die kleinen Produzenten in den betroffenen Regionen.

woxx: Seit wann gibt es das Land Grabbing in der heute bekannten Form?

Henk Hobbelink: Land Grabbing gibt es, seitdem die Menschen Land bewirtschaften. Aber seit 2008 breitet sich dieses Phänomen rasant aus. In diesem Jahr war zu beobachten, dass Banken und Investitionshäuser anfingen, Land aufzukaufen, beziehungsweise sich Nutzungsrechte zu sichern. In der Folge der Finanzkrise suchten sie nach neuen, sicheren und langfristig verfügbaren Möglichkeiten, Geld gewinnbringend zu investieren. Bis dahin war landwirtschaftliche Landnutzung für reine Finanzinvestoren eine eher komplizierte und teilweise schwer zu durchschauende Angelegenheit. Doch Krisen machen erfinderisch, und für viele Finanzinvestoren wurde Land Grabbing zu einem wichtigen Standbein. So entstanden richtige Agrarfonds, die Gelder zu diesem Zweck zusammentragen. Als, ebenfalls 2008, die Nahrungsmittelkrise dazu führte, dass bestimmte Grundnahrungsmittel auf dem Weltmarkt erheblich teurer wurden, suchten einige Staaten, die stark von Nahrungsmittelimporten abhängig sind, nach Möglichkeiten, sich in Drittländern Versorgungsbasen aufzubauen. Das waren vor allem die Golfstaaten, aber auch China, Südkorea oder Japan, zum Beispiel.

Gibt es Schätzungen, wie verbreitet diese Form der Landaneignung in Drittländern ist?

Es ist ziemlich schwer, sich hier einen Überblick zu verschaffen. Die Weltbank spricht von weltweit 40 Millionen Hektar, die auf diese Weise genutzt werden, wovon allein die Hälfte auf den afrikanischen Kontinent entfällt. Aber es ist nicht nur die Größe dieser Flächen, die zu denken gibt, sondern auch der Umstand, dass es sich jeweils um hochwertiges, leicht zu bewässerndes Land handelt. So haben im von Unterernährung geplagten Äthiopien zwei Investoren aus Indien und einer aus Saudi-Arabien die Nutzungsrechte an rund eine Million Hektar besten Ackerlandes erworben. Auch Mosambik hat sich diesem neuen Verfahren sehr stark geöffnet und 2,6 Millionen Hektar Land zum Verkauf oder zur Pacht bereitgestellt. In Liberia handelt es sich um 1,6 Millionen Hektar und im Sudan, laut Weltbank, sogar um 3,9 Millionen. Diese Zahlen sind nicht einfach zu überprüfen und sind oft das Ergebnis von Einzelerhebungen, die nicht immer mit den gleichen Methoden und Konzepten operieren. Aber die enorme Größe der betroffenen Flächen verdeutlicht, wie sehr es sich hierbei tatsächlich um eine rapide um sich greifende strukturelle Veränderung handelt. Und wir beobachten das nicht nur in Afrika, es gibt auch viele Beispiele in Lateinamerika und Asien und sogar in einigen Staaten, die früher zur Sowjetunion gehörten.

Wie kommt es, dass gerade Länder mit schlechter eigener Versorgungslage dem Land Grabbing ausgesetzt sind?

Wir haben das an einem Fallbeispiel, der Gambella-Region in Äthiopien, genauer studieren können. Es handelt sich um eine Landfläche an der Westgrenze zum Sudan, die sowohl vom Blauen Nil als auch von den Wasserreserven der Hochplateaus profitiert. Hier hat sich der indische Lebensmittelriese Karuturi – der auch der weltgrößte Vertreiber von Blumen ist ? 300.000 Hektar gesichert. Daneben hat die indische Ruchi Soya 200.000 Hektar durch Kauf erworben. Hauptakteur ist aber die mit dem saudischen König verbandelte saudi-arabische Investitionsfirma Al Amoudi, die 500.000 Hektar der Flächen bewirtschaftet. Diese drei zusammen haben damit fast die halbe Provinz unter ihrer Kontrolle.

Krisen machen erfinderisch. So entstanden richtige Agrarfonds, die Gelder für Land Grabbing zusammentragen.

