ARGENTINIEN: Schuldendienst als Ehrensache

von | 29.08.2014

Um den drohenden Staatsbankrott zu verhindern, will die argentinische Regierung Schuldenzahlungen kĂĽnftig nicht mehr ĂĽber die USA, sondern vor Ort abwickeln. Argentinische Linke lehnen den Schuldendienst aber insgesamt ab und haben unterdessen einen Sechs-Punkte-Plan gegen die Forderungen der Hedgefonds vorgelegt.

Ist mit ihrem Vorhaben, Argentinien wieder den Zugang zu internationalen Krediten und ausländischen Investitionen zu öffnen, gescheitert: Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner.

AuĂźer vereinzelten Plakaten gegen die vor Ort „Geier“ genannten Hedgefonds ist in Buenos Aires momentan wenig von dem seit Monaten drohenden Bankrott Argentiniens zu merken. Das Leben in der Metropole am RĂ­o de la Plata geht seinen gewohnten Gang. Dazu gehören auch die fast täglichen StraĂźenblockaden, die ebenso wie andere Proteste derzeit aber vor allem einen arbeits- oder stadtpolitischen Fokus haben. Drängende Probleme fĂĽr die Bevölkerung sind die extrem hohe Inflation und zunehmende Rezession. Daher interessieren die neuesten Nachrichten zu Verhandlungen mit den Hedgefonds in New York oder der von Argentinien beim internationalen Gerichtshof in Den Haag eingereichten Klage gegen die USA die meisten Bewohnerinnen und Bewohner des Landes derzeit nur peripher.

Die Auseinandersetzung um den Staatsbankrott Argentiniens geht derweil in eine neue Runde, wobei der Ton zwischen den Streitparteien merklich schärfer wird. Die argentinische Regierung hat in der vergangenen Woche verkündet, dem New Yorker Bezirksrichter Thomas Griesa die Verfügungsgewalt über die Raten der Schuldenrückzahlungen an die Gläubiger zu entziehen. Die Tilgung der Auslandsschulden soll künftig nicht mehr über die New Yorker Bank Mellon, sondern über ein Treuhandkonto bei der argentinischen Nationalbank abgewickelt werden. Ein entsprechendes Gesetz wird der Kongress voraussichtlich innerhalb kurzer Zeit verabschieden.

Mit dieser MaĂźnahme will die Regierung von Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner verhindern, dass erneut auf Betreiben der Hedgefonds NML Capital und Aurelius Tranchen der Schuldentilgung gepfändet werden. Denn wĂĽrden die Gläubiger den gesamten Nennwert ihrer zu einem Bruchteil erworbenen Staatsanleihen erhalten, drohen Argentinien Nachforderungen von insgesamt etwa 120 Milliarden US-Dollar, was dem zweiten Zahlungsausfall innerhalb von zwölf Jahren gleichkäme. Die Finanzunternehmen können dabei so oder so nur gewinnen. Entweder sie bekommen das Geld mit dem angestrebten 17-fachen Gewinn, oder im Fall eines Staatsbankrotts wĂĽrden Ausfallversicherungen greifen und es lieĂźe sich am RĂ­o de la Plata gĂĽnstig einkaufen. Griesa, der bis jetzt stets fĂĽr die Hedgefonds Partei bezogen hat, beurteilte das Unterfangen Argentiniens als „illegal“ und bewertete das Regierungshandeln als „gesetzlos“. Die argentinische Regierung konterte, indem sie dem 83-Jährigen eine unzulässige Einmischung in die Geschäfte eines souveränen Staates unterstellte und ihm „eine falsche und mitunter imperiale Wortwahl“ attestierte.

Eine mögliche Schuldenfreiheit rückt in immer weitere Ferne und die Abhängigkeit vom Exportmodell steigt beständig.

Zur derzeitigen Pattsituation hat nicht zuletzt die unhinterfragte Akzeptanz der Legitimität der Schulden durch Cristina Fernández de Kirchner und ihren Amtsvorgänger und verstorbenen Ehemann NĂ©stor Kirchner gefĂĽhrt. Die Kirchner-Regierungen haben sich seit 2003 stets als willige RĂĽckzahler der vor allem während der Militärdiktatur (1976 bis 1983) und der neoliberalen Phase in den Neunzigerjahren angehäuften Schulden geriert. Hinter den jĂĽngsten Anbiederungen an den Internationalen Währungsfonds (IWF), den Pariser Club, das Schiedsgericht der Weltbank und Unternehmen wie den spanischen Ă–lkonzern Repsol, der eine hohe Abfindung fĂĽr die Wiederverstaatlichung des argentinischen Erdgas- und Erdöl-Unternehmens YPF erhalten wird, steht mehr als nur die „Ehrung“ der Schulden, wie die RĂĽckzahlung auf Spanisch heiĂźt.

