Wochenlange friedliche Proteste haben in Guatemala fĂŒr VerĂ€nderungen gesorgt. Der RĂŒcktritt des PrĂ€sidenten und die Absage an korrupte Parteien bei den Wahlen am Sonntag könnten der Auftakt zu einer Wahlrechts- und Justizreform sein.

Erfolgreich: Wochenlang hatten Demonstranten den RĂŒcktritt des guatemaltekischen PrĂ€sidenten gefordert; unser Bild zeigt eine Protestaktion am 27. August. Eine Woche spĂ€ter gab Molina endlich nach. (Foto: Hrvargas / Flickr)
Ganz zufrieden ist Marco Antonio Reyes nicht mit dem Ausgang der PrĂ€sidentschafts- und Parlamentswahlen vom Sonntag, aber etwas wurde doch erreicht. âEs ist super, dass die korrupten Parteien und Abgeordneten abgewatscht wurden. Mich hat sehr gefreut, dass BaldizĂłn auf den letzten Metern noch aus der Stichwahl âšgeflogen istâ, sagt der 59-jĂ€hrige Taxifahrer.
Der PrĂ€sidentschaftskandidat Manuel BaldizĂłn ist Unternehmer, Anwalt und Vorsitzender der konservativen Partei LĂder. Er stammt aus dem Norden Guatemalas und soll seinen Wahlkampf mit Geld aus dem Drogenhandel finanziert haben. Noch vor fĂŒnf Wochen fĂŒhrte er in den Prognosen mit groĂem Vorsprung, doch je weiter sich der Korruptionsskandal um PrĂ€sident Otto PĂ©rez Molina ausdehnte und je gröĂer die Proteste gegen diesen wurden, desto stĂ€rker sanken die Umfragewerte des 45-JĂ€hrigen.
PĂ©rez Molina und anderen fĂŒhrenden Politikern und Staatsbediensteten wird vorgeworfen, Teil des Korruptionsnetzwerks âLa LĂneaâ (die Telefonhotline) zu sein, das im groĂen Stil Zolleinnahmen veruntreut haben soll. BaldizĂłns Partei hatte PĂ©rez Molina lange den RĂŒcken freigehalten. Gemeinsam wollten LĂder, der mĂ€chtige Unternehmerverband Cacif und die Patriotische Partei (PP) von PĂ©rez Molina ein Amnestiegesetz durchsetzen, um einen Schlussstrich unter den von 1960 bis 1996 wĂ€hrenden BĂŒrgerkrieg zu ziehen. Davon hĂ€tte PĂ©rez Molina profitiert, denn auf den seit Freitag voriger Woche in Untersuchungshaft sitzenden ehemaligen General und Geheimdienstchef kommen nicht nur Klagen wegen Korruption, sondern auch wegen Verbrechen gegen die Menschheit zu.
Pérez Molina war in den Achtziger- und Neunzigerjahren im Norden des Landes an Orten stationiert, wo die Armee zahlreiche Massaker beging. Das belegen auch Aufnahmen, die der Dokumentarfilmer Uli Stelzner in einem Archiv in Skandinavien fand.
Mit den Ermittlungen gegen PĂ©rez Molina, der das Land mit harter Hand im Interesse der Oligarchie regiert hatte, nahm auch die Kritik der âšGuatemaltekinnen und Guatemalteken an anderen Kandidaten zu. Das zeigen nicht nur die kreativen Proteste vor den Wahlen, sondern auch deren Ergebnisse.
Die erste Runde der PrĂ€sidentschaftswahl gewann Jimmy Morales, der Kandidat der 2008 gegrĂŒndeten konservativen Partei FCN-NaciĂłn, mit 23,89 Prozent der Stimmen. Am 25. Oktober findet der zweite Wahlgang statt. Der FCN-NaciĂłn ist im Parteiensystem und auf dem Land kaum etabliert. Morales, bekannt geworden als erfolgreicher Komiker und Schauspieler, war mit dem Slogan ânicht korrupt und kein Diebâ angetreten und sagte am Wahlsonntag: âWenn ich PrĂ€sident werde, das verspreche ich, werde ich euch nicht zum Weinen bringen.â Zudem beteuerte er, die Korruption zu beenden.
Vor allem die jĂŒngere Generation trug die Proteste der vergangenen Wochen.
Allerdings wird Moralesâ Partei NĂ€he zur Armee nachgesagt, weshalb der Taxifahrer Reyes seine Stimme lieber dem Kandidaten einer anderen konservativen Partei gab, dem ehemaligen Direktor âšdes guatemaltekischen Strafvollzugs-âšsystems, Alejandro Giammattei, von der 2013 gegrĂŒndeten Partei Fuerza. âMein Kandidat von Fuerza landete abgeschlagen auf dem vierten Platz. Das ist fĂŒr mich etwas traurig, aber ich weiĂ, weshalb ich konservativ wĂ€hleâ, sagt Reyes. Denn Stimmen fĂŒr linke Parteien könnten wie in der Vergangenheit eine Intervention der USA provozieren, so die BefĂŒrchtung des Familienvaters. âUnd was hat es uns gebracht? BlutvergieĂen und TrĂ€nen. Wir könnten viel weiter sein, wenn auch die FriedensvertrĂ€ge von 1996 umgesetzt worden wĂ€renâ, so Reyes.
