Am Sonntag wird im ostdeutschen Bundesland Sachsen-Anhalt eine neue Landesregierung gewählt. Mit Krisenrhetorik hält die „Alternative für Deutschland“ (AfD) ihre Wähler*innen in Alarmbereitschaft und schüchtert zugleich Gegner*innen und Minderheiten ein. Im Internet-Wahlkampf zeigt sich besonders deutlich, wie die Partei mit der Lust an der Angst Propaganda betreibt.

Profitiert von der Angstlust, aus der die AfD politische Energie gewinnt: Ulrich Siegmund, Spitzenkandidat der Partei in Sachsen-Anhalt. (Foto: EPA/HANNIBAL HANSCHKE)
Einer aktuellen Insa-Umfrage zufolge fürchten sich mehr als 40 Prozent der Befragten vor der „Alternative für Deutschland“ (AfD), unter den über 70-Jährigen sind es sogar mehr als die Hälfte. Zugleich mobilisiert die Partei ihre Anhänger*innen selbst mit Angst. Wie, das zeigt beispielsweise der „X“Account von Kristin Brinker, der AfD-Spitzenkandidatin für die bevorstehende Abgeordnetenhauswahl am 20. September in Berlin: Dort liest man von „Rentenschock“, „Migrantensturm“, Sozialismus, „Clankriminalität“. Unverbundene Ereignisse werden zu einer Untergangserzählung verschmolzen, in der Kontrollverlust, Gewalt und staatliches Versagen drohen. Brinker selbst wirbt mit dem Slogan: „Für ein sicheres und sauberes Berlin“.
Im Gute-Laune-Wahlkampf des Spitzenkandidaten der AfD in Sachsen-Anhalt, Ulrich Siegmund, ist von dieser Angst wenig zu spüren. Tiktok-Videoschnipsel zeigen Siegmund, der sich zuversichtlich gibt, bei einem sogenannten patriotischen Familienfest, Jubel und Heiterkeit im Deutschlandfahnenmeer. Für den Wahlkampf streichelt der Spitzenkandidat Pferde oder stellt sich hinter den Grill. Doch diese Inszenierung darf nicht mit Harmlosigkeit verwechselt werden. Auch Siegmund profitiert von jener Angstlust, aus der die AfD politische Energie gewinnt.
Vielfach wird gefragt, warum AfD-Anhänger*innen eine Partei wählen, deren Politik ihren Interessen widerspricht. Daran anschließend stellt sich die Frage, was die Agitation für die Anhänger*innen so attraktiv macht.
Angst ist ein zentrales emotionales Substrat faschistischer Agitation, wie Leo Löwenthal und Norbert Guterman bereits 1949 in ihrer Studie „Falsche Propheten“ schrieben. Darin zeigten sie, wie autoritäre Agitator*innen reale und diffuse Sorgen ihrer Anhänger*innen aufgreifen: Eine „gesellschaftlich bedingte Unzufriedenheit“, resultierend aus Angst, Misstrauen, Abhängigkeit und Desillusionierung, bildet dafür den Nährboden. Die Agitator*innen halten das Unbehagen wach, steigern es und liefern passende Feindbilder und Untergangsszenarien. Zugleich machen sie ein aggressives Angebot: Der Schutz des Eigenen wird an die Bedrohung und Ausgrenzung anderer gekoppelt. Die Agitator*innen inszenieren sich als Opfer und zugleich als einzige Rettung.
Das zeigte zuletzt die AfD-Co-Vorsitzende Alice Weidel im „Sommerinterview“ mit dem Fernsehsender „ZDF“. Sie gab sich besserwisserisch und respektlos, beschimpfte ihre Gegner*innen als „Flachzangen“, die das Land kaputtmachten, schürte Misstrauen und verkündete: „Wir werden regieren!“
Der AfD zufolge besteht die „feindliche Welt“, die Löwenthal und Guterman als Topos faschistischer Agitation erkannten, heutzutage aus den „Altparteien“, der Antifa, Migrant*innen und dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk. Sie werden zu Schuldigen erklärt, während die Rechtsextremen sich als Hüter der Ordnung und als verfolgte Unschuld gerieren. AfD-Spitzenkandidat Ulrich Siegmund verspricht eine Rückkehr zu alten Zeiten. Den Slogan der derzeitigen Image-Kampagne des Bundeslands Sachsen-Anhalt („Modern denken“) will die AfD durch „Deutsch denken“ ersetzen. Darin zeigt sich eine konformistische Rebellion.
Die Agitator*innen inszenieren sich als Opfer und zugleich als einzige Rettung.
Die Gute-Laune- und Schönwetter-Inszenierung ist keine deutsche Besonderheit. Auch die rechtspopulistischen „Schwedendemokraten“ bauen nicht auf offene Aggression à la Donald Trump, sondern werben mit freundlichen Blümchen und Bienen, glücklichen Kindheitserinnerungen und einer „sicheren Heimat“. Während Siegmund in seinem Wahlkampf mit einem „Simson“- Moped herumfährt, das für DDR-Nostalgie symbolisch ist, gondelt der Vorsitzende der Schwedendemokraten, Jimmie Åkesson, in seinem Wohlfühl-Wahlkampf mit dem Boot umher. Gefordert werden strikte Maßnahmen gegen Kriminalität und Migration, die als Bedrohung gezeichnet wird.
