Der Vorsitzende der linken griechischen Partei Syriza, Alexis Tsipras, sucht sich altbekannte BĂĽndnispartner auf dem Weg zur Macht.

Shakehands mit den Popen: Alexis Tsipras zu Besuch in der autonomen Mönchsrepublik am Heiligen Berg Athos. Als Gastgeschenk hat er der Theokratie Steuererleichterungen versprochen, falls er Ministerpräsident werden sollte.
„Tsipras betrachtet sich als kĂĽnftiger Ministerpräsident“, schrieb die „Financial Times“ am 19. September und rĂĽckte in ihrem Bericht erneut den Vorsitzenden der linken griechischen Partei Syriza, Alexis Tsipras, in den Vordergrund. Doch dieser wartet nicht auf den Posten, vielmehr tut er sein Bestes, um möglichst frĂĽh an die Macht zu kommen. Dabei kennt er weder Gewissensbisse noch linke Tabus, was seine neuen VerbĂĽndeten angeht.
Seine neueste Verbündete ist dabei die Kirche. Tsipras hat früher seine Wahlklientel als Atheist umworben, als Syriza noch eine kleine linke Partei war, die die Drei-Prozent-Hürde zu überwinden versuchte und dabei auch Stimmen von linksradikalen Wählerinnen und Wählern bekommen wollte. Heute sieht es anders aus. Die Tatsache, dass Tsipras nicht kirchlich geheiratet hat und seine Kinder nicht getauft sind, würde im Fall, dass Syriza künftig regieren sollte, ob alleine oder in einer Koalition, christlich-orthodoxe Wählerinnen und Wähler abschrecken.
Dem wollte er vorbeugen: Mitte August stattete er der autonomen Mönchsrepublik am Heiligen Berg Athos einen dreitägigen Besuch ab. Die wichtigsten Themen der Gespräche konnte man der Tagespresse entnehmen. „Die Mönche bedankten sich bei Herrn Tsipras fĂĽr seine versprochene UnterstĂĽtzung bei ihren Forderungen nach Steuererleichterungen“, war da zu lesen. Andere Themen, wie die Trennung von Staat und Kirche und der Skandal um die groĂźen GrundstĂĽcke, die sich verschiedene Klöster auf dubiosem Weg angeeignet haben, wurden hingegen nicht diskutiert. Die Kirche sollte sich beruhigen: Es handelt sich bei den Syriza-Politikern nicht mehr um wilde Kommunisten, die eine Enteignung propagieren, sondern um fromme Christen, die das Eigentum schĂĽtzen. Nur vereinzelt kam aus der Partei Kritik. So hat Eleni Portaliou, Mitglied des Zentralkomitees und frĂĽhere Kandidatin bei den BĂĽrgermeisterwahlen in Athen, öffentlich kritisiert, dass die Parteispitze von Syriza alles unternehme, um die Stimmen religiöser Wählerinnen und Wähler zu gewinnen.
Von der religiösen Rhetorik Tsipras‘ sind nicht einmal die mexikanischen Zapatistas verschont geblieben. Die Mönche der Republik Athos, die ĂĽber eine unĂĽberschaubare Menge an Kapital und Immobilien in ganz Griechenland verfĂĽgen, verkörpern Tsipras zufolge das Motto der zapatistischen Bewegung: „Alles fĂĽr die anderen, fĂĽr uns nichts.“ Auf solch beleidigende Vergleiche ist er womöglich durch den innigen Kontakt mit der Schutzikone des Heiligen Bergs, die die Jungfrau Maria darstellt, gekommen. Vor ihr habe er zehn Minuten allein verbringen wollen.
Tsipras lieĂź verlautbaren, die Positionen der Linken seien sehr nah an denen der katholischen Kirche.
Nach dem Besuch auf dem Heiligen Berg hat Tsipras auf dem Weg zum Posten des Ministerpräsidenten noch einen sehr prominenten klerikalen Gesprächspartner gefunden, keinen Geringeren als Franziskus, den „Papst der Armen“. Wäre er der „Papst der Reichen“, hätte ein linker AnfĂĽhrer sicher jeden Kontakt prinzipiell abgelehnt. Tsipras lieĂź verlautbaren, die Positionen der Linken seien sehr nah an denen der katholischen Kirche. Der offiziellen Pressemitteilung zufolge sollen die beiden Männer bei ihrem Treffen buchstäblich ĂĽber Gott und die Welt geredet haben: Armut, Migration, Wirtschaftskrise, Nahost-Konflikt sowie die derzeitige Kriegsgefahr seien diskutiert worden, wobei beide auch gemeinsame Kampagnen gegen das Böse in all diesen Formen beschlossen hätten. Und all dies in zwanzig Minuten, mit Hilfe von Dolmetschern. Es sieht so aus, als wäre jegliche vernĂĽnftige Auseinandersetzung in linken Wählerkreisen angesichts des eifrigen Strebens nach Macht eingestellt worden.