Diese EinschÀtzung teilt die Philosophin und Menschenrechtlerin Claudia Samayoa. Sie fordert, dass die in den VertrÀgen enthaltenen VorschlÀge zur Reform des Wahlrechts und der Justiz endlich umgesetzt werden. Es geht darum, die Wahlgesetzgebung transparenter zu gestalten, das Hin- und Herwechseln von einer Partei zur anderen zu unterbinden und kleinere Parteien nicht zu benachteiligen, was durch das guatemaltekische Mehrheitswahlrecht der Fall ist.
Reformen, die in den kommenden Wochen und Monaten auf den Weg gebracht werden könnten, denn derzeit ist die neuerwachte Zivilgesellschaft in Guatemala so aktiv, dass der Wunsch nach der Ăbernahme der Kontrolle ĂŒber die Politik, den viele bei der Wahl geĂ€uĂert haben, wahr werden könnte. Viele haben keine Lust auf ein âWeiter soâ, ihr Erfolg hĂ€ngt davon ab, ob es die oppositionellen Gruppen, die sich seit April gegrĂŒndet haben, schaffen, aktiv zu bleiben.
Das wird nötig sein, denn auch die derzeit knapp vor LĂder liegende sozialdemokratische Partei UNE gilt als alles andere als sauber. Ihre PrĂ€sidentschaftskandidatin ist Sandra Torres, die Exfrau des ehemaligen PrĂ€sidenten Ălvaro Colom (2008â2012). Zudem sind 78 der 158 Abgeordneten des Parlaments wiedergewĂ€hlt worden. Das ist nicht unbedingt positiv, denn in der Vergangenheit haben viele von ihnen vor allem in die eigene Tasche gewirtschaftet.
Auch das Kabinett, das unter ĂbergangsprĂ€sident Alejandro Baltazar Maldonado Aguirre zusammentreten wird, steht fĂŒr viele fĂŒr das alte, von Korruption dominierte PolitikverstĂ€ndnis. Der 79-jĂ€hrige Jurist und Parteipolitiker gehörte zu den drei Verfassungsrichtern, die am 20. Mai 2013 das Urteil im Prozess gegen den ehemaligen Diktator EfraĂn RĂos Montt wegen Formfehlern annullierten (woxx 1311). âDas warâ, so der Menschenrechtsanwalt Edgar PĂ©rez, der die Opfer in dem Prozess vertrat, âein Akt der Rechtsbeugung.â Dieser erfolgte im Interesse der Eliten und MilitĂ€rangehörigen. Doch das BĂŒndnis zwischen den groĂen konservativen Parteien, LĂder und PP, und dem Cacif ist Geschichte. Wer nun die Macht ĂŒbernehmen wird, ist unklar.
âWir befinden uns in einer Systemkriseâ, meint Enrique Naveda, der Leiter der Online-Zeitung âPlaza PĂșblicaâ. Diese hatte ein besonderes Augenmerk auf die Wahlberechtigten, die ungĂŒltig oder gar nicht gewĂ€hlt hatten: UngĂŒltig stimmten 4,18 Prozent, einen leeren Wahlschein gaben 5,03 Prozent ab und rund 22 Prozent gingen gar nicht zur Wahl. Eine Wahlbeteiligung von 78 Prozent hatte kaum jemand erwartet und auch die befĂŒrchteten Blockaden, Besetzungen von Wahllokalen und den Raub von Urnen hat es nur ausnahmsweise gegeben â im GroĂen und Ganzen ist die Wahl fair und friedlich abgelaufen. FĂŒr Guatemala und angesichts dieser Vorzeichen war das nicht zu erwarten.
Auch die Tatsache, dass die Proteste gegen PĂ©rez Molina bis zu seinem RĂŒcktritt â der erst erfolgte, nachdem das Parlament am 1. September seine ImmunitĂ€t aufgehoben hatte â friedlich blieben, ist keine SelbstverstĂ€ndlichkeit. SchlieĂlich hat Guatemala den 36 Jahre wĂ€hrenden BĂŒrgerkrieg nie aufgearbeitet und die rund 5.000 Morde, die jedes Jahr registriert werden, zeigen, wie weit Gewalt weiterhin verbreitet ist.
Umso positiver wird in Guatemala der Generationswechsel bewertet, der sich nun bemerkbar macht. Vor allem die jĂŒngere Generation trug die Proteste der vergangenen 20 Wochen und es bildeten sich neue Konstellationen. So hĂ€tten sich Studierende der privaten UniversitĂ€ten mit denen der staatlichen verstĂ€ndigt und seien gemeinsam auf die StraĂe gegangen; plötzlich seien viele neue Gruppen entstanden, die neue Perspektive aufzeigen, sagt der Filmemacher Sergio RamĂrez. Er kann sich vorstellen, sich hier und da zu engagieren, Clips zu drehen und sie bei Demonstrationen zu projizieren. Dass die Proteste weitergehen könnten, bezweifelt er nicht.

