GEWALT AN FRAUEN: „Es sind Ohnmachtssituationen“

Vergangenen Donnerstag referierte Martina Böhmer im „Cid Femmes“ über sexualisierte Gewalt an älteren Frauen. Im Interview mit der woxx berichtet die Fachberaterin für Psychotraumatologie von ihren Erfahrungen und erklärt, warum es wichtig ist, genau hinzusehen.

Martina Böhmer hat als Altenpflegerin gearbeitet und ist Fachberaterin für Psychotraumatologie, selbständige Beraterin und Referentin in der Altenpflege und Buchautorin. Vor eineinhalb Jahren hat sie in Köln die Beratungsstelle „Paula e.V.“ für Frauen ab 60 gegründet.

woxx: Sind ältere Frauen öfter Opfer von Gewalt und Misshandlungen als ältere Männer? Und wenn ja, woran liegt es?

Martina Böhmer: Das liegt daran, dass Frauen sowieso öfter Opfer von Gewalt sind. Ältere Frauen sind im Laufe ihres Lebens häufiger von Gewalt betroffen gewesen. Frauen haben im Gegensatz zu Männern häufig in ihrem Leben häusliche Gewalt erlebt und erleben sie zum Teil noch. Männer sind davon relativ selten betroffen. Ältere Frauen wurden möglicherweise zusätzlich im Laufe ihres Lebens Opfer von Kriegsgewalt. Da gibt es mittlerweile viele Studien. Die WHO hat herausgefunden, dass ca. 35 Prozent der Frauen weltweit von Gewalt betroffen sind – also mehr als jede dritte. Auch in Deutschland gibt es Studien, die besagen, dass jede vierte Frau Gewalt in der Ehe erlebt hat und jede fünfte Opfer häuslicher Gewalt ist.

Welche Formen von Misshandlungen erfahren ältere Frauen?

Bei älteren Frauen denken wir häufig an Gewalt in der Pflege. Wir zitieren ja oft alte Frauen und pflegebedürftige Frauen. Ältere und alte Frauen haben natürlich eine Vielzahl an Möglichkeiten, Gewalt zu erleben. Ich habe neulich noch gehört, dass eine 84-jährige Frau in die Beratung gekommen ist, weil sie Besuch von ihrem Anwalt hatte, der ihr bei ihrem Hausverkauf behilflich sein sollte und der sie dann zu Hause vergewaltigt hat. Also an sexualisierte Gewalt denkt man bei älteren Frauen häufig nicht. Deswegen ist es mir immer wichtig, das noch mal verstärkt zu betonen. Was wir oft im Kopf haben, ist, dass ältere Frauen auf der Straße angegriffen werden und ihnen von Junkies die Handtasche gestohlen wird. Aber dass ältere Frauen häusliche Gewalt erleben und auch sexualisierte Gewalt von Fremdtätern ? da denken wir häufig nicht dran, aber das kommt natürlich genauso vor. Ich kenne Geschichten von Pflegenden, die alte Frauen missbrauchen oder vergewaltigen. Das dringt natürlich nicht an die Öffentlichkeit. Häufig können ältere Frauen das gar nicht anzeigen, oder es wird ihnen nicht geglaubt. Ich denke, auch da ist die Dunkelziffer hoch. Ich habe hier in Köln vor eineinhalb Jahren eine Beratungsstelle für Frauen ab 60 gegründet. Es kommen Frauen in die Beratung, die gestalkt werden, die häusliche Gewalt erleben von ihren Männern. Eine über achtzigjährige Frau in meiner Angehörigengruppe hat berichtet, dass sie seit 50 Jahren häusliche Gewalt von ihrem Mann erlebt. Also dieses Thema ist sehr präsent im Bewusstsein. Fatal finde ich, dass häufig an Gewalt in der Pflege gedacht wird und dann immer wieder die Begründung kommt: Überforderung. Aber da gibt es auch noch ganz andere Gründe.

Ist die Gefahr, dass Frauen Opfer von Misshandlungen werden, bei einer Demenz größer?

Also es gab einem Jahr eine Studie, die besagte, dass Frauen mit Behinderung zu über 50 Prozent sexuelle Übergriffe erleben. Frauen mit Demenzerkrankungen mag ich davon nicht ausschließen. Das ist ja auch eine Behinderung. Da gibt es natürlich keine gesicherten Zahlen, weil man sich das nicht genau ansieht. Ich finde, dass die Diagnose „Demenz“ so schnell gestellt wird, ist häufig schon Gewalt an einer Frau, weil die dann in ein entsprechendes Demenzprogramm gesteckt wird. Und bei einer alten Frau wird da nicht so genau geprüft, ob die Symptome, die sie hat, zum Beispiel Übererregtheit, möglicherweise etwas mit aktueller Gewalt zu tun haben. Bei der Diagnose „Demenz“ profitiert auch immer die Pharmaindustrie. Die Diagnose „posttraumatische Belastungsstörungen“, die meiner Meinung nach oft vorliegt, hätte ganz andere Konsequenzen, denn dann man müsste mit dieser Frau zunächst einmal Gespräche führen oder ihr sogar eine Traumaberatung oder -therapie verordnen.