Verbunden mit der vermeintlichen „Ehrensache SchuldenrĂĽckzahlung“ ist vielmehr die Absicht, wieder an die internationalen Finanzmärkte zurĂĽckzukehren, von denen das Land seit dem Bankrott Anfang 2002 weitgehend abgeschnitten ist. Die Prämisse, fĂĽr ein wirtschaftliches Fortkommen sei der Zugang zu internationalen Krediten und ausländischen Investitionen wichtig, eint die Regierung mit weiten Teilen der Opposition. Die Politik der Kirchners war und ist maĂźgeblich auf dieses Ziel ausgerichtet. Sowohl die Devisenkontrolle zum Schutz der Dollarreserven der Nationalbank als auch der RĂĽckkauf der YPF und die Ausweitung des Soja-Anbaus sind vor dem Hintergrund zu sehen. Durch den Gerichtsentscheid zugunsten der Hedgefonds im Juni dieses Jahres ist dieser Weg nun vorerst versperrt worden. Aber selbst wenn die Regierung noch zu einem akzeptablen Kompromiss mit den Hedgefonds gelangen sollte, wäre das Ende der Schuldenzahlungen nicht absehbar. In jedem Fall mĂĽssten innerhalb der kommenden fĂĽnf Jahre jährlich fast neun Milliarden US-Dollar, also insgesamt 150 Prozent der aktuellen Zentralbankreserven, bezahlt werden, neue Kredite sind hierbei noch nicht berĂĽcksichtigt. Eine mögliche Schuldenfreiheit rĂĽckt so in immer weitere Ferne und die Abhängigkeit vom Exportmodell steigt beständig.

Nicht zuletzt deswegen lehnen radikale Linke dieses Vorgehen ab. FĂĽr traditionelle linke Parteien ebenso wie fĂĽr undogmatische Organisationen ist klar, dass die Schulden nicht bezahlt werden dĂĽrfen und schon gar nicht von der Arbeiterklasse. Die Trotzkisten um das ParteienbĂĽndnis „Frente de la Izquierda“ halten sich insgesamt an eher klassische Formeln. Sie sprechen von imperialistischen Interventionen der USA und Europas und einer notwendigen Befreiung Argentiniens.

So richtig beide Aspekte – tatsächliche Abhängigkeit und die Notwendigkeit der Unabhängigkeit – in der Tendenz auch sind, so hilfreich ist ein differenzierteres Bild fĂĽr das Verständnis der aktuellen Situation. Rolando Astarita, Mitglied des Kollektivs linker Wirtschaftswissenschaftler EDI, kritisiert die schematischen GegenĂĽberstellungen und weist darauf hin, dass die Schulden die Konsequenz der Akkumulationsformen des lokalen, abhängigen Kapitalismus sind. FĂĽr ihn ist die einfache Forderung nach einem Ende des Schuldendienstes zu kurz gegriffen. „Wenn wir das machen wĂĽrden, ohne dass sich das Akkumulationsmodell verändert, wäre unausweichlich, dass das Schuldenthema bald wieder aktuell sein wird“, kommentiert der Ă–konom die Interessen der herrschenden Klassen im Land. Diese haben natĂĽrlich keine originär nationalen Interessen und auch bei einem Blick auf die genaue Zusammensetzung der Schulden wird schnell deutlich, dass Forderungen nach nationaler Souveränität teilweise am Kern der Sache vorbei gehen: Durch Umschuldungen sind mittlerweile 66 Prozent der Verbindlichkeiten bei argentinischen Institutionen wie der Zentral- und Nationalbank sowie der Rentenkasse angesiedelt.

Die lokalen Banken, die sich zwischenzeitlich anboten, auch die Schuldtitel der Hedgefonds einzutauschen, drohen nach Ansicht des EDI zu „internen Geiern“ zu werden, da sie im Zweifelsfall auch Strukturanpassungen einfordern könnten. In einer vor kurzem unter dem Titel „Sechs MaĂźnahmen, um gegen die Geier zu siegen“ veröffentlichten Erklärung hat das Kollektiv eine wirtschaftspolitische Antwort zur Schuldenkrise von links entworfen. Darin schlagen sie, neben der Verweigerung der Zahlung an die Hedgefonds und einer allgemeinen Untersuchung zur Natur der Schulden, die Verschiebung der Jurisdiktion der Schuldscheine ebenso wie eine finanzielle Bestrafung derjenigen ökonomischen Gruppen vor, die von Kapitalflucht und Steuerhinterziehung in der Vergangenheit profitiert haben. Im Kampf gegen die internen Gläubiger verlangen sie ein staatliches Monopol ĂĽber den Auslandshandel und die Verstaatlichung des Bankensektors.

„Der Kampf gegen die Geier muss letztlich durch eine Massenbewegung gestĂĽtzt werden“, heiĂźt es weiter in dem Papier. Davon ist allerdings momentan nicht viel zu merken. Daher kann die Regierung Cristina Kirchners mit dem Schuldendienst-Dogma auch weiterhin als Bindeglied fĂĽr einen relativ reibungslosen Ăśbergang zu einer wie auch immer gearteten, auf jeden Fall weiter rechts angesiedelten Nachfolgeregierung fungieren. Nicht ausgeschlossen ist, dass kapitalismuskritische Linke aus der Situation bei den kommenden Wahlen Kapital schlagen können. Sie sind parteipolitisch besser aufgestellt als zuvor und ihre Positionen dĂĽrften populärer werden, wenn sich das Schuldenthema, anders als von Kirchner beabsichtigt, schon vor den Wahlen 2015 innenpolitisch niederschlägt.

Christian Rollmann berichtet als freier Autor aus Argentinien; er ist zurzeit in Buenos Aires.

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