Wir müssen uns nun nicht nur um die verschiedenen Bevölkerungsgruppen, die in dieser Region leben, Gedanken machen ? es stellt sich auch die Frage nach der Nachhaltigkeit der landwirtschaftlichen Bewirtschaftung überhaupt. Der Hauptanreiz, sich in dieser Region niederzulassen, war sicherlich die Verfügbarkeit des Wassers. Doch eine industrielle Nutzung des Landes benötigt enorme Mengen davon ? die den Wasserläufen entzogen werden, und damit den anderen Ländern flussabwärts, Sudan und Ägypten, nicht mehr zur Verfügung stehen. Niemand hat sich bislang Gedanken darüber gemacht, welchen Impakt eine stark auf Bewässerung ausgerichtete Landwirtschaft einer solchen Größenordnung auf die Umwelt und das regionale Klima haben wird. In dem genannten Beispiel sind es vor allem große internationale Nahrungsmittelkonzerne, die die Landnahme betreiben. Aber es gibt auch genügend Fälle, wo es sich um große Finanzinvestoren handelt, wie etwa die Deutsche Bank. Die Deutsche Bank stellt aber nicht nur einfach Gelder zur Verfügung, die sie über einen eigenen Agrarfonds zusammenträgt, sondern agiert auch selber vor Ort, so zum Beispiel in Kambodscha. Wir sehen auch immer mehr Pensionsfonds – u.a. holländische und schwedische – die mit Landaufkäufen spekulieren.

Wird denn generell auf all diesen Flächen das Land auch bewirtschaftet?

Das wissen wir oft nicht genau. Manchmal geht es nur um reine Spekulation, weil die Kontrolle von landwirtschaftlich nutzbarem Land allein schon gewinnbringend ist. Aber das äthiopische Beispiel ist typisch für eine direkte, schrittweise Bewirtschaftung mit enormem Einsatz an Kapital. Das erste, was einem ins Auge fällt, wenn man in Äthiopien aus dem Flugzeug steigt, ist die enorme Zahl von Traktoren modernster Bauart, die am Flughafen auf ihre Auslieferung an Karuturi warten. Als erstes nach der Vertragsunterzeichnung bestellte der saudische Investor Al-Amoudi Caterpillar-Maschinen im Wert von 80 Millionen Dollar. In Äthiopien wurde letztes Jahr die erste Ernte in großem Stil eingefahren und exportiert. Wir haben jetzt Rückmeldungen einiger dort ansässiger Gemeinschaften bekommen, dass ihnen inzwischen untersagt wurde, die betroffenen Ländereien weiter zu nutzen.

Wohin gehen die auf diesen Flächen produzierten Nahrungsmittel?

Im Falle des saudi-arabischen Investors in Gambella besteht ganz klar die Absicht, direkt für den Markt in Saudi-Arabien zu produzieren. Den Saudis ist klar, dass die in den letzten Jahren in der heimischen Wüste aufgebaute landwirtschaftliche Produktion keine Zukunft hat, weil das Wasser aus sehr tief liegenden Grundwasserschichten kommt, die sich nicht regenerieren. Deshalb hat man sich Regionen wie Gambella ausgesucht, um die eigenen Bewässerungsanlagen, wie geplant, ab 2016 außer Betrieb setzen zu können. Qatar hat ein ähnliches Vorhaben in Kenia. Auch dort ist es ein privatwirtschaftliches Investitionshaus, das als Akteur auftritt, doch bestehen enge Verbindungen mit der Herrscherfamilie, die an einer Eigenversorgung des heimischen Marktes stark interessiert ist. Karuturi aus Indien ist hingegen ein global operierender Agrarinvestor, der für den Weltmarkt produzieren lässt. Im Falle Chinas ist die Sache etwas weniger klar, doch kann man davon ausgehen, dass die chinesischen Konzerne Land Grabbing eher als Investitionsvorhaben sehen und deshalb für den Weltmarkt produzieren. In einzelnen Fällen wird aber auch direkt für heimische Bedürfnisse produziert. Da wir aber in den seltensten Fällen Einsicht in die einzelnen mit den offiziellen Stellen geschlossenen Verträge haben, ist es nicht einfach, zu erfahren, was genau geplant ist. Und manchmal ist auch für die Investoren nicht von vornherein klar, was mit der einmal eingefahrenen Ernte passiert. Je nach dem Weltmarktpreis für die angebauten Nahrungsmittel kann die Entscheidung so oder so ausfallen. Es gibt auch Fälle, wo die Produktion an das UN-Nahrungsmittelprogramm verkauft wird und danach teilweise in der Form von Nahrungsmittelhilfe an das Ursprungsland zurück geht …

Gibt es denn auch Beispiele, bei denen die Gastländer einen Nutzen aus dem Deal ziehen?