Welche Rolle spielen Kriegserfahrungen und frühkindliche Traumata? Welche Rolle sexuelle Übergriffe? Und wo beginnt ein solcher Übergriff?

Natürlich prägen Gewalterlebnisse eine Frau und spielen in ihrem Leben auf vielfältige Weise eine Rolle. Es sind Ohnmachtserfahrungen, die eine Frau gemacht hat, und je nachdem, wie früh diese eingesetzt haben, wie häufig sie waren und wie heftig, begleiten sie sie ein Leben lang, wenn sie nicht aufgearbeitet werden. Und das Problem ist, dass Gewalterfahrungen, traumatische Gewalterfahrungen, in einer Situation entstehen, in der eine Frau sich nicht wehren kann und alles über sich ergehen lassen muss. Diese Ohnmachtssituation wird sie versuchen zu vermeiden. Im Alter, wenn eine Frau pflegebedürftig oder auch dement wird, ist sie wieder in so einer Situation der Ohnmacht, in der sie auf andere angewiesen ist, in der andere Menschen Dinge mit ihr tun, sicher auch wohlgemeinte, aber dennoch so, dass sich wieder eine Ohnmachtssituation ergibt. Bei vielen Frauen kommen traumatische Erfahrungen im Alter an die Oberfläche, und es treten dann eine Vielzahl von Symptomen auf, die missgedeutet und oftmals eben als Demenz diagnostiziert werden.

„Das Problem ist immer, dass die Betroffenen sich schämen, und nicht die Täter. Das ist leider weltweit und seit Jahrtausenden so.“

Wie groß ist die Scham davor, mit diesen Erfahrungen an die Öffentlichkeit zu treten?

Das ist ja bei jungen Frauen genauso. Das Problem ist immer, dass die Betroffenen sich schämen, und nicht die Täter. Die Täter schreiben Bücher und sind auf Buchmessen vertreten. Ich denke da an Kachelmann zum Beispiel oder an Franck Ribéry. Der wurde trotz sexuellen Missbrauchs zum besten Fußballer Europas gekürt. Also die Täter schämen sich nicht, es sind die Opfer. Das ist leider weltweit und seit Jahrtausenden so. Deshalb fällt es älteren Frauen natürlich schwer, zu sagen: „Ich bin missbraucht worden“. Es hat ja auch gar keinen Sinn, wenn sie nicht auf Verständnis treffen, wenn sie keine Unterstützung bekommen. An diesem Problem arbeite ich nun seit vielen Jahren. Ich versuche Verständnis dafür zu wecken, dass viele ältere Frauen Gewalt erlebt haben. Aber – zumindest hier in Deutschland – können nur die darüber sprechen, die von Russen vergewaltigt wurden. Weil das kollektiv auf Verständnis stößt und die Russen als Feindbild gelten. Aber eine ältere Frau wird eher für sich behalten, dass sie von einem Amerikaner vergewaltigt worden ist oder von ihrem Ehemann. Und es würde ihr wahrscheinlich auch nicht geglaubt.

Inwiefern hängen Misshandlungen von Frauen mit Missständen im Pflegebereich zusammen? Wie weit liegt es am so genannten „Pflegenotstand“, sprich dem unzureichenden Personalschlüssel?

Da erwischen sie mich bei einem Thema, wo mir die Nackenhaare zu Berge stehen. Erstmal möchte ich dazu aufrufen, dass wir nicht immer diese Trennung machen: Gewalt gegen Frauen, häusliche Gewalt und Gewalt in der Pflege. Es ist immer Gewalt gegen Frauen. In Pflegesituationen leider häufig von Frauen ausgehend. Meiner Meinung nach ist es oft auch ein Alibi, wenn gesagt wird, dass es nur an Überforderung liegt. Ich habe lange in der Pflege gearbeitet. Ich weiß, dass es im Kontakt mit hilfebedürftigen Menschen immer zu Situationen kommen kann, in denen Gewalt entsteht, aber die Frage ist immer: Wie gehe ich damit um? Also ich verwahre mich dagegen, dass das Problem immer auf diesen Zeitfaktor reduziert wird. Und auch, wenn es aus Überforderung geschieht, ist es dennoch Gewalt. Das ist strafrechtlich relevant, nur in der Pflege seltsamerweise nicht. Da wird immer gesagt: Es ist Überforderung, und da müssen wir schauen, wie können wir den überforderten Pflegenden helfen? Dabei wird aber häufig vergessen zu fragen, wie unterstützen wir die betroffenen Frauen, die Gewalt erlebt haben. Das geht oft unter, und das ist fatal.