Verstärkung erhält Siegmunds Wahlkampf im Internet durch Youtuber wie Kolja Barghoorn („Aktien mit Kopf“), Marc Friedrich oder den Podcaster Benjamin Berndt, die AfD-Politiker*innen weitgehend unkritisch eine Bühne bieten. Während der rechtspopulistische Youtuber „Clownswelt“ über „verzweifelte Linke“ spottet oder beklagt, dass die AfD verfolgt werde, liefert der extrem rechte Influencer Niklas Lotz alias „Neverforgetniki“ eine zugespitzte Form von Angstproduktion im reißerischen Boulevard-Stil.
Seit August findet man bei ihm zahlreiche Videos, die im Thumbnail Siegmund zeigen. Lotz’ „Eilmeldungen“ erregen die Gemüter zuverlässig: „Es eskaliert!“, „Schock!“, „Notfall!“ Siegmund werde erpresst, durch „feige Anschläge“ bedroht. Darauf folgen ebenso zuverlässig Videos über steigende Umfragewerte, das „Siegmund-Wunder“ und die Zusicherung, dass er zurückschlagen werde. Die Dialektik: Das Publikum soll sich zugleich bedroht und überlegen fühlen.
Die Behauptung der extrem Rechten lautet: Alles wird immer schlimmer – nur wir haben den „Mut zur Wahrheit“, und wir stehen kurz vor dem Sieg. Hier zeigt sich die Angstlust: Die Katastrophenmeldungen sollen erschrecken und zugleich als lustvolles Entertainment fungieren, liefern den Zuschauer*innen Aufregung und Eindeutigkeit sowie die Genugtuung, zu wissen, was „wirklich geschieht“.
Zur Angstproduktion gehört, dass man sich selbst als Opfer inszeniert und das für das eigene Geschäftsmodell zu nutzen weiß. Lotz ruft unentwegt zum Abonnieren und Teilen seiner Inhalte auf mit der Begründung, dass das Unternehmen „Youtube“ oder politische Gegner*innen ihn bedrohten. Unter den Bedingungen von Social Media verhelfen Sorgen und Skandale zu mehr Reichweite. Hier zeigt sich der digitale Autoritarismus, in dem sich die soziale Malaise verstärkt. Dem Publikum wird angeboten, sich als verfolgt und in einer Außenseiterposition zu imaginieren, zugleich kann es mit Klicks zum Erfolg der Bewegung beitragen.
Rechte Agitation verwandelt Angst und Ohnmachtsgefühle in Aggression und Trotz. Die Wahlentscheidung („Dann wähle ich eben AfD“) wird als lustvolle Grenzüberschreitung inszeniert. Im kindlich-trotzigen Patriotismus erleben sich die Anhänger*innen als überlegen: Endlich zeigen „wir“ es „denen da oben“! Der Tabubruch verspricht dabei Nervenkitzel: Untergangsstimmung auf der einen, Lust an der konformistischen Rebellion auf der anderen Seite. Die rechte „Gefühlsgemeinschaft“, wie der Sozialwissenschaftler Florian Spissinger sie nennt, bietet Feindbilder zur emotionalen Entlastung an: Minderheiten und politische Gegner*innen.
Auch die Medien können an der von der AfD angebotenen Angstlust teilhaben. Die „Bild“-Zeitung schrieb vom „Wahl-Krimi“ und antizipiert Gewaltszenarien, auf die sich die Polizei vorbereite, das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ erklärte auf seinem Titel Ulrich Siegmund zum „gefährlichsten Mann Deutschlands“, wodurch das Blatt ihm zugleich Gefährlichkeit, Bedeutung und Macht bescheinigt. Damit wird die Selbstinszenierung eines autoritären Politikers als übermächtige, unaufhaltsame Kraft nochmals verstärkt.
Siegmund wiederum kokettierte mit dem Spiegel-Cover. Auf der Bühne scherzte er, er habe Sorge gehabt, niemand wolle mehr mit dem „gefährlichsten Mann Deutschlands“ zusammenstehen. Das Publikum lachte und jubelte. Was als Warnung daherkam, geriet zur Mythisierung. Den AfD-Anhänger*innen wurde so bestätigt: Das Establishment hat Angst vor uns.
Die Angststrategie der AfD beschränkt sich freilich nicht auf den digitalen Raum. Wer politische Gegner*innen, Journalist*innen und Minderheiten als Feinde markiert, erzeugt reale Angst. Darauf machte kürzlich der Magdeburger „Migra-Streik“ aufmerksam, bei dem rund 130 migrantisch geführte Betriebe ihre Geschäfte für fünf Stunden schlossen, um kurz vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt am Sonntag zu zeigen, was Rassismus, Ausgrenzung und die extreme Rechtsentwicklung im Bundesland für sie bedeuten. Die Angst einer sich bedroht wähnenden Mehrheit wird für die von ihr angegriffene Minderheit zur realen Bedrohung.
Die Gefährlichkeit der AfD zu bestreiten, wäre jene Verharmlosung, auf die die extreme Rechte selbst abzielt. Die Partei jedoch als unaufhaltsame Schreckensmacht darzustellen, bedient wiederum die Angstlust ihrer Anhänger*innen. Eine Praxis der Empathie, Wärme und Solidarität – ohne gesellschaftlich erzeugte Ohnmacht zu leugnen oder in Feindbilder zu übersetzen – könnte der Lust an aggressiver Enthemmung entgegenwirken. Doch wer bedroht wird, braucht seine Kraft oft für Verteidigung oder Rückzug. Umso weniger darf die Gegenwehr den Angegriffenen allein überlassen bleiben.