Hier kommt es wesentlich darauf an, wer verhandelt. Die Weltbank würde gerne einen Verhaltenskodex durchsetzen, der es erlaubt, aus den Verträgen eine „win-win“-Situation entstehen zu lassen. Sie ignoriert dabei aber, dass die international durchgesetzten Regeln zum Schutz von Fremdinvestoren den Ländern erst gar nicht erlauben, den ausländischen Konzernen bestimmte Vorschriften zu machen, also zum Beispiel die, einen Teil der Produktion für einen bestimmten Preis in der Ursprungsregion abzusetzen. Eine derartige Klausel würde nach diesen Regeln einen unzulässigen Eingriff in den freien Markt darstellen.

Es gibt auch Fälle, wo die Produktion teilweise in der Form von Nahrungsmittelhilfe an das Ursprungsland zurück geht.

Sind die Industrieländer am Land Grabbing nicht beteiligt?

Doch, die großen Agrarkonzerne verdienen natürlich mit an diesem strukturellen Wandel. Wenn auch weniger durch direkte Landnahme als dadurch, dass sie die Prozesse vor und nach der Produktion kontrollieren. Sie liefern Landmaschinen, aber auch Pestizide und Düngemittel. Und sie sind an der weltweiten Vermarktung der Produktion beteiligt. Außerdem stehen sie den Banken und Investitionshäusern des Nordens mit ihrer Expertise zur Verfügung.

Gibt es eine Schätzung, wie groß die weltweiten Reserven für diese Veräußerungen sind?

Die Weltbank meint dazu etwas zynisch, dass die einzige Grenze der Himmel ist. Es gibt Studien, die Flächen, etwa im Kongo, in Äthiopien oder sonst wo, als nicht- oder unterbenutzt einstufen. Natürlich sind derartige Klassifizierungen falsch. Es genügt, vor Ort die lokalen Verantwortlichen zu befragen, um schnell herauszufinden, dass ein angeblich ungenutztes Areal doch von einheimischen Gruppen genutzt und bewirtschaftet wird. Nur eben ohne Besitztitel und mit Methoden, die weniger sichtbar, dafür aber umso nachhaltiger sind.

Entstehen denn nicht auch neue Arbeitsplätze; das Land muss ja auch bewirtschaftet werden?

Die intensive Form der Landwirtschaft setzt eher auf Mechanisierung als auf Menschen. Wir haben es in Gambella erlebt: Die Leute werden nicht nur vom Land vertrieben, sie verlieren oft auch den Zugang zum Wasser. Auch wenn Gambella nicht dicht bevölkert ist, so wird die Folge sein, dass Tausende ihre Existenz verlieren und am Ende das Heer der Arbeitslosen in den urbanen Slums noch vergrößern. Es ist schon erstaunlich zu sehen, dass in Äthiopien das Land für 90 Jahre, also sozusagen für die Dauer von drei Generationen, abgetreten wurde – zu einem Preis der bei einem Dollar pro Hektar pro Jahr liegen dürfte, mit anderen Worten: faktisch umsonst.

Wo fallen denn die Entscheidungen, diese Landflächen für so lange Zeit abzutreten?

Äthiopien ist ein sehr zentral regiertes Land. Die Deals mit den Investoren werden in der Hauptstadt abgeschlossen, von Beamten die vermutlich die Region, die sie veräußern, nie zu Gesicht bekommen haben. In Ländern wie Ghana sind es eher die lokalen Führer, die mit den Landnehmern verhandeln. Aber auch hier ist es oft schwer, die genauen Bedingungen der Verträge herauszufinden, zumindest nicht, bis sie unter Dach und Fach sind. Sind sie einmal abgeschlossen, ist es kaum noch möglich, so etwas wie ein Bleibe- oder Nutzungsrecht der Einheimischen hineinzuschreiben. Für die Autoritäten bedeuten diese Verträge ja vor allem Geld, ? in Form großer Kaufsummen oder regelmäßiger Zahlungen, mit denen die stark unterfinanzierten Staatsapparate unterhalten oder bestimmte Investitionen realisiert werden können. Es sind aber auch die Vorstellungen von einem bestimmten Entwicklungsweg, die bei den dortigen Eliten vorherrschen und es den Investoren leicht machen, sich Land anzueignen.

Siehe auch:
www.grain.org
www.farmlandgrab.org
www.astm.lu


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