EXPO: Nachtstücke im Blitzlicht

Ein einsamer, vertrockneter Strauch, der unserer Wahrnehmung bei Tageslicht völlig entgeht, kann nachts zu einem Schreckensgespenst werden, zu einem Fixpunkt unserer Angst, der unsere Schritte und unseren Herzschlag beschleunigt. In der Dunkelheit irren unsere Sinne und sind wahllos auf der Suche nach Halt. Mit ihrer Ausstellung „Nachtstücke“ führen Dominique Auerbacher und Holger Trülzsch dem Besucher genau dieses „nächtliche Umherirren“ vor Augen, indem sie ihn in eine urbane Nachtwelt voller „hybrider Schatten“, raschelnder und lärmender Geräusche und unsichtbarer Unheimlichkeiten hineinversetzen.

Sind „Nachtstücke“ in der Malerei des 15. bis 17. Jahrhunderts Bilder, die eine besonders mystische und romantische Stimmung vermitteln, und in der Musik vorrangig barocke, eher langsame und melancholische Klavierstücke, so sind es in den urbanen Träumereien Auerbachers und Trülzschs schon fast Gegen-„Nachtstücke“. Kein Hauch von Träumerei, Kerzenlicht oder Schwermut. Im Gegenteil. Die romantische Verklärung der Nacht, wird hier zur einsamen und unheimlichen Dunkelheit. Satzfetzen wie „Des ombres hybrides de l’obscurité“, „Trésaillir de peur“, „Dans les lieux désertés“ durchziehen die 160 in Berlin aufgenommenen Nachtfotos der Installation. Der Besucher befindet sich in einem Raum völliger Dunkelheit bis plötzlich im Abstand von 30 Sekunden ein Stroboskop für einige Sekunden ein flackerndes Blitzlicht auf die unregelmäßig auf zwei rechtwinkligen Wänden angeordneten Fotos wirft. Nur in dem Moment des Lichtblitzes, kann der Zuschauer einen Blick auf die Bilder erhaschen, Motive und Wörter wahrnehmen. Schon wenige Sekunden später befindet er sich erneut in vollkommener Dunkelheit. Man nimmt reliefartig Sträucher, graue Mauern mit Graffiti, Bruchstücke von Zäunen, Wegränder, dunkle Häuserecken, verlassene Fahrräder, eine einsame Schaukel wahr. Allen Motiven sind die Menschenleere, die Nacht und eine Boden-Blick-Perspektive gemeinsam. Sie werden so zu den gesenkten Blicken und den raschen Schritten des einsamen Nachtspaziergängers, der krampfhaft versucht, seine Umgebung zu entziffern, doch immer wieder nur im kurzen Aufblitzen des Lichtes Bruchteile der Stadt wahrnehmen kann.

Beide, sowohl Auerbacher als auch Trülzsch greifen in ihrem künstlerischen Schaffen immer wieder auf diverse Medien zurück. Dominique Auerbacher befragt in ihren Werken, in denen sie Texte, Videos, Malerei und Geräusch kombiniert, insbesondere das Landschafts-Konzept und die Kunst als Mittel der Reflexion. Trülzsch arbeitet in als Bildhauer, Musiker, Maler, Fotograf und Videokünstler. Auch in der Ausstellung „Nachtstücke“ verbinden die beiden Künstler Fotos und Licht mit Text und Ton, um so einen Wirkungsraum zu schaffen.

Ein Gemisch aus Vogellauten, Autogeräuschen und Zuglärm begleitet den Zuschauer auf seiner Begegnung mit der Nacht, sodass die Wirkung der Ausstellung sich endgültig von ihrem eigentlichen Gegenstand löst. Der Zuschauer steht nicht vor einem fertigen Kunstwerk, sondern mitten in der Atmosphäre eines Moments, in dem man den Atem anhält, denn jeden Augenblick könnte etwas passieren.

Dennoch bleibt eine Frage offen. Warum ausgerechnet Berlin? Warum betonen die Künstler explizit in geschriebener Form zwischen den Fotos, dass sich der Besucher „dans la nuit de Berlin“ befindet, könnten die Motive doch an jedem beliebigen Ort aufgenommen worden sein? Vielleicht liegt gerade hier die Botschaft der Künstler. Abgelichtet wurden das Berlin, das in allen Städten steckt und die Alltäglichkeit, die Banalität, die eben auch in den Straßen Berlins lauert. Es spielt keine Rolle, wo wir uns befinden, die Einsamkeit der Nacht wird uns begleiten und die Unvollkommenheit unserer Sinne immer wieder deutlich machen.

Eine sehr kleine, aber sehenswerte Ausstellung, die Raum für Reflexion bietet und die einen Abstecher zur Galerie Nosbaum & Reding wert ist.

Bis zum 18. Juni in der Galerie Art contemporain Nosbaum & Reding.


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