Ein weiterer möglicher BĂĽndnispartner beim Marsch durch die Institutionen könnte das groĂźe Kapital sein, selbst wenn dieses die Form einer kriminellen Vereinigung annimmt. Am 9. Mai, kurz vor den BĂĽrgermeister- und Regionalwahlen, die Syriza als Abstimmung ĂĽber die Politik der nationalen Regierung darstellte, hielt Tsipras eine zentrale Wahlrede in Piräus, der größten Hafenstadt Griechenlands. Als Redner waren auch Thodoris Dritsas, der BĂĽrgermeisterkandidat von Syriza, und Rena Dourou, die Spitzenkandidatin bei den Provinzwahlen in der größten Provinz, Attika, zu der Athen und Piräus gehören, aufgetreten. Nachdem Tsipras das Publikum mit dem politischen Dilemma „Vaterland oder Merkel“ konfrontiert hatte, versprach Dourou, den Hafen nicht den Reedern zu ĂĽberlassen. Damit meinte sie eine Fraktion, die vom Multimillionär Evangelos Marinakis, dem Präsidenten des erfolgreichsten FuĂźballvereins Griechenlands, Olympiakos Piräus, einen Monat vor den Wahlen zusammengestellt worden war, um den Hafen unter seine direkte Kontrolle zu bringen.
Direkt nach der Veranstaltung trafen sich Dourou und Marinakis in einer Taverne, wo sie beim Essen die gegenseitige Unterstützung von Fußballfans und Syriza in der Stadt und der Provinz abgesprochen haben sollen, wie die griechische Presse berichtete. Tatsächlich wurde der von Marinakis unterstützte Kandidat, Ioamis Moralis, Bürgermeister von Piräus und Dourou Provinzgouverneurin. Die Tatsache, dass dem Präsidenten von Olympiakos zugleich die Finanzierung der neonazistischen Partei Chrysi Avgi unterstellt wird und dass er wegen Mitgliedschaft in einer kriminellen Vereinigung, Spielmanipulation, Bestechung und Anstiftung zum Zünden von Feuerwerkskörpern angeklagt worden ist, spielte für die zweitwichtigste Frau Syrizas offenbar keine Rolle.
Tsipras hat sich bereits im FrĂĽhling vorigen Jahres ohne vorherigen Beschluss der Parteiorgane heimlich mit den wichtigsten Medienunternehmern Griechenlands getroffen. Was da besprochen wurde, haben die Parteimitglieder nicht erfahren, was 53 von ihnen dazu veranlasste, einen offenen Protestbrief in der linken Zeitschrift „Unfollow“ zu veröffentlichen. Das Treffen zwischen Tsipras und den Medienunternehmern scheint jedoch konkrete Ergebnisse gebracht zu haben. Von einem „Krieg durch die Medien“, unter dem Syriza frĂĽher gelitten haben will, kann nicht mehr die Rede sein. Vor zwei Wochen haben die etablierten Medien keinen ernsthaften Einwand gegen das Wahlprogramm der Partei geäuĂźert, das Tsipras in seiner Rede bei der Internationalen Messe in Thessaloniki verkĂĽndet hatte.
Des Weiteren sind fĂĽr Syriza gute Beziehungen zu den Sicherheitskräften von groĂźer Bedeutung. Die Polizistentochter Rena Dourou gilt auch hier als die wichtigste Verbindung. Sie marschiert stolz bei Polizistendemonstrationen mit und zeigt Verständnis fĂĽr alle Forderungen der Polizeigewerkschaft. Auf der Website der Sicherheitskräfte wurde sie vor den Provinzwahlen sogar offen favorisiert. Vorige Woche nun besuchte eine Parteidelegation unter der Leitung Tsipras‘ den griechischen Geheimdienst, um mit den Beamten ĂĽber ihre Alltagsprobleme zu diskutieren. Vermutlich hat Tsipras von seinem groĂźen Vorbild Hugo Chávez gelernt, wie wichtig Polizei und Geheimdienste auch fĂĽr eine linke Regierung sind. Da lässt sich leicht erahnen, was seine Gegnerinnen und Gegner erwartet.
Harry Ladis arbeitet als Rechtsanwalt und Publizist in Griechenland.