Was bemängeln Sie ganz allgemein an den geriatrischen Strukturen in Deutschland und Europa? Kommt die psycho-soziale Betreuung älterer Menschen zu kurz?

Natürlich kommt sie ganz klar zu kurz. Also, wenn wir noch mal auf das Thema Demenz zurückkommen. Wenn wir uns da anschauen, wie viele Forschungen seit zig Jahren finanziert werden, diese ganzen Demenzprogramme, für die Gelder rausgeworfen werden und bei denen nichts herauskommt als noch ein neues Heft „Wie geht man am besten mit Demenzerkrankten um?“. Wenn wir all dieses Geld nehmen und in die Betreuung stecken würden, wäre allen besser geholfen. Und ich finde diese Verwissenschaftlichung der Pflege zum Teil auch absurd – wo es doch in der Praxis am Nötigsten fehlt.

Ist nicht die Unterstützung durch das familiäre Umfeld das A und O?

Wenn wir uns häusliche Gewalt ansehen, muss man das ganz klar verneinen. Ich habe lange in der ambulanten und auch in der stationären Pflege gearbeitet. In der stationären Pflege habe ich immer gedacht: ambulant ist super, zu Hause ist super – in der ambulanten habe ich gedacht: Bitte lass diese Frau ins Altenheim kommen. Da ist sie in Sicherheit. Also das ist sehr unterschiedlich. Gewalt gibt es hier wie dort. Deshalb gilt die Aussage nicht: zu Hause ist es besser als im Heim. Im Heim gibt es immerhin ein bisschen mehr Kontrolle.

Wie weit ist die breite Öffentlichkeit sensibilisiert für das Thema „Gewalt an älteren Frauen“? Ist es noch ein Nischenthema?

Die Öffentlichkeit ist sehr wenig sensibilisiert. Auch da nehme ich immer nur diese Diskussion um „Gewalt in der Pflege“ wahr. Bei der dann viele sagen: das gibt’s nicht, bei meiner Mutter ist das Heim toll. Hier wird Biografiearbeit gemacht, und das hat manchmal absurde Folgen. Es geht um Sicherheit und darum, dass Situationen vermieden werden, die durch eine Pflegebedürftigkeit entstehen können. Ich war neulich in einem Altenheim – die hatten im Hof eine riesengroße Kanone stehen. Die hat ihnen der Schützenverein gespendet. Wenn Pfleger und Betreuer dafür sensibilisiert wären, was diese alten Leute erlebt haben, käme niemand auf die Idee, da eine Kanone hinzustellen oder einen alten Koffer als biografisches Highlight an die Wand zu hängen. Da hab ich doch sofort Flucht und Vertreibung im Kopf.

Welche Maßnahmen empfehlen Sie, um dieses Tabu zu brechen und ältere Frauen, die Opfer von Gewalt wurden, zu stärken?

Also einmal geht es natürlich darum, sich das anzusehen, sensibel zu werden, zu verstehen, dass alte Frauen tatsächlich eine Vielzahl von Gewalterfahrungen in ihrem Leben gemacht haben. Und dann muss man verstehen, dass das Ohnmachtssituationen waren, und die Pflegebedürftigkeit ist nun wieder eine Situation der Ohnmacht, und da kann es nur darum gehen, den Frauen so viel Sicherheit wie möglich zu geben. Das heißt auch, abzusehen von Standards, die man in der Pflege gelernt hat, und zu schauen, wie man der Frau in ihrer Ohnmachtssituation so viel Autonomie geben kann wie möglich. Und das geht natürlich nur, wenn man die Sache auf der menschlichen Ebene angeht. Dann müssen zum Beispiel Pflegemaßnahmen nicht um jeden Preis ausgeführt werden. Denn es ist ja oft so, dass es dabei nur nach Körperkriterien geht, also: ist die Frau ordentlich gewaschen? Aber die Frage muss doch sein: geht es der Frau gut? Es geht um die Vermeidung und Veränderung vieler Dinge, die wir nur tun können, wenn wir sensibel sind und wenn wir verstehen, was die Frauen erlebt haben.